Dienstag, 26. November 2013

Artikel: Yang Luchan

Vom Bauern zum Leibwächter

Taijiquan des Yang Luchan in der verbotenen Stadt
Von Jordi Vilá
Aus dem Spanisch übersetzt durch Ana Martin und Jan Ihde
Mit freundlicher Genehmigung des spanischen Taijiquan-Magazins

Das Taijiquan, in seinen verschiedenen historischen Wandlungen, ist ein Werkzeug der spirituellen Ausbildung der daoistischen Mönche, so wie eine Selbstverteidigungstechnik der Bauern des Dorfes Chenjiagou und die Kampfkunst der Leibgarde, die die kaiserlische Familie Mitte des XIX Jahrhundert schützte. Obwohl der zuletzt genannte Punkt eine große Bedeutung hat, hat man sich bis heute sehr wenig mit diesem Thema beschäftigt.

Yang Luchan


Als der Meister Yang Luchan (1799-1872), Kampfkunstexperte das Dorf Chenjiagou (Provinz Henan) verließ, hatte er bereits achtzehn Jahre lang Boxen unter der Vormundschaft seines Meisters Chen Changxing (Mitglied des Chen-Clans 1771-1853) trainiert und sich entschlossen, zu seinem Geburtsort in der Grafschaft von Yongnian, Präfektur von Guangping (Provinz Hebei) zurückzukehren. Es war das dreißigste Regierungsjahr des Kaisers Jao Guang (1850). Angekommen in seinem Dorf, ist Yang zur Familie Wu (Hao) gegangen, um ihr seinen Respekt zu erweisen. Die Familie Wu hatte verschiedene offizielle Posten in der Regierung. Yang und die Familie Wu hatten früher schon Kontakt gehabt, da drei der Gebrüder Wu an den Kampfkünsten interessiert waren und mitgewirkt hatten, dass der aus einfachen Verhältnissen aus einer Bauernfamilie stammende Yang, zum Chen reisen konnte, um dort den Chen-Box Stil zu lernen.

Der älteste der Brüder, Wu Chengping (1800-1884?) war höherer Justizbeamter. Anhand der offiziellen Register weiß man, daß er seine militärischen Strategiekenntnisse und seine Kampfkunst benutzt hat, um die Banditen von Nian zu bekämpfen. Man hält ihn für den Autor einiger der Taijiquan Texte der ersten Generation. Diese Texte haben ein hohes technisches und theoretisches Niveau. Wu Ruqing (1802-1885?) war zweiter Direktor der Justizabteilung am kaiserlichen Hof in Sichuan. Die örtlichen Annalen erinnern an ihn, wegen seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinns und registrieren sein Interesse an den Lebensbedingungen der Gefangenen im Gefängnis, für die Untersuchung politischen Amtsmißbrauchs und weil er ein aktives Mitglied der Gemeinde war.

Wu Yuxiang (1812-1880?) war ein konfuzianischer Sachwalter, der Dank der Unterstützung verschiedener Regierungsbeamter zum Hof kam. Er reiste nach Chenjiagou, um mit Meister Yang Luchan zu lernen, entschließt sich letztendlich aber mit Meister Chen Qingping (1795-1869) im Dorf des Zhaobao zu praktizieren. Er gründete den Wu (Hao)-Stil des Taijiquan und hat mit seinem ältesten Bruder die erste schriftliche Ausgabe der Kampfkunst Texte des Taijiquan - als Klassiker bekannt – geschrieben. Während seiner Amtszeit hat er nicht als Kampfkunstlehrer praktiziert, und hat nur seine Neffen Li Yiyu und Li Qixuan unterrichtet; er war außerdem eine Weile der Vormund des zweiten Kindes von Yang Luchan, der bekannte Yang Banhou.

Yang Luchan hat sich dem öffentlichen Unterrichtswesen der Kampfkunst gewidmet. Seine Kunst im Vergleich zu anderen lokalen Stilen, war sehr geschmeidig und flexibel, beruhend mehr auf ausweichender Bewegung und Neutralität, als auf einen frontalen Schlag gegen die Kraft des Gegners. Da Yang wegen seiner Geschicklichkeit im Boxen der Familie Chen bekannt war, hatten ihn die drei Brüder als ihren Lehrer genommen um seine Kampfmethode zu lernen. Mit einer Empfehlung von Wu Ruqing ist Yang nach Peking gereist, und Dank des Einflusses der Gebrüder Wu bei einem reichen Geschäftsmann namens Zhang einquartiert worden, der Besitzer „eines Anwesens - so groß wie eine Stadt“ war. Zu einem Teil seines Geschäfts gehörten verschiedene Kampfkunst Experten, die für die Sicherheit der Ware verantwortlich waren.

Während eines Banketts, bei dem viele der Gäste ihre Geschicklichkeit beim Boxen zeigten, fiel einem der Zhang-Experten die dünne Gestalt von Yang und seine „weiche“ Technik auf, und er äußerte die Meinung, dass es eine persönliche Beleidigung sei, mit einem so wenig beeindruckenden „Kämpfer“ den Tisch teilen zu müssen. Als Yang gefragt wurde, ob er mit seinem Stil gegen jeden Typ von Gegner siegen könne, gab er eine Antwort, welche in die Geschichte des Taijiquan einging:

„Wenn sie nicht in Eisen oder Bronze gegossen, oder aus Holz geschnitten sind, und wenn ihre Eltern ihnen einen Körper aus Fleisch und Knochen gegeben haben, dann kann ich sie besiegen.“

Der Kämpfer fühlte sich in seinem Stolz angegriffen, und forderte Yang heraus. Yang akzeptierte ohne zu zögern und fügte hinzu, daß er außerdem bereit sei, gegen jeden der dort Anwesenden zu kämpfen. Das Spektakel war kurz: Im Garten des großen Hauses gingen beide Männer in Grundstellung. Der Kämpfer von Zhang griff Yang an, flog hin und war sofort bewußtlos. Danach griff ihn ein anderer Kämpfer an und wurde unverzüglich erledigt. Die restlichen Tischgäste trauten sich nicht mehr, den kleinen Teufel mit den Händen aus Baumwolle herauszufordern. Zurück am Tisch, bot ihm Zhang eine Ehrenstelle an und beauftragte ihn als Chef der Kampfausbildung in seiner Residenz.

Während der Zeit in der Yang seinen eigenen Stil im Hause des Geschäftsmannes unterrichtete, wurde er oft herausgefordert. Die Legenden (welche realistische Ereignisse in geschönter Form erzählen) behaupten, dass Yang gegen viele Kämpfer gekämpft, aber nie jemanden schwer verletzt oder getötet habe. Sein Stil hatte keinen „offiziellen“ Namen, obwohl er mit folgenden Adjektiven bezeichnet wurde:

-Huaquan (Neutralisierendes Boxen)
-Ruaquan (flexibles Boxen) oder
-Minquan (Boxen wie aus Baumwolle)

Diese Namen wurden wahrscheinlich von Zhang geprägt.

Sein Ruf wurde aufgrund seiner Siege immer größer und letztendlich wurden Leute am kaiserlichen Hof auf ihn aufmerksam. So haben Shi Shaonan und der General Yue Guichen seine Dienste als Privatlehrer in der Technik der Kampfkunst eingefordert und ihm damit den Eintritt in die verbotene Stadt ermöglicht. Diese beiden Männer zusammen mit Wang Lauting, einem Mitglied der kaiserlichen Familie, der im Lei Palast residierte, waren die Mitglieder der ersten Generation des Yang Luchan Stils in Beijing. Trotzdem hinterließ keiner dieser Männer einen Stil oder eine Schule für die Nachwelt. Shi Shaonan und Wang Lauting starben an Pocken und der General Yue fiel im Kampf.

Wie hat es Yang geschafft, von den Prinzen der kaiserlichen Familie eingestellt zu werden? Wir können nur Hypothesen aufstellen, da es nur wenig historische Informationen über Yang gibt. Eine dieser Geschichten erzählt, daß er, als er in Beijing ankam, Dank seiner Geschicklichkeit in der Kampfkunst, dem Bataillon der bewaffneten Eskorte Shen Ji Ying geholfen hat, dem von Räubern bestohlenen Prinz Duan eine beträchtliche Menge an Silber zurückzugeben. Aus diesem Grund stand Yang in der Gunst des Prinzen und bekam eine Stelle als Instrukteur der Garde.

Die verbotene Stadt

Als Yang Luchan Mitte des 19.Jahrhunderts zum ersten Mal den Hof betrat, war China von den Mandschuren regiert, einem Volk mit fremder Herkunft, das von den Jurchen abstammt, einer großen Gruppe wandernder Stämme. Diese Stämme wurden ca. 1600 von Nurhaci (1559-1626) vereinigt. Nurhaci, ein charismatischer Führer, wurde der erste mandschurische Kaiser von China. Als er in die Hauptstadt kam, hat er den letzten Ming-Kaiser zum Selbstmord gezwungen und die Mandschuren haben die neue Dynastie Qing begründet (1644-1911), welche fast 300 Jahre währte. Diese Dynastie steht für:

-Rassentrennung
-ein außergewöhnliches Interesse für die Kultur, einen extremen Generationenwechsel, verbunden mit
-einem unglaublichen Anstieg der staatlichen Bürokratie, welche zweifellos wegen der Bevölkerungszunahme in China entstand.

Die Verbotene Stadt inmitten des Mandschuren-Stadtteils in Beijing, war ein rechteckiges Gebäude mit 1.999 Räumen. Die Stadt war in acht Sektionen geteilt, dem charakteristischen Acht Banner Modell der Mandschuren folgend.

Yang Luchan in der verbotenen Stadt

Als Prinz Duan, ein Experte der Kampfkunst, Luchan eine Stelle als Lehrer anbot, ist Luchan bei Hof eingezogen. In seinem Haus trafen sich zahlreiche Kämpfer mit dem Wunsch, dessen Technik zu üben, und damit Zutritt zu dem Korps des Kampfmeisters der Qing-Armee zu haben. Mit der Zeit wurde Yang zum Offizier siebten Grades, Experte in Kampfkunst, einem bedeutenden Posten innerhalb der Hierarchie des Militärs. Neben seinem Unterricht bei Hof, hat er auch normale Bürger trainiert, die nicht den politischen Status der Mandschuren hatten. Er selbst war ein Hanjun (chinesischer Soldat) und kein adeliger Mandschure.


Yang Luchan übte als Meister in dem Truppenlager Shen Ji Ying (Bataillon der bewaffneten Eskorte). Dieses Truppenlager war bekannt, weil seine Mitglieder Feuerwaffen, eine Art lange, aber unhandliche Muskete namens qiang (Lanze) hatten und weil sie ausgezeichnete Kämpfer, viele von ihnen auch ausgezeichnete Reiter waren. Die Feuerwaffen waren sehr beliebt bei den Mandschuren und ihre Anwendung in militärischen Strukturen wurde schon von Huang Taiji, dem zweiten Mandschuren - Kaiser vorangetrieben. Es ist möglich, daß in der Zeit des Yang Luchan, einige westliche Militärs schon als Ausbilder des Bataillons gedient haben. Innerhalb des Hofes hatte er weitere Herausforderungen anderer Experten angenommen. Seine Technik war unvergleichlich und er wurde Yang Wudi „Yang der Unbesiegbare“ genannt. Yang hatte sogar die Mandschuren-Häuser unterrichtet und war Lehrer der acht wichtigsten Prinzen, den Herren der Banner. Infolgedessen wurde er auch als Yang Ba Ye (Yang der Acht Herren) bekannt.

Die Kämpfe waren mehr ein Kampf um Prestige als um das Überleben. Eine Herausforderung eines anderen bekannten Kämpfers zu akzeptieren gehörte zu seinen Aufgaben bei Hof. Während eines Kampfes von Yang war ein intellektueller namens Wen Donhe so von der Technik des Meister verzaubert, dass er folgende Verse als Beweis seines Bewunderung komponierte:

Wenn die Hände das taiji halten, bebt die ganze Welt;
wenn dem Herz die größte Geschicklichkeit innewohnt,
muß sich sogar der Tapferste geschlagen geben.

Angeblich war die Idee „die Hände, die das taiji halten“ so berühmt, daß peu à peu die Kunst des Yang Luchan mit dem Name Taijiquan bekannt wurde: Boxen, das dem Prinzip des taiji-Symbols folgt.


Erläuterung: Die acht Banner
Die acht Banner, (gusa auf mandschurisch, qi auf chinesisch) waren die militärischen und sozialen Organisationen, die unter Kaiser Nurhaci gegründet wurden; jedes Banner (oder Wappen) steht für eine Adelsfamilie. Danach, vom zweiten Kaiser der Mandschuren, Huang Taiji, formte sich das Kaiserreich um diese acht Banner herum und setzte die militärische Struktur fort. Als sich aber die Struktur vom militärischen zum Ämterwesen hin wandelte – das passierte so vom siebzehnten bis neunzehnten Jahrhundert - verloren sie die Macht Kriege zu führen und waren nicht mehr in der Lage weder interne Aufstände noch Angriffe aus dem Osten abzuwehren. Unter den acht Flaggen waren drei ethnische Gruppen zu finden:

-Mandschuren
-Han Chinesen
-Mongolen.

Mit der Zeit erlangten die Han Chinesen die Mehrheit über die acht Banner.

Die Struktur der acht Banner war so festgelegt:
Die kleinste Einheit war der Niru (Zuoling auf chinesisch) und bestand aus dreihundert Männern. Die nächst größere Einheit war der Jalan oder Canling und bestand aus fünf Niru. Das Banner (gusa) bestand aus fünf Jalan.

Jedes Banner unterscheidet sich durch eine bestimmte Farbe und steht für die Macht, welche die acht einflußreichsten Mandschurenprinzen ausübten.

Dienstag, 19. November 2013

Text: Kao - "lehnen" oder "mit dem Körper stoßen"?

Angestoßen durch den Artikel zu kao (hier) kam es im Internet (hier) zu einer lebhaften Diskussion, ob kao nun mit "lehnen" oder "mit dem Körper stoßen" zu übersetzen sei. Ich möchte die Diskussion hier kurz zusammenfassen und hoffe dabei, dass ich Meinungen anderer zu ihrer Zufriedenheit wiedergebe.

Es begann alles mit dem Hinweis, dass kao in richtiger Weise mit "lehnen" zu übersetzen sei.


Die Wörterbücher

Im neuen Chinesisch-Deutschem Wörterbuch findet man zu kao:

an … lehnen, sich anlehnen, sich auf etwas stützen, sich nähern, näherkommen, angewiesen sein auf




Im Großen chinesischen Wörterbuch (Zhongwen da cidian) Bd.9, Eintrag 43559, S. 1616 ergibt sich dazu folgendes (Danke an Hermann Bohn):

Es existieren 3 Aussprachen: kao(4), ku(4) und gu(4):

Nr. 1: gegen einander vorgehen
Nr. 2: aufeinander beruhen
Nr. 3: Ärger machen - gleichbedeutend zu gao(3)

In Mathews' Chinese English Dictionary findet sich:

Von etwas abhängen, auf etwas vertrauen, auf etwas stützen/lehnen, nahe zu

Resultat: "Lehnen" ist in Wörterbüchern also zu finden, ein "stoßen" jedoch nicht.


Ist kao als "stoßen" vielleicht ein Tai Chi-Fachwort?

Im Tai Chi Chuan meines Lehrers ist kao klar ein stoßen mit dem Körper. Es wird mit der Schulter, dem Rücken oder der Hüfte aktiv gestoßen. Es wurde mir bestätigt, dass dies auch bei anderen Lehrern und Stilen so geübt wird. Auch die Klassiker zu kao gehen von einer heftigen und schnellen Bewegung aus. Man kann also annehmen, dass kao in dieser Form ein Tai Chi-Fachwort ist.

Andere Tai Chi'ler haben kao jedoch auch anders kennengelernt. Dabei "lehnt" man sich auf den gegnerischen Kraftvektor, das geht schnell bzw impulsartig oder langsam, hoch oder tief. Aus diesem "lehnen" kann sich dann ein "stoßen" entwickeln.

Oder auch, dass man eine Situation schafft/ausnutzt, in der der Gegner einen braucht, um sich selber "anzulehnen" - also in dem Sinne, dass man dem Gegner mit Schulter/Rumpf eine "Stütze" bietet, von der er dann abhängig ist, die man ihm dann aber überraschend nimmt und den statischen Kollaps für Folgetechniken wie ihn zu Boden bringen nutzt; in gewissem Sinne ist es also eine spezielle Art des "leer machens".

Kao wird auch als das "Prinzip des Lehnens" beschrieben, das als Anwendung z.B. einen Stoß hat. Hier werden die 13 Grundbewegungen allgemein als Prinzipien verstanden, die sich in mannigfaltigen Techniken offenbaren.


Was ist kao nun? "Lehnen" oder "stoßen"?

Ich denke, wie so manches Tai Chi-Fachwort ist jede Übersetzung nur eine Hilfe. Am besten wäre es, kao einfach unübersetzt zu lassen. Wenn es aber übersetzt wird, muss es zu dem jeweiligen Stil und Lehrer passen. Ein über den Tellerrand schauen, wie hier, kann das eigene Wissen aber enorm vertiefen.

Soweit die Diskussion. Wie ich finde, sehr spannend und lehrreich. Wie doch die Übersetzung eines Fachwortes einen dazu bringt, über die Inhalte des Tai Chi Chuan nachzudenken. Ich danke allen Beteiligten.

Gruß

Martin

News: Rezension zum Tai Chi-Klassiker Lesebuch


Im neuen Taijiquan & Qigong Journal findet sich eine Rezension vom Almut Schmitz zum Tai Chi-Klassiker Lesebuch:

Dieses Werk, dem man in seiner schlichten Aufmachung die immense Arbeit, die dahintersteht, auf den ersten Blick gar nicht ansieht, ist eine große Hilfe für alle Taiji-Praktizierenden, die zu einem tieferen Verständnis des Taijiquan vordringen wollen. Ohne die häufig üblichen Fußnoten und Anmerkungen und mit den begleitenden Erläuterungen ist es für alle geeignet, die noch relativ am Anfang ihres Taiji-Weges stehen, aber auch viele erfahrenere Übende und Lehrende werden unter den 29 klassischen Texten noch einiges entdecken können.

Mehr: hier

Sonntag, 10. November 2013

Artikel: Kao - der Stoß mit dem Körper

Kao ist eine Technik, bei der der Rumpf zum Angriff eingesetzt wird. Ma Yueliang kommentiert erklärt:

Kao ist eine offensichtliche Kraft. Es ist der Gebrauch der Schultern und des Rückens, um die leeren (xu) Stellen des Gegners anzugreifen. Es ist Kraft leihen und Kraft gebrauchen. Es ist auch eine oft benutzte Technik, wenn man beim Angriff des Anderen nicht rechtzeitig mit den Händen wechseln kann. Kao ist wie das Ausdehnen von Gas – schlagartig bricht es aus. Der Andere kann dabei sehr stark erschüttert werden.“ (Ma, Xu, S. 11)


Kao ist also eine sehr explosive Technik. Ma Yueliang legt jedoch darauf Wert, dass kao nur dann effektiv ist, wenn es aus der richtigen Situation heraus angewendet wird, d.h. das man die leeren Stellen des Angreifers mit kao erreicht. Diese Situation wird im Chinesischen mit jishi (günstige Gelegenheit und strategischer Vorteil) bezeichnet. In der Abhandlung zum Taijiquan (Taijiquan lun) heißt es dazu:

„Durch Vordringen und Zurückweichen erlangt man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil. Erlangt man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil nicht, wird der Körper unorganisiert und durcheinander sein.“
(Bödicker, S. 23)

Schätzt man die Situation also falsch ein, ist der Gebrauch von kao sehr riskant. Der Partner kann die entstandene Kraft neutralisieren und sie eventuell sogar leihen. So wird man mit Sicherheit seinen Schwerpunkt verlieren. Im schlimmsten Fall wird der Angriff nicht nur misslingen, sondern man kann auch selber geschlagen werden. Man sollte also immer darauf achten, nur die leeren Stellen des Anderen anzugreifen. Gelingt dies im Training optimal, sollte man den Ratschlag von Ma Jiangbao folgen und kao nur sanft einsetzen, um den Partner nicht zu verletzen. Ansonsten kann es zu der Situation kommen, die im Lied der 13 Grundbewegungen von Li Yiyu beschrieben ist:

"Bei kao suche ich zuerst das Dreieck. Ich platziere mich vor seinem Unterleib mit dem Blick seitwärts nach unten. Taille und Körper drehen sich zusammen und so schickt man den anderen zum König der Hölle."
(Bödicker, S. 59)


Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, Willich, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986

Zur Diskussion zu diesem Artikel: hier

Freitag, 1. November 2013

News: Lou Reed starb beim Tai Chi Chuan

Nach den Worten seiner Ehefrau Laurie Anderson ist Lou Reed beim Ausführen von Tai Chi Chuan gestorben:

"Er ist gestorben, während er die Bäume anschaute und Tai Chi Chuan mit seinen sich in der Luft bewegenden Musikerhänden gemacht hat."


Mehr (english): hier