Samstag, 24. Oktober 2015

Text: Tai Chi Chuan und chinesische Strategie


Chinesische Strategie hat mich schon immer fasziniert und so las ich gerade in Francois Julliens Buch Detour and Access:

Im alten China war Militär-Strategie mehr als eine spezielle Technik. Sie spiegelte einige der radikalsten Elemente des chinesischen Denkens wieder und durchdringt als Theorie viele andere Disziplinen.

Wenn es ein grundlegendes Prinzip gibt, auf das alle militärischen Abhandlungen bestehen, dann ist es die Vermeidung einer direkten Konfrontation mit einem bewaffneten Gegner. Ein frontaler Zusammenstoß, bei dem zwei Armeen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, wurde als extrem risikoreich und zerstörerisch angesehen.

Die ganze Kunst des Krieges war darauf ausgelegt, dem anderen seine Fähigkeit zur Verteidigung zu rauben und ihn von ihnen heraus zu schwächen, noch bevor die Konfrontation begonnen hat, so dass er im Moment der Konfrontation von alleine kollabiert.

"In hundert Schlachten hundertmal zu siegen", schrieb einer der ältesten Meister der Kunst des Krieges, "ist nicht das letztendliche Ziel, sondern den anderen zu unterwerfen, ohne das es zum Kampf kommt, ist das höchste Können."

"Der beste General ist der, dessen Verdienste man im Traum nicht loben würde, da er ja nur einen bereits besiegten Feind überwunden hat."

Die Kunst des Krieges lehrt uns weniger die Verherrlichung von Kampf, sondern den Weg,wie man siegt, ohne zu kämpfen.


Wie bei anderen Erfahrungen zuvor schafft es Jullien Worte für Gedanken zu finden, die ich beim Tai Chi-Training habe. Tai Chi Chuan ist Philosophie in Aktion. Seine Strategie basiert auf generellen Gedanken des chinesischen strategischen Denkens - gerade die Ideen, die oben beschrieben wurden. Heißt es nicht im Lied der schlagenden Hände:

Führe den anderen in die Leere.
Vereinige und schlage sofort zurück.





Und im Klassiker des Tai Chi Chuan:

Einmal verborgen - einmal sichtbar.
Links schwer - links leer.
Rechts schwer - rechts leer.
Nach oben schauen - umso höher.
Nach unten schauen - umso tiefer.
Zurückweichen - umso länger.
Vordringen - umso küzer.
Eine Feder kann nicht hinzugefügt werden.
Eine Fliege kann sich nicht niederlassen.
Der andere kennt mich nicht.
Nur ich allein kenne den anderen.
Ein unbesiegbarer Held -
ist er das nicht,
weil er dies alles beherrscht?


In der Tat ist er das, aber nicht weil er ein Held westlicher Art ist, der mit übermenschlicher Kraft siegt, sondern er ist wie ein chinesischer Weiser, der mit überlegener Strategie gewinnt.

Noch viel Spaß beim Training.

Zitate aus den Klassikern:


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