Mittwoch, 9. August 2017

Samstag, 1. Juli 2017

Ein Tai Chi-Klassiker


Das Tai Chi Chuan ist wirklich zu rühmen.
Seine endlose Wandlungen sind einzigartig.

Seine Qualität liegt ganz im Leihen der Kraft des anderen -
ganz vorsichtig, ohne ihn leichtfertig zu ergreifen.


Mittwoch, 7. Juni 2017

Kleiner Gedanke: Zum Pushhands


Ich liebe das Pushhands und in folgendem Zitat habe ich mich wiedergefunden:




Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

Viktor Frankl

Montag, 15. Mai 2017

Buch: The Taijiquan & Qi Gong Dictionary


Do you ever tried to get deeper into the world of Taijiquan & Qigong by studying books or texts in the internet?

Then you may have faced a lot of Chinese words - not only technical terms, but also names of people and names of movements and postures. Often unknown and sometimes looking very similar. Easy to mix them up or get confused.

Angelika Fritz was very aware of this problem and solved it by publishing the Taijiquan & Qigong Dictionary - a paper book with a lot of content:




• covers words, phrases, concepts from Taijiquan, Qi Gong, TCM, and meditation
• ranges from A (e.g. Abdominal Breathing, Ao Bu, Attack the tiger) via M (e.g. Ma Bu, Men Ren, Moxibustion) to Z (e.g. Zai Chui, Zhong Kui, Zuo Wang)
• includes the most important numbers: 1-10, 100, 1000 etc.
• refers to many form movements in Chinese and English
• explains various relevant acupuncture points
• names many present and past masters
• all in all it is 127 pages about Taijiquan and Qi Gong

As a dictionary it is not a book to read through, but to have it on the table for daily use. Lying here it can be a daily friend making the textual world of Taijiquan & Qigong more accessible.

More info: here

Big hug to Angelika (more info here) and thank you for the effort of making this book.

Martin

Dienstag, 2. Mai 2017

Klassiker: Wichtige Punkte beim Üben der Form und des Pushhands


Li Yiyu

Ein früherer Meister sagte:

Beherrscht man "Führe den anderen in die Leere", so beherrscht man auch "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen". Beherrscht man "Führe den anderen in die Leere" aber nicht, so wird man auch "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen" nicht beherrschen können.

Diese Worte fassen vieles zusammen, aber ein Anfänger wird sie nur schwer verstehen. Daher möchte ich sie hier so erklären, dass man sie verstehen und nach langem täglichen Training auch verwirklichen kann.




Möchte man "Führe den anderen in die Leere" und "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen" beherrschen, so muss man zuerst sich selbst und den anderen kennen.

Möchte man sich selbst und den anderen kennen, so muss man zuerst sein selbst aufgeben und dem anderen folgen.

Möchte man sein selbst aufgeben und dem anderen folgen, so muss man zuerst die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil erlangen.

Möchte man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil erlangen, so muss man zuerst den eigenen Körper zu einer Einheit werden lassen.

Möchte man den eigenen Körper zu einer Einheit werden lassen, so muss man zuerst dafür sorgen, dass der Körper fehlerfrei agiert.

Möchte man dafür sorgen, dass der Körper fehlerfrei agiert, so muss man Geist und Qi aktivieren.

Möchte man Geist und Qi aktivieren, so muss man zuerst die Lebenskraft anheben.

Möchte man die Lebenskraft anheben, so muss man zuerst den Geist davor bewahren, sich außen zu zerstreuen.

Möchte man den Geist davor bewahren, sich außen zu zerstreuen, so muss man zuerst Geist und Qi in den Knochen sammeln.

Möchte man Geist und Qi in den Knochen sammeln, so müssen zuerst die Oberschenkel voller Kraft und die Schultern entspannt sein und das Qi muss nach unten sinken.

Die jin-Kraft entspringt den Fersen, wird in den Beinen umgewandelt, in der Brust gespeichert, durch die Hände ausgedruckt und von der Taille beherrscht. Oben arbeiten die Arme zusammen. Unten folgen die Beine einander. Die jin-Kraft wird innen gewandelt.

Erhalten ist Schließen. Abgeben ist Öffnen. Wenn etwas ruht, ruht alles. Ruhe ist Schließen. In der Mitte des Schließens findet sich Öffnen. Wenn sich etwas bewegt, bewegt sich alles. Bewegung ist Öffnen. In der Mitte des Öffnens findet sich Schließen.

Kommt es zum Kontakt, kann man ganz frei drehen und alles ist voller Kraft. Jetzt kann man "Führe den anderen in die Leere" und "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen" beherrschen.

Beim täglichen Üben der Form arbeitet man am Kennen des selbst. Beim Bewegen durch die Stellungen muss der ganze Körper mit den obigen Prinzipien übereinstimmen. Weicht man nur ein wenig ab, muss man es sofort korrigieren. Damit dies möglich ist, sollte man die Form eher langsam, als schnell ausführen.

Beim Pushhands arbeitet man am Kennen des anderen. Seine Ruhe und seine Bewegung müssen genau bestimmt werden. Aber man muss auch sich selbst hinterfragen. Hat man sich selbst gut unter Kontrolle, gilt:

Nähert sich der andere mir, muss ich nicht gegen ihn arbeiten, sondern ich folge seiner Kraft und trete ein. Dann übernehme ich seine Kraft und er wird verlieren. Hat man keine starke Stellung erreicht, liegt das an doppelter Schwere und mangelnden Neutralisieren. Man muss dann nach Yin und Yang, sowie Öffnen und Schließen suchen.

In der Kunst des Krieges heißt es:

Wer sich selbst und den anderen kennt,
wird von einhundert Schlachten einhundert gewinnen.

Freitag, 21. April 2017

Klassiker: Zur Kunst des Tai Chi Chuan





Grenzenlos ist die Kunst des Tai Chi Chuan.
Beim Erlernen ist Wahrhaftigkeit der Leitgedanke.

Für Jahre muss man sich dem Lernen völlig hingeben -
mit ganzem Willen und konzentriertem Geist.

Man beginnt, indem man einem Meister folgt
und schreitet voran, durch Austausch mit den Gefährten.

In Folge von Förderung, Hilfe und Ermunterung
wird man langsam aber sicher zu verstehen beginnen.

Nach einer Schicht dringt man tiefer ein in die nächste
und die nächste und die nächste, ohne Ende.

Das Sich-Eröffnen folgt dem Verschlossen-Sein.
Öffnen und Schließen vervollständigen einander.

Das Tai Chi Chuan zieht einen völlig in seinen Bann
und selbst, wenn man es aufhören wollte, man kann es nicht.

Je besser es anzusehen ist,
desto mehr ist noch zu tun.

Eines Tages erlangt man die Erleuchtung
und dann kann man alles durchdringen.


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Mehr zu den Klassikern des Tai Chi Chuan:




Info: hier




Mittwoch, 19. April 2017

Artikel: Ziele im Tai Chi Chuan


Hu Jingzi

Das große Ziel des Tai Chi Chuan ist die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Das kleine Ziel ist die Entwicklung von kämpferischen Fähigkeiten. Um seinem Schicksal zu entsprechen, muss man seinen Körper mit Qi füllen können. Entspricht man seinem Schicksal, dann kann man seine innere Natur vervollkommnen und letztlich den Geist wandeln. Vom Sohn des Himmels bis zum einfachen Mann, wie könnte dies nicht zu wahrhaftigen Gedanken, zu einem geradlinigen Herzen und zu einer kultivierten Persönlichkeit führen?



Foto: Manos Meisen


Spätere Generationen dürfen die klassischen Texte auf keinen Fall leichtfertig weitergeben, denn es gibt Menschen, die dieses Wissen nicht erhalten sollten. Aber warum haben dann die alten Meister die klassischen Texte an uns weitergegeben? Es hat nichts mit Freundschaft oder Familienzugehörigkeit zu tun, sondern nur mit würdig sein.

Man muss die Leistungen der alten Meister respektieren und darf es nicht wagen, ihre Kunst unüberlegt weiterzugeben. Wenn man der nächsten Generation diese Kunst übermitteln möchte, muss man sein ganzes Herzblut einsetzen, ganz so, wie es die alten Meister taten.


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Wer sich mehr zu solchen Themen im Tai Chi Chuan und ganz allgemein in der Kampfkunst informieren möchte, sollte hier mal schauen:



Mehr Info: hier

Montag, 17. April 2017

Klassiker: Enthaltungen im Tai Chi Chuan


Nach Hu Jingzi


Vier Enthaltungen

1. Trink nicht zuviel Alkohol.
2. Sex sollte nur zwischen Ehemann und Ehefrau stattfinden. Lass dich nicht verführen.
3. Erwerbe keinen unmoralischen Reichtum.
4. Lebe ausgewogen und versuche nicht zu erlangen, was dir nicht bestimmt ist.




Drei kleine Enthaltungen beim Studium

1. Iss nicht zuviel.
2. Trink nicht zuviel.
3. Schlaf nicht zuviel.

Donnerstag, 13. April 2017

Kleiner Gedanke: Über die Bücher und das Lesen

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist sicherlich schon aufgefallen - ich liebe Bücher und das Lesen - im Falle von China und Tai Chi Chuan auch das Übersetzen und Publizieren.




Bei meinen Reisen durch die chinesische Literatur habe ich dabei folgenden kleinen Text gefunden - er hat mich sehr erfreut und so möchte ich ihn euch heute hier präsentieren.

Viel Freude beim Schmökern

Martin


Über die Bücher und das Lesen (1650)

Zhang Chao

Liest man Bücher in seiner Jugend, ist dies, als ob man den Mond durch einen kleinen Spalt betrachtet. Liest man Bücher in erwachsenem Alter, ist dies, als ob man den Mond von einem Hof aus betrachtet. Liest man Bücher in hohem Alter, ist dies, als ob man sich auf einer offenen Terrasse am Mond erfreut. Dies ist so, weil die Tiefe des Eindringens in einen Text von der Tiefe der im Leben gemachten Erfahrungen abhängt.

Nur wer das Buch ohne Worte - das Buch des Lebens - lesen kann, wird auch wundervolle Sätze schreiben können. Nur wer Schwierigstes durchdringen kann, wird auch tiefe Zen-Weisheiten verstehen können.

Die höchste Literatur, vom Altertum bis heute, wurde mit Blut und Tränen geschrieben.

Literatur ist Landschaft auf dem Schreibtisch. Und Landschaft ist Literatur auf dem Erdboden.

Ein Buch zu lesen ist die höchste Freude, aber ein Geschichtsbuch zu lesen ist wenig vergnüglich und macht sehr wütend. Aber neben der Wut findet sich letztlich doch auch etwas Freude.

Die Klassiker sollte man im Winter lesen, dann ist man konzentriert. Geschichtsbücher sollte man im Sommer lesen, dann hat man viel Zeit. Philosophische Werke sollte man im Herbst lesen, dann ist man bereit, seine Meinung ändern. Gesammelte Werke späterer Autoren sollte man im Frühling lesen, dann erwacht die Natur.

Wenn Schriftgelehrte militärische Angelegenheiten studieren, findet das nur auf dem Papier statt. Wenn Generäle Literatur diskutieren, reden sie über etwas, dass sie nur vom Hörensagen kennen.

Für einen begeisterten Leser gibt es nichts, dass nicht zu einem Buch für ihn wird: die Landschaft, das Go-Spiel, Wein, Blumen und der Mond - alles ist ein Buch für ihn. Für einen begeisterten Wanderer gibt es nichts, dass nicht zu einer Landschaft für ihn wird: Bücher, Geschichte, Gedichte, Wein, Blumen und der Mond - alles ist Landschaft für ihn.


Dienstag, 11. April 2017

Artikel: Die drei Stufen beim Training des Tai Chi Chuan


Hao Weizhen

Beim Training des Tai Chi Chuan gibt es drei Stufen:

1. Stufe: In der Anfangsstufe des Trainings ist es, als wäre man mit dem Körper unter Wasser und die Füße stehen auf dem Boden. Der Körper, die Hände und die Füße bewegen sich, als müssten sie ständig gegen den Wasserdruck anarbeiten.




2. Stufe: Der Körper, die Hände und die Füße bewegen sich, als sei man im Wasser, aber die Füße berühren den Boden nicht mehr. Man ist viel mehr wie ein Langstreckenschwimmer, der ganz elegant durch das Wasser gleitet.

3. Stufe: Der Körper wird noch leichter und gewandter und die Füße scheinen auf der Wasseroberfläche zu wandeln. Erreicht man dieses Niveau, muss man behutsam und vorsichtig sein, als stünde man an einem Abgrund oder ginge über Eis. Man darf kein bisschen leichtsinnig werden. Wenn Geist und Qi auch nur ein wenig in Unordnung geraten, muss man befürchten, im Wasser zu versinken.

Sonntag, 9. April 2017

Artikel: Sechs Punkte zum Tai Chi Chuan (1929)


von Chu Minyi


1. Stellungen

Im Tai Chi Chuan kennt man viele Stellungen, aber sie alle stimmen immer mit den fünf Wandlungsphasen und den acht Trigrammen (zusammen die dreizehn Grundbewegungen) überein. Was versteht man unter den fünf Wandlungphasen?

Vordringen, Zurückweichen, Nach-links-schauen, Nach-rechts-schauen und Im-Zentrum-verweilen.

Was versteht man unter den acht Trigrammen?

Peng, lü, ji, an, cai, lie, zhou und kao.

Diese dreizehn Stellungen müssen vom Übenden des Tai Chi Chuan vollkommen durchdrungen und jeden Tag ohne Unterbrechung geübt werden. Dann wird nach einigen Jahren die Erfahrung größer und tiefer und man kann die Feinheiten dieser Kampfkunst vollkommen erfassen. Davon wird man reichlich profitieren.




2. Bewegungen

Die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind langsam und gleichmäßig. Äußere Kampfkünste zeigen scheinbar schnell Resultate, aber man entwickelt auch leicht schlechte Angewohnheiten. Im Tai Chi Chuan legt man Wert auf die Gewandtheit von Muskeln und Knochen. Daher stehen bei jeder Bewegung Weichheit und Sanftheit an oberster Stelle. Wird eine Bewegung langsam gemacht, ist sie auch weich. Wird sie gleichmäßig gemacht, ist sie auch sanft.

Weiterhin sind alle Bewegungen rund, denn in einem Kreis kann man den Wandel von Voll und Leer entwickeln. Die unendlichen Feinheiten dieser Kunst liegen gerade im Wandel von Voll und Leer. Der Anfänger mag dies vielleicht nicht verstehen, aber übt man eine lange Zeit, wird man große Fertigkeit erreichen und endlose Freude an dieser Kunst haben.


3. Die Vorstellungskraft (yi) benutzen

Beim Training des Tai Chi Chuan ist man vollkommen natürlich. Anstatt sich auf Kraft und Spannung zu stützen, verwendet man die Vorstellungskraft. Der Einsatz von Kraft macht dich unbeholfen. Spannung lässt dich schwerfällig werden. Daher muss man Spannung reduzieren und den Einsatz von Kraft verringern.

Durch die Reduktion von Spannung wird die Atmung gleichmäßig. Durch das Verringern des Einsatzes von Kraft entwickelt man die Kraft des frühen Himmels (ursprüngliche Kraft) und vermindert die Kraft des späten Himmels (erworbene Kraft). Die erste Kraft hat mitgehendes Potenzial. Die zweite Kraft hat dagegenhaltendes Potenzial. Im Tai Chi Chuan ist es wichtig, Dagegenhalten durch Mitgehen zu kontrollieren. Wenn man durch Mitgehen auf Dagegenhalten reagiert, braucht meine keine harte Kraft anwenden.

Der Einsatz von Kraft und Spannung in den äußeren Kampfkünsten hat immer etwas mit hoher körperlicher Belastung zu tun. Dies kann auch für einen starken Menschen sehr anstrengend sein. Daher spricht man auch von hartemTraining. Wird unsachgemäß trainiert, entwickeln sich leicht schlechte Angewohnheiten. Jemand, der jahrelang täglich hart trainiert, seine Kraft vollkommen einsetzt und nichts zurückhält, hat letztlich aber nur oberflächliche Fortschritte gemacht. Tatsächlich hat er kaum innere Kraft entwickelt.

Weil man im Tai Chi Chuan nicht übermäßig Kraft und Spannung einsetzen möchte, stützt man sich ganz auf die Vorstellungskraft. Ist man in der Lage, die Vorstellungskraft einzusetzen, so kann man im innern Kraft sammeln, anstatt sie außen zu offenbaren. Das Qi sinkt in das Dantian und stagniert nicht in der Brust. Vermeidet man übermäßige Kraft und Spannung und trainiert so eine lange Zeit, wird man mehr und mehr Kraft speichern. Braucht man sie schließlich, dann kann man sie auch völlig frei einsetzen, ohne jede Schwierigkeit oder Widerstand.

Man nehme z.B. einen Arbeiter, der den ganzen Tag hart arbeitet. Auch wenn er immer seine ganze Kraft einsetzt, ohne etwas zurückzuhalten, hat er selbst nach einigen Jahren des Arbeitens nicht mehr an Kraft hinzugewonnen. Bei dem harten Training der äußeren Kampfkünste ist es genauso.


4. Kraft abgeben (fajin)

Kraft teilt sich in weiche und harte Kraft auf. Was ist harte Kraft? Es bedeutet, dass die Kraft eine Form von Widerstand enthält und nach vorne gerichtet ist, ganz gleich ob sie klein oder groß ist. Was ist weiche Kraft? Man geht mit dem Ausdehnen und Zusammenziehen der Kraft des Gegners mit, ohne Widerstand zu leisten.

Die Feinheit des Tai Chi Chuan liegt darin, dass wenn es zum Kampf kommt, man nicht die Offensive sucht, sondern die Kraft des Gegners annimmt, ohne Widerstand zu leisten. Man benutzt klebende, weiche Kraft, um die verbissene, harte Kraft des Gegners zu neutralisieren. Man wartet, bis der Angriff des Gegners fehl geht und er es noch einmal versucht. Genau dieses Ungeschick nutzt man aus, folgt seiner Aktion und wechselt von der Defensive in die Offensive. Ist die Kraft des Gegners erschöpft, kann man seinen Schwerpunkt bewegen und ihn sicher besiegen.

Die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind immer rund. Da das eigene Zentrum in der Mitte der Kreise liegt, wird man immer stabil stehen. Auch wenn der Gegner sehr harte Kraft einsetzt, benutzt man die Methode des Mitgehens, um ihn in die Falle zu locken. Setzt der Gegner dann Kraft ein, wird er seinen Schwerpunkt verlieren. Das ist der Moment, die Kontrolle zu übernehmen. In der Kunst des Krieges heißt es:

Vermeide seine Fülle - dringe vor, wo er leer ist.

Das ist die Methode, wie das Weiche das Harte besiegt.


5. Können

Es heißt:

Können entsteht durch andauernde Übung.

Im Tai Chi Chuan ist es genauso. Wer diesem Motto folgt, kann Meisterschaft erreichen. Die Fähigkeit im Tai Chi Chuan beruht auf der Tiefe des Gongfu. Ist das Gongfu tief, kann der Wandel von Voll und Leer klar erkannt werden. Versteht man in einer bestimmten Situation den Wandel von Voll und Leer, dann kann man auch einen intelligenten Weg finden, ihn für sich zu nutzen.

Wann immer man angestrengt versucht, gewandt und lebendig zu agieren, wird man wie ein Übender der äußeren Kampfkünste erscheinen, der zu sehr Kraft und Spannung forciert. Man entwickelt nur starre und ungeschickte Kraft. Das ist ganz verschieden von echtem Können. Setzt man nicht zuviel Kraft und Spannung ein, hält man länger durch und erschöpft seine Kraft nicht.

Weil die Bewegungen rund sind, hat man immer einen stabilen Schwerpunkt. Mit einem stabilen Schwerpunkt hat man ein gutes Fundament entwickelt. Dann braucht man sich über einen Angriff keine Sorgen machen.


6. Sein Leben nähren (yangsheng) - Gesunderhaltung

Die Kampfkünste stellen eine Form der Leibeserziehung dar und so ist die Gesunderhaltung ein wichtiger Teil davon. Das gilt nicht unbedingt für das harte Training der äußeren Kampfkünste, aber das Tai Chi Chuan kann wirklich zur Gesunderhaltung beitragen. Ganz gleich ob stark oder schwach, alt oder jung, ein jeder kann es üben.

Unsere Körper sollte ausgeglichen entwickelt werden, mit einem festen physiologischen Programm. Grobe und heftige Bewegungen passen nicht zu so einem solchen Programm und müssen als kontraproduktiv angesehen werden. Die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind außergewöhnlich leicht und weich. Alle Körperteile bewegen sich gleichzeitig und so wird keines überbeansprucht. Da die Bewegungen weich, sanft und gewandt sind, können sie das Temperament des Übenden harmonisieren und seine innere Natur nähren.

Weil die Bewegungen einem kompletten physiologischen Programm entsprechen, kann man mit ihnen den Körper ausgeglichen entwickeln. Während man übt, darf man nicht zuviel Kraft einsetzen. Auch für Ältere oder Kranke ist diese Übung so kein Problem. Man sagt:

Krankheiten verhindern - die Jahre verlängern.

Das ist bezüglich des Tai Chi Chuan keine leere Phrase.

Donnerstag, 6. April 2017

Klassiker: Zehn Arten von Menschen, die man nicht unterrichten sollte


Nach Hu Jingzi

1. Unterrichte niemanden, der eine andere Kunst lernt.
2. Unterrichte niemanden, der keine Tugend besitzt.
3. Unterrichte niemanden, der das Dao von Lehrer und Schüler nicht kennt.
4. Unterrichte niemanden, der schwer versteht.
5. Unterrichte niemanden, der schon mit der Hälfte zufrieden ist.
6. Unterrichte niemanden, der den Schatz erhalten kann, aber den Lehrer vergessen wird.
7. Unterrichte niemanden, der kein reines Herz hat.
8. Unterrichte niemanden, der leicht zornig wird.
9. Unterrichte niemanden, der den weltlichen Begierden zu sehr zugewandt ist.
10. Unterrichte niemanden, der leicht überfordert ist.

Dienstag, 4. April 2017

Klassiker: Das Lied der Geheimnisse


Nach Meister Li




Ohne Form und ohne Gestalt.
Der ganze Körper ist erfüllt von Leere.
Sei ganz natürlich.
Glocken hängen in den westlichen Bergen.
Das Gebrüll des Tigers und der Schrei des Affen.
Die klare Quelle und der ruhige Fluss.
Lenke den Strom und zerstreue das Meer.
Vollende deine innere Natur und finde inneren Frieden.

Samstag, 25. März 2017

Klassiker: Vom vollständigen Gebrauch des Körpers bei den 37 Positionen

Xu Xuanping
nach Song Shuming 1908
Aus dem Chinesischen von Martin Bödicker




1. Anforderung:
Die Emotionen müssen ausgeglichen und der Geist muss ruhig sein.
So ist man leicht und gewandt.

2. Anforderung
Das Qi muss durch den ganzen Körper strömen.
Sein Fluss darf auf keinen Fall unterbrochen sein.

3. Anforderung
Schütze immer deine Kehle,
dann wirst du gegen die Besten dieser Welt bestehen.

Wie kann man dies erreichen?
Ob Innen oder Außen, im Feinen oder im Groben,
vollkommene Meisterhaftigkeit.

Dienstag, 21. März 2017

Klassiker: Das Lied der Anwendungen


Xu Xuanping
nach Song Shuming 1908
Aus dem Chinesischen von Martin Bödicker




Sei leicht und gewandt
und versuche die verstehende jin-Kraft zu entwickeln.

Yin und Yang unterstützen einander,
ohne zu stagnieren.

Vier Unzen bewegen eintausend Pfund.
Dies muss man erreichen.

Dann kann man ganz dynamisch öffnen und schließen
und ist von Stabilität beherrscht.

Sonntag, 19. März 2017

Klassiker: Das Lied der acht Techniken


Xu Xuanping
nach Song Shuming 1908
Aus dem Chinesischen von Martin Bödicker




Peng, lü, ji und an sind so einzigartig,
dass von zehn Fähigen zehn sie nicht verstehen werden.

Ist man gewandt, aber auch solide,
wird man Kleben, Anhaften, Verbinden und Folgen sicher beherrschen.

Cai, lie zhou und kao sind noch außergewöhnlicher,
aber setzt man sie falsch ein, sind sie nur vergeudete Ideen.

Werden Kleben, Anhaften, Verbinden und Folgen beherrscht,
wird man das Zentrum besetzen und es nicht mehr verlieren.

Montag, 27. Februar 2017

Ziran – das chinesische Konzept der Natürlichkeit


von Martin Bödicker

Ein wesentliches Konzept des Tai Chi Chuan, das immer wieder betont wird, ist die Natürlichkeit. Oft taucht dieser Begriff in Bezug auf die Führung der Bewegungen auf. So heißt es z.B. bei Wu Yinghua: „Ob in der Form oder im Pushhands, die Bewegungen sollten natürlich sein.“ (Ma, S. 24). Auch auf die Natürlichkeit der Atmung wird Wert gelegt. In einem Interview der Zeitschrift „Martial Arts“ (Martial Arts, S. 8) antwortet Ma Yueliang auf die Frage, ob das Studium des Tai Chi Chuan mit einer speziellen Atemtechnik verbunden sei: „Nein, man atmet ganz natürlich.“




Ma Jiangbao erläutert dies näher: Anstatt den Atem kontrolliert zu führen oder die Bewegung der Atmung anzupassen, soll beim Lernen der Form genauso geatmet werden wie sonst auch. Durch regelmäßiges Üben wird eine tiefe und volle Atmung erreicht und „die Atmung passt sich dann sehr natürlich der Bewegung an“. (Ma, S. 53 ff).

Die allgemeine Erklärung, dass beim Tai Chi Chuan die Bewegungen und die Atmung natürlich sein sollen, findet in der Regel jeder verständlich und passend. Doch wenn bei Bewegungen Schwierigkeiten in der Ausführung mit der Aufforderung „Ganz natürlich!“ kommentiert werden, stößt dies beim westlichen Tai Chi-Schüler oft auf eine Mischung aus Erheiterung und Hilflosigkeit. Hier entsteht ein Missverständnis aus Unkenntnis des Bedeutungshintergrundes des chinesischen Begriffs ziran, der im Tai Chi Chuan mit „Natürlichkeit“ übersetzt wird. Bei ziran handelt es sich um einen Begriff, der neben seiner umgangssprachlichen Bedeutung auch als philosophischer Fachterminus verwendet wird.




Ziran ist ein Zwei-Zeichen-Wort, das aus den Schriftzeichen zi und ran besteht. Eine einfache Übersetzung des Wortes ziran kann erfolgen, in dem man das Wort als Zusammensetzung aus seinen Einzelzeichen versteht. Im Wörterbuch (Das neue chinesisch-deutsche Wörterbuch) wird das Schriftzeichen zi mit „selbst“ und ran mit „so“ übersetzt. Ziran könnte also „selbst-so“ bedeuten.

Diese Übersetzung ist zwar recht einfach, gibt aber schon einen Hinweis auf den Ursprungsgedanken, der hinter dem ziran-Konzept steckt. Im erweiterten Wörtebucheintrag (Das neue chinesisch-deutsche Wörterbuch) unter ziran heißt es dann: „Natur, natürlich, von selbst, auf natürlichen Wege, dem Lauf der Dinge gemäß“. Ziran kann also mit Natur gleichgesetzt werden, impliziert aber auch eine innere Natur der Wesen und Dinge, welche selbst-so ist.

Schaut man in die Geschichte der chinesischen Philosophie, so findet sich dort die erste Verwendung des ziran-Konzeptes im Laozi, im Zhuangzi,im mohistischen Kanon und im Xunzi (siehe auch Röllike). Das ziran-Konzept ist als Antwort auf die Frage entstanden, was als dao bezeichnet werden kann. Im Laozi-Vers 25 heißt es dazu:

Der Mensch hat als Gesetzmäßigkeit die Erde.
Die Erde hat als Gesetzmäßigkeit den Himmel.
Der Himmel hat als Gesetzmäßigkeit das dao
und das dao hat als Gesetzmäßigkeit das ziran.

Bauer erläutert dazu: „Der Ausdruck ziran, wörtlich mit „von-selbst-so-seiend“ zu übersetzen, begegnet uns zuerst im Daodejing und bezeichnet dort die auf nichts anderes mehr zurückführbare Struktur des dao“. (Bauer, S. 202)

In der daoistischen Tradition v. u. Z. hieß dies, dass man durch den Rückzug in die Natur dem dao näher kam. Indem man dann die Natur beobachtete, imitierte und die menschliche Kultur verwarf, konnte man seine eigene Persönlichkeit vollenden. Im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. wandelte sich diese Vorstellung. Nun musste das dao nicht mehr unbedingt in der Natur selber gesucht werden, vielmehr wurde das eigene Selbst zum Spiegel des dao. Bei Bauer heißt es, dass „eben die alleinige Anerkennung des eigenen Selbst bei allen Lebensäußerungen und Handlungen das entscheidende Charakteristikum jeder „Natürlichkeit“ und „Freiheit“ ist, die beide der Natur und dem dao ebenso zukommen wie dem idealen Menschen“. (Bauer, S. 203)

Nach Wu Yinghua hat die Forderung nach Natürlichkeit auch damit zu tun, dass ein Großteil der Bewegungen im Tai Chi Chuan aus den traditionellen chinesischen Kampfkünsten stammt. Diese Bewegungen sind aber in Übereinstimmung mit der menschlichen Physiologie und den Gesetzen der Natur entwickelt worden. Im Tai Chi Chuan sagt man: „Shen xin ziran – Körper und Herz/Geist sind natürlich“. Durch die Ruhe der Bewegung und der Stille des xin (Herz/Geist) soll der Tai Chi-Übende seine eigene Natürlichkeit finden und pflegen.




Diese Form von Natürlichkeit bezieht sich auf Körper und Geist und ist nicht etwas, das automatisch vorhanden sein muss, sondern sie soll durch einen stetigen Prozess erarbeitet und erhalten werden. Deutlich wird dies auch bei Ma Jiangbaos oben genannten Ausführungen zur Atmung im Tai Chi Chuan (Ma, S. 53 ff): Obwohl die Atmung nicht bewusst gesteuert werden soll, wird die richtige Atmung nur erreicht, wenn die Körperhaltung korrekt ist: aufrechte Kopfhaltung, aufrechtes Steißbein, gerader Rücken, gesenkte Schultern, herabhängende Ellenbogen und gesenktes Becken. Dies sind aber Voraussetzungen, die für die nicht unbedingt selbstverständlich sind und oft erst durch regelmäßiges Tai Chi-Training erreicht und dann erhalten werden können.


· Bauer Wolfgang, China und die Hoffnung auf Glück,
DTV, München 1989
· Das neue chinesisch-deutsche Wörterbuch,
The Commercial Press, Hong Kong 1986
· Ma Jiangbao, Tai Chi Chuan, Mach:Art, Ratingen 1998
· Martial Arts, Heft Nr. 8, Martial Arts Verlag,
Stelle-Wittenwurth 1986
· Röllike Hermann-Josef, Der Ursprung des Ziran-Gedankens
in der chinesischen Philosophie des 4. und 3. Jhs v. Chr.,
Europäische Hochschulschriften: Reihe 27, Asiatische und Afrikanische Studien, Bd 51, Heidelberg, 1994

Montag, 23. Januar 2017

Ein Klassiker-Auszug

Aus: Wichtige Worte zu den kämpferischen Anwendungen

von Chen Changxin


Ganz gleich,
ob vorne, hinten, links oder rechts:
ein Schritt – ein Schlag.

Wenn man auf den Gegner trifft,
sollte es normal sein,
die Oberhand zu erlangen.
Ihm dabei aber die eigenen Techniken
nicht erkennen zu lassen,
das ist vortrefflich.




Die Kunst des Faustkampfes ist wie die Kriegskunst:

Greife dort an,
wo er nicht vorbereitet ist.
Schlage zu,
wo er es nicht erwartet.

Greife an, um zuzuschlagen.
Schlage zu, um anzugreifen.

Leer und dann Voll.
Voll und dann Leer.

Vermeide das Volle und greife die Leere an.

Aus:



Mehr Info: hier

Samstag, 21. Januar 2017

Text: Traktat zur Regulierung der Atmung


Liebe Leser,

die Regulation der Atmung ist ein wesentlicher Bestandteil der chinesischen Kultur. Meist wird sie im Bereich des Daoismus verortet. Im folgenden findet ihr einen Text von Zhu Xi (1130 - 1200 n. Chr.), dem großen Philosophen des Neokonfuzianismus. Er zeigt, dass auch im Konfuzianismus der Atmung eine große Bedeutung beigemessen wurde.

Viel Freude beim Schmökern

Martin Bödicker



Traktat zur Regulierung der Atmung

Zhu Xi


Das von mir verfasste Traktat zur Regulierung der Atmung zeigt eine Methode, das Herz und den Geist zu nähren. Sind Herz und Geist des Menschen nicht gefestigt, ist sein Ausatmen oft zu lang und sein Einatmen oft zu kurz.

Daher muss man die Atmung harmonisieren. Ist sie dann ruhig und gleichmäßig, werden sich Herz und Geist nach und nach festigen. Menzius bezeichnete dies als: den Willen bewahren und die Atmung nicht entgleiten lassen.




Da ist eine Helligkeit über der Spitze meiner Nase.
Ich konzentriere mich völlig auf sie.
Zu jeder Zeit.
An jedem Ort.
Zu jeder Gelegenheit.
Stille und Gelassenheit.
Erreicht die Ruhe ihren Höhepunkt, atme ich langsam aus,
wie ein Fisch im Frühlingsteich.
Erreicht die Bewegung ihren Höhepunkt, atme ich langsam ein,
wie ein Insekt im Winterschlaf.
Die Schwere der Atmung öffnet sich - wunderbar und endlos.
Wer oder was kontrolliert diesen Vorgang?
Es geschieht ganz ohne äußeres Dazutun.
Wie auf Wolken liegend.
Oder im Himmel wandernd.
Ich wage es kaum, es zu beschreiben.
Bewahre das Eine und verweile in Harmonie.
So kann man ein höchstes Alter erreichen.