Montag, 9. November 2015

Kleiner Gedanke: Verschnörkelte Bewegungen


Für mich auffällig an den Bewegungen der großen Meister ist die Schnörkellosigkeit. Sie sind weich, rund und fließend, aber niemals unnötig ausgeschmückt, verziert oder gar, wie die Chinesesen sagen, blumig. Ihr Ausdruck ist der von hoher Konzentration und Beschränkung auf das Wesentliche.




Das dieser Gedanke auch im Westen nicht fremd ist, zeigt sich z.B. bei Gotthold Ephraim Lessing:


Der Besitzer des Bogens

Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz,
mit dem er sehr weit und sicher schoss,
und den er ungemein wert hielt.
Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete,
sprach er:

»Ein wenig zu plump bist du doch!
Alle deine Zierde ist die Glätte. Schade!
Doch dem ist abzuhelfen!« fiel ihm ein.
»Ich will hingehen und den besten Künstler
Bilder in den Bogen schnitzen lassen.«

Er ging hin;
und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen;
und was hätte sich besser auf einen Bogen geschickt als eine Jagd?

Der Mann war voller Freude.

»Du verdienest diese Zieraten, mein lieber Bogen!«

Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen – zerbricht.


Foto von Manos Meisen: Ma Jiangbao

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