Dienstag, 17. November 2015

Einleitung: Wude - der Kodex des chinesischen Kämpfers


Beginnt man chinesische Kampfkunst zu üben, wird man schnell feststellen, dass dies eine Übung für Körper und Geist ist. Sicher werden einem auch früh folgende oder ähnliche Sätze begegnen:

Es geht in der Kampfkunst weniger darum den anderen zu überwinden, sondern vielmehr darum sich selbst zu besiegen.

Die Tugend des Kämpfers ist es, keine Angst zu haben und das Rechte zu verteidigen.

Das Erlernen der Kampfkünste geht über das Einüben von bloßen Bewegungen weit hinaus. Es geht auch um die Entwicklung eines guten Charakters.


Hinter diesen Sätzen steht ein spezieller Moral- und Verhaltenskodex, der Kodex des chinesischen Kämpfers wude. Er ist uralt, aber bis heute von höchster Bedeutung in der chinesischen Kampfkunst. Er beschreibt all das, was über das rein technische Können in einer Kampfkunst hinaus geht. Der Begriff wude besteht im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen:



………………….………..… wu …………...………….. de…………………….……..

Die Bedeutung des Schriftzeichens wu ist relativ klar definiert: militärisch bzw. kämpferisch. Man sollte dabei beachten, dass wu zwei Spähren des Kampfes beschreibt: Die von Mann gegen Mann, aber auch die des Kampfes vieler gegen viele.

Damit erweckt wu immer auch die Assoziation von Krieg und in Texten der chinesischen Antike ist mit wu auch in der Regel das Militärische gemeint. Im Rahmen der Literatur der Kampfkünste versteht man unter wu aber eher den Kampf von Mann gegen Mann und übersetzt ihn in diesem Zusammenhang daher als das Kämpferische. Die Grenze ist jedoch fließend, den man sollte immer daran denken, dass viele Meister der Kampfkünste auch im Militär tätig waren.

Das Schriftzeichen de repräsentiert dagegen im Laufe der Jahrtausende der chinesischen Kultur die unterschiedlichsten Bedeutungen. Im Deutschen finden sich daher je nach Zusammenhang, verschiedene Übersetzungen:

Moral, Tugend, Charakter, Charisma, (innere) Kraft, Potenzial, Exzellenz, Verdienste, Prestige, Güte und Freundlichkeit

Eine direkte Übersetzung von wude könnte also kämpferische Tugenden oder moralische Prinzipien des Kämpfers lauten. Gemeint ist mit wude eine Sammlung von gewünschten Eigenschaften des Kämpfers, sowie Vorschriften und Regeln für sein richtige Verhalten. Dieser Kodex des chinesischen Kämpfers war in der Geschichte der chinesischen Kampfkunst nicht einheitlich formuliert, stützte sich aber auf wesentliche Prinzipien und wurde mit diesen von Generation zu Generation bis heute tradiert.

Der Kodex des Kämpfers soll hier in vier Abschnitten vorgestellt werden. Der erste Abschnitt behandelt die Ursprünge d.h. die kulturellen und historischen Grundlagen. Im zweiten Abschnitt werden grundlegende Prinzipien erläutert. Der dritte Abschnitt Verzweigungen stellt Kodices aus den verschiedensten Kampfkunststilen (auch aus dem Tai Chi Chuan) vor und der vierte Abschnitt leitet in abschließende Überlegungen ein.

Viel Freude beim Schmökern

Martin Bödicker

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