Freitag, 27. September 2013

Artikel: Zhou - die Ellbogenkraft


Im Tai Chi Chuan spricht man von den 13 Grundbewegungen (shisanshi). Eine dieser Grundbewegungen ist der Einsatz des Ellenbogens (zhou). Der Einsatz von zhou wird im Klassiker Das Geheimlied der acht Methoden (Bafa mijue) näher erläutert:

„Wie erklärt man die Bedeutung von zhou?
In dieser Methode gibt es die fünf Wandlungsphasen.
Yin und yang trennen sich in oben und unten.
Voll und Leer müssen klar unterschieden werden.
Den verbundenen Bewegungen kann man sich nicht widersetzen.
Bei Faustschlägen wird es noch heftiger.
Wenn man die sechs jin-Kräfte durchdrungen hat,
sind die Anwendungen unerschöpflich.“
(Bödicker, S.62)

Der Einsatz des Ellenbogens ist eine höchst effektive und gefährliche Technik. Dies verleitet aber leicht dazu, sie gegen die Kraft des Partners einzusetzen, um so seinen Angriff zu brechen. Dies ist aber nicht richtig. Ma Yueliang kommentiert zu zhou:

„Man drückt auf die leere Stelle des Anderen."
(Ma, Xu, S. 11).

Hier wird zum zweiten mal darauf hingewiesen, dass das yin-yang-Paar "Voll und Leer" bei zhou von Bedeutung ist.

Das Paar "Voll und Leer" wird auch von alters her in der strategischen Literatur Chinas verwendet. So ist z.B. in Sunzis Die Kunst des Krieges (Sunzi bingfa) ein ganzes Kapitel mit „Voll und Leer“ benannt. In ihm weist Sunzi daraufhin, dass man „auf dem Weg zum Sieg, die vollen Punkte des Gegners vermeidet und die leeren angreift“ (Ames, S. 124). Wu Gongzao, der zweite Sohn Wu Jianquans, formuliert es in seinem Aufsatz „Voll und Leer“ ganz ähnlich:

„Im Krieg ist List die Regel und mit Strategie besiegt man den Anderen. Mit Strategie ist Voll und Leer gemeint. … Wenn der Andere voll ist, vermeide ich ihn. Wenn der Andere leer ist, greife ich an.“
(Wu, S. 21)

Aus der Sicht der chinesischen Strategemik richtet sich ein Angriff nie gegen die Kraft des Anderen. Vielmehr wird vor dem Angriff versucht, die leeren bzw. schwachen Stellen des Anderen auszumachen. Ein Angriff findet dann nur hier statt und ist so auf jeden Fall Erfolg versprechend. Im Tai Chi Chuan ist bei dieser Vorgehensweise das Fühlen (tingjin) von besonderer Bedeutung, denn nur so können die leeren Punkte auch ausgemacht werden. Die Fähigkeit des Fühlens darf sich aber nicht nur auf die Hände erstrecken, sondern muss auch in den Ellenbogen entwickelt werden.


Ames Roger, Sun-tzu: the art of war, Ballantine Books, New York 1993
Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Willich, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986
Wu Gongzao, Taijiquan Jiangyi, Shanghai Shudian, Shanghai 1995



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