Freitag, 27. November 2015

Kleiner Gedanke: Tai Chi Chuan - Literatur - Gongfu


Relativ regelmäßig bekomme ich Rückmeldung zu meinen Büchern. In der Regel wohlwollend, was mich sehr freut. Eine Anregung der Leser kommt aber immer wieder:

Die Übersetzungen, Beschreibungen und Erläuterungen sind sehr informativ und interessant, aber könnte ich nicht mehr Bücher mit Interpretationen zu den Texten schreiben. Was kann und soll das Geschriebene bedeuten?

Eine schöne Anregung, aber irgendwie wollte ich immer die Texte für sich sprechen lassen.

Gerade las ich dann auch etwas in dem Buch Die Archäologie der Dunkelheit, ein Interview mit Michael Ende, was in diesem Zusammenhang gut meine Gedanken dazu zusammenfasst:

Man hat sich heute ein bisschen daran gewöhnt, dass der Autor jemand ist, der hauptsächlich "sich" erklärt, der "seine" Weltanschauung, "seine" Gedanken, "seine" Gefühle genau erklärt. Und dem Leser bleibt dann eigentlich gar nichts anderes übrig, als sie zur Kenntnis zu nehmen und bestenfalls da und dort zu sagen: Ja, so geht es mir auch, oder darüber denke ich ganz anders. Im Großen und Ganzen verharrt der jetzige Leser in einer konsumtiven Haltung.

Tai Chi Chuan und chinesische Philosophie können ein Werkzeug der Selbst-Werdung (mit oder ohne Kampfkunst) und Selbstreflexion sein. Gerade dies erfordert viel eigene Arbeit - chinesisch: gongfu.




Wie heißt es doch im Lied der dreizehn Grundbewegungen:

Es kommt - ohne dass man es bemerkt - durch Einsatz von viel Zeit und hartem Üben.

Um diesen Prozess zu unterstützen, veröffentliche ich möglichst viel passendes Hintergrundmaterial. Es regt zum Denken über sich und seine geliebte Kunst an, ohne dass eine bzw. meine vorgefertigte Meinung diesen Prozess behindern würde. So kann ein jeder allein oder in der Gruppe - mit oder ohne Lehrer - seine ganz eigenen Fortschritte machen.

Gruß und noch viel Freude beim Schmökern der Bücher.

Eurer Martin

P.S. Aber natürlich rede ich auch gerne über die Inhalte - jedoch eher in Foren, wie z.B. in der Facebookgruppe Die Tai Chi-Ecke.

Dienstag, 17. November 2015

Einleitung: Wude - der Kodex des chinesischen Kämpfers


Beginnt man chinesische Kampfkunst zu üben, wird man schnell feststellen, dass dies eine Übung für Körper und Geist ist. Sicher werden einem auch früh folgende oder ähnliche Sätze begegnen:

Es geht in der Kampfkunst weniger darum den anderen zu überwinden, sondern vielmehr darum sich selbst zu besiegen.

Die Tugend des Kämpfers ist es, keine Angst zu haben und das Rechte zu verteidigen.

Das Erlernen der Kampfkünste geht über das Einüben von bloßen Bewegungen weit hinaus. Es geht auch um die Entwicklung eines guten Charakters.


Hinter diesen Sätzen steht ein spezieller Moral- und Verhaltenskodex, der Kodex des chinesischen Kämpfers wude. Er ist uralt, aber bis heute von höchster Bedeutung in der chinesischen Kampfkunst. Er beschreibt all das, was über das rein technische Können in einer Kampfkunst hinaus geht. Der Begriff wude besteht im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen:



………………….………..… wu …………...………….. de…………………….……..

Die Bedeutung des Schriftzeichens wu ist relativ klar definiert: militärisch bzw. kämpferisch. Man sollte dabei beachten, dass wu zwei Spähren des Kampfes beschreibt: Die von Mann gegen Mann, aber auch die des Kampfes vieler gegen viele.

Damit erweckt wu immer auch die Assoziation von Krieg und in Texten der chinesischen Antike ist mit wu auch in der Regel das Militärische gemeint. Im Rahmen der Literatur der Kampfkünste versteht man unter wu aber eher den Kampf von Mann gegen Mann und übersetzt ihn in diesem Zusammenhang daher als das Kämpferische. Die Grenze ist jedoch fließend, den man sollte immer daran denken, dass viele Meister der Kampfkünste auch im Militär tätig waren.

Das Schriftzeichen de repräsentiert dagegen im Laufe der Jahrtausende der chinesischen Kultur die unterschiedlichsten Bedeutungen. Im Deutschen finden sich daher je nach Zusammenhang, verschiedene Übersetzungen:

Moral, Tugend, Charakter, Charisma, (innere) Kraft, Potenzial, Exzellenz, Verdienste, Prestige, Güte und Freundlichkeit

Eine direkte Übersetzung von wude könnte also kämpferische Tugenden oder moralische Prinzipien des Kämpfers lauten. Gemeint ist mit wude eine Sammlung von gewünschten Eigenschaften des Kämpfers, sowie Vorschriften und Regeln für sein richtige Verhalten. Dieser Kodex des chinesischen Kämpfers war in der Geschichte der chinesischen Kampfkunst nicht einheitlich formuliert, stützte sich aber auf wesentliche Prinzipien und wurde mit diesen von Generation zu Generation bis heute tradiert.

Der Kodex des Kämpfers soll hier in vier Abschnitten vorgestellt werden. Der erste Abschnitt behandelt die Ursprünge d.h. die kulturellen und historischen Grundlagen. Im zweiten Abschnitt werden grundlegende Prinzipien erläutert. Der dritte Abschnitt Verzweigungen stellt Kodices aus den verschiedensten Kampfkunststilen (auch aus dem Tai Chi Chuan) vor und der vierte Abschnitt leitet in abschließende Überlegungen ein.

Viel Freude beim Schmökern

Martin Bödicker

Mehr: hier

Samstag, 14. November 2015

Rezension: Unterrichten aus westlicher und östlicher Sicht


Im aktuellen Taijiquan und Qigong Journal (mehr Info: hier) findet sich eine Rezension von Dietlind Zimmermann (mehr Info: hier) zu zweien meiner Bücher. Hier sollen Auszüge daraus vorgestellt werden:




Da es viele Wege gibt, wie wir von Lernenden zu Lehrenden werden können, …, kann dieses Buch, wenn man es aufmerksam durcharbeitet, zu einer Quelle der (Selbst-)Erkenntnis werden und einen Beitrag zur Professionalisierung des Tai Chi- und Qigong-Unterrichts leisten.

Ergänzt wird dieser westliche Blick aufs Unterrichten durch das zweite Bändchen:




In den Zitaten dieser drei Autoren (Konfuzius, Menzius und Xunzi) geht es um den unerschütterlichen Willen zum Lernen, umfassendes Lernen und reflektierendes Verarbeiten. Die Person des Lehrers und seine Eigenschaften werden hier beleuchtet.



Mein Fazit: Wer immer Tai Chi- oder Qigong-KursleiterInnen oder LehrerInnen ausbildet, sollte den zukünftigen Unterrichtenden diese beiden kleinen Bücher mit auf den Weg geben.

Mehr Infos zu den Büchern: hier

Montag, 9. November 2015

Kleiner Gedanke: Verschnörkelte Bewegungen


Für mich auffällig an den Bewegungen der großen Meister ist die Schnörkellosigkeit. Sie sind weich, rund und fließend, aber niemals unnötig ausgeschmückt, verziert oder gar, wie die Chinesesen sagen, blumig. Ihr Ausdruck ist der von hoher Konzentration und Beschränkung auf das Wesentliche.




Das dieser Gedanke auch im Westen nicht fremd ist, zeigt sich z.B. bei Gotthold Ephraim Lessing:


Der Besitzer des Bogens

Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz,
mit dem er sehr weit und sicher schoss,
und den er ungemein wert hielt.
Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete,
sprach er:

»Ein wenig zu plump bist du doch!
Alle deine Zierde ist die Glätte. Schade!
Doch dem ist abzuhelfen!« fiel ihm ein.
»Ich will hingehen und den besten Künstler
Bilder in den Bogen schnitzen lassen.«

Er ging hin;
und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen;
und was hätte sich besser auf einen Bogen geschickt als eine Jagd?

Der Mann war voller Freude.

»Du verdienest diese Zieraten, mein lieber Bogen!«

Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen – zerbricht.


Foto von Manos Meisen: Ma Jiangbao