Donnerstag, 22. Oktober 2015

Interview: Tai Chi Chuan und Entfremdung


Interview mit Annemie van den Gucht und Peter van den Velde, Wetteren, Frankreich

Martin: Hallo Annemie, hallo Peter, wir kennen uns jetzt seit einigen Jahren und von Anfang an haben wir uns sehr intensiv ganz allgemein über Körperarbeit unterhalten. Einer der Hauptpunkte, der immer wieder dabei aufkam, war der Begriff „Entfremdung“. Könnt ihr uns allen dies noch einmal erklären?

Peter: Der Begriff Entfremdung stammt aus den Arbeiten von Marx, Hegel und Marcuse. Beobachtet wurde er vor allen Dingen in der Ökonomie. Hier findet Entfremdung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung statt. Heutzutage ist diese Entfremdung aber auch gegenüber dem eigenen Körper zu beobachten. Der Kontakt zum eigenen Körper geht verloren. Man sieht es bei so einfachen Dingen wie kochen, essen und anderen grundlegenden Tätigkeiten des täglichen Lebens.

Annemie: Es fängt schon in der Kinderzeit an. Kinder dürfen sich z.B. nicht mehr dreckig machen. Sie dürfen nicht barfuss gehen und alles, was ein wenig gefährlich ist, wird verboten. In der Schule werden sie auf die Stühle gefesselt und sie dürfen praktisch nichts mehr tun.

Peter: Ob bei Erwachsenen oder Kindern, Entfremdung ist der Verlust von Kontakt mit authentischen Dingen.

Martin: Wie ist diese Erfahrung mit eurer Taijiquan-Praxis verbunden?

Peter: Taijiquan kann ein Weg sein, seinen eigenen Körper wieder zu entdecken.




Annemie: Man braucht dazu eine praktische Übung. Taijiquan bietet sich dafür an. Aber Taijiquan ist kein Resultat, Taijiquan ist ein Weg. Für einige Leute kann es ein Schock sein, wenn sie das erste mal fühlen, wie stark sie den Kontakt zu ihrem Körper verloren haben. Sie sehen, wie schwierig schon kleine Dinge sein können, wie z.B. die Hand zur Nase zu führen. Aber das ist schon der Beginn des Bewusstwerdens und damit der Anfang der Heilung.

Peter: Ich denke, das Gebrauchen des Körpers ist auch immer ein Gebrauch der Sinne. Ein wichtiger Grund für die Entfremdung ist es, dass wir oft viel zu rational sind und den Kontakt zu unserem Körper verloren haben. Es geht alles viel zu sehr um das Wissen und viel zu wenig um das Fühlen. Die Bewegungen des Taijiquan sind ein Medium, sich selbst und seinen Körper zu entdecken. Aber das ist auch harte Arbeit.

Martin: Liebe Annemie, lieber Peter, danke für eure Zeit.

Foto: Ma Jiangbao von Manos Meisen

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