Sonntag, 9. April 2017

Artikel: Sechs Punkte zum Tai Chi Chuan (1929)


von Chu Minyi


1. Stellungen

Im Tai Chi Chuan kennt man viele Stellungen, aber sie alle stimmen immer mit den fünf Wandlungsphasen und den acht Trigrammen (zusammen die dreizehn Grundbewegungen) überein. Was versteht man unter den fünf Wandlungphasen?

Vordringen, Zurückweichen, Nach-links-schauen, Nach-rechts-schauen und Im-Zentrum-verweilen.

Was versteht man unter den acht Trigrammen?

Peng, lü, ji, an, cai, lie, zhou und kao.

Diese dreizehn Stellungen müssen vom Übenden des Tai Chi Chuan vollkommen durchdrungen und jeden Tag ohne Unterbrechung geübt werden. Dann wird nach einigen Jahren die Erfahrung größer und tiefer und man kann die Feinheiten dieser Kampfkunst vollkommen erfassen. Davon wird man reichlich profitieren.




2. Bewegungen

Die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind langsam und gleichmäßig. Äußere Kampfkünste zeigen scheinbar schnell Resultate, aber man entwickelt auch leicht schlechte Angewohnheiten. Im Tai Chi Chuan legt man Wert auf die Gewandtheit von Muskeln und Knochen. Daher stehen bei jeder Bewegung Weichheit und Sanftheit an oberster Stelle. Wird eine Bewegung langsam gemacht, ist sie auch weich. Wird sie gleichmäßig gemacht, ist sie auch sanft.

Weiterhin sind alle Bewegungen rund, denn in einem Kreis kann man den Wandel von Voll und Leer entwickeln. Die unendlichen Feinheiten dieser Kunst liegen gerade im Wandel von Voll und Leer. Der Anfänger mag dies vielleicht nicht verstehen, aber übt man eine lange Zeit, wird man große Fertigkeit erreichen und endlose Freude an dieser Kunst haben.


3. Die Vorstellungskraft (yi) benutzen

Beim Training des Tai Chi Chuan ist man vollkommen natürlich. Anstatt sich auf Kraft und Spannung zu stützen, verwendet man die Vorstellungskraft. Der Einsatz von Kraft macht dich unbeholfen. Spannung lässt dich schwerfällig werden. Daher muss man Spannung reduzieren und den Einsatz von Kraft verringern.

Durch die Reduktion von Spannung wird die Atmung gleichmäßig. Durch das Verringern des Einsatzes von Kraft entwickelt man die Kraft des frühen Himmels (ursprüngliche Kraft) und vermindert die Kraft des späten Himmels (erworbene Kraft). Die erste Kraft hat mitgehendes Potenzial. Die zweite Kraft hat dagegenhaltendes Potenzial. Im Tai Chi Chuan ist es wichtig, Dagegenhalten durch Mitgehen zu kontrollieren. Wenn man durch Mitgehen auf Dagegenhalten reagiert, braucht meine keine harte Kraft anwenden.

Der Einsatz von Kraft und Spannung in den äußeren Kampfkünsten hat immer etwas mit hoher körperlicher Belastung zu tun. Dies kann auch für einen starken Menschen sehr anstrengend sein. Daher spricht man auch von hartemTraining. Wird unsachgemäß trainiert, entwickeln sich leicht schlechte Angewohnheiten. Jemand, der jahrelang täglich hart trainiert, seine Kraft vollkommen einsetzt und nichts zurückhält, hat letztlich aber nur oberflächliche Fortschritte gemacht. Tatsächlich hat er kaum innere Kraft entwickelt.

Weil man im Tai Chi Chuan nicht übermäßig Kraft und Spannung einsetzen möchte, stützt man sich ganz auf die Vorstellungskraft. Ist man in der Lage, die Vorstellungskraft einzusetzen, so kann man im innern Kraft sammeln, anstatt sie außen zu offenbaren. Das Qi sinkt in das Dantian und stagniert nicht in der Brust. Vermeidet man übermäßige Kraft und Spannung und trainiert so eine lange Zeit, wird man mehr und mehr Kraft speichern. Braucht man sie schließlich, dann kann man sie auch völlig frei einsetzen, ohne jede Schwierigkeit oder Widerstand.

Man nehme z.B. einen Arbeiter, der den ganzen Tag hart arbeitet. Auch wenn er immer seine ganze Kraft einsetzt, ohne etwas zurückzuhalten, hat er selbst nach einigen Jahren des Arbeitens nicht mehr an Kraft hinzugewonnen. Bei dem harten Training der äußeren Kampfkünste ist es genauso.


4. Kraft abgeben (fajin)

Kraft teilt sich in weiche und harte Kraft auf. Was ist harte Kraft? Es bedeutet, dass die Kraft eine Form von Widerstand enthält und nach vorne gerichtet ist, ganz gleich ob sie klein oder groß ist. Was ist weiche Kraft? Man geht mit dem Ausdehnen und Zusammenziehen der Kraft des Gegners mit, ohne Widerstand zu leisten.

Die Feinheit des Tai Chi Chuan liegt darin, dass wenn es zum Kampf kommt, man nicht die Offensive sucht, sondern die Kraft des Gegners annimmt, ohne Widerstand zu leisten. Man benutzt klebende, weiche Kraft, um die verbissene, harte Kraft des Gegners zu neutralisieren. Man wartet, bis der Angriff des Gegners fehl geht und er es noch einmal versucht. Genau dieses Ungeschick nutzt man aus, folgt seiner Aktion und wechselt von der Defensive in die Offensive. Ist die Kraft des Gegners erschöpft, kann man seinen Schwerpunkt bewegen und ihn sicher besiegen.

Die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind immer rund. Da das eigene Zentrum in der Mitte der Kreise liegt, wird man immer stabil stehen. Auch wenn der Gegner sehr harte Kraft einsetzt, benutzt man die Methode des Mitgehens, um ihn in die Falle zu locken. Setzt der Gegner dann Kraft ein, wird er seinen Schwerpunkt verlieren. Das ist der Moment, die Kontrolle zu übernehmen. In der Kunst des Krieges heißt es:

Vermeide seine Fülle - dringe vor, wo er leer ist.

Das ist die Methode, wie das Weiche das Harte besiegt.


5. Können

Es heißt:

Können entsteht durch andauernde Übung.

Im Tai Chi Chuan ist es genauso. Wer diesem Motto folgt, kann Meisterschaft erreichen. Die Fähigkeit im Tai Chi Chuan beruht auf der Tiefe des Gongfu. Ist das Gongfu tief, kann der Wandel von Voll und Leer klar erkannt werden. Versteht man in einer bestimmten Situation den Wandel von Voll und Leer, dann kann man auch einen intelligenten Weg finden, ihn für sich zu nutzen.

Wann immer man angestrengt versucht, gewandt und lebendig zu agieren, wird man wie ein Übender der äußeren Kampfkünste erscheinen, der zu sehr Kraft und Spannung forciert. Man entwickelt nur starre und ungeschickte Kraft. Das ist ganz verschieden von echtem Können. Setzt man nicht zuviel Kraft und Spannung ein, hält man länger durch und erschöpft seine Kraft nicht.

Weil die Bewegungen rund sind, hat man immer einen stabilen Schwerpunkt. Mit einem stabilen Schwerpunkt hat man ein gutes Fundament entwickelt. Dann braucht man sich über einen Angriff keine Sorgen machen.


6. Sein Leben nähren (yangsheng) - Gesunderhaltung

Die Kampfkünste stellen eine Form der Leibeserziehung dar und so ist die Gesunderhaltung ein wichtiger Teil davon. Das gilt nicht unbedingt für das harte Training der äußeren Kampfkünste, aber das Tai Chi Chuan kann wirklich zur Gesunderhaltung beitragen. Ganz gleich ob stark oder schwach, alt oder jung, ein jeder kann es üben.

Unsere Körper sollte ausgeglichen entwickelt werden, mit einem festen physiologischen Programm. Grobe und heftige Bewegungen passen nicht zu so einem solchen Programm und müssen als kontraproduktiv angesehen werden. Die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind außergewöhnlich leicht und weich. Alle Körperteile bewegen sich gleichzeitig und so wird keines überbeansprucht. Da die Bewegungen weich, sanft und gewandt sind, können sie das Temperament des Übenden harmonisieren und seine innere Natur nähren.

Weil die Bewegungen einem kompletten physiologischen Programm entsprechen, kann man mit ihnen den Körper ausgeglichen entwickeln. Während man übt, darf man nicht zuviel Kraft einsetzen. Auch für Ältere oder Kranke ist diese Übung so kein Problem. Man sagt:

Krankheiten verhindern - die Jahre verlängern.

Das ist bezüglich des Tai Chi Chuan keine leere Phrase.

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