Samstag, 24. August 2013

Artikel: Tai Chi für Kinder

von Arno Matthias, Win-Do@gmx.de, Homepage


„Das Leben eines Kindes ist so beengt durch Einschränkungen, Vorschriften und Enttäuschungen, dass jeder Weg zu einer inneren Befreiung wesentlich wird.“ (Haim Ginott)

Das Unterrichten von Kindern unterscheidet sich fundamental vom Unterricht mit Erwachsenen. Es ist viel schwerer, und wir haben viel mehr Verantwortung. Erwachsene kommen freiwillig, mit selbst festgelegten Zielen; wenn ihnen Tai Chi nicht gefällt, kommen sie nicht wieder. Kinder werden oft zum Unterricht geschickt, überredet oder gar genötigt; oder sie kommen zwar freiwillig, wählen z.B. TJQ als Schul-AG, aber nur weil sie glauben, hier abgammeln zu können. Kinder zeigen ihren Unwillen gerne direkt, häufig durch Stören.

Erwachsene kommen mit langfristiger Perspektive, auf die Kinder hat man in aller Regel nur kurzen Zugriff. Dennoch erwarten einige Eltern und Lehrer „Wunder-Heilungen“. Das Unterrichten von Sechsjährigen unterscheidet sich noch einmal sehr vom Unterrichten zehn- oder 15-jähriger Kinder. Das Alter liefert jedoch nur einen groben Hinweis, auf welchem Entwicklungsstand, und der ist für uns entscheidend, sich die SchülerInnen befinden. Sprachverständnis, Vorwissen, Sozialverhalten, (Selbst-) Motivation, Konzentrationsdauer - alles befindet sich noch in der Entwicklung. Diese Tatsache verlangt von uns Lehrern große Anpassungsfähigkeit und oftmals Improvisationstalent. Kindergruppen sollten möglichst altershomogen sein. 13-jährige Teenies machen auf dem Absatz kehrt, wenn sie 10-jährige „Babys“ sehen.

Der Entwicklungsstand entscheidet über die angemessene Methodik.

Sind die Kinder noch recht jung, muss viel Zeitaufwand für Grundlagen-Training eingeplant werden, vor allem für das Einüben von Gruppenregeln. Aber auch Grundwissen über den menschlichen Körper (Was ist Stress? Was ist Angst? Was ist Bauchatmung?, Unterschied Anspannung/Entspannung, Bewegungsspielraum der Gelenke, Ausrichtung der Knochen je nach Absicht usw.) und über die Umwelt (Schwerkraft, Kraftvektoren, Superposition von Kräften usw.) darf niemals vorausgesetzt werden.

Ganz wichtig und ganz schwer: die richtige SPRACHE zu finden!

(s. Buchtipp Faber/Mazlish) Nichts kann man voraussetzen, keine Fremdwörter, keine abstrakten Begriffe, kein Weltwissen. Da uns die Art zu reden selbstverständlich geworden ist, müssen wir sie uns wieder bewusst machen, uns selbst kritisch hinterfragen (dieser Vorgang ist uns von unseren Bewegungsgewohnheiten ja bereits vertraut) und in aller Regel konkreter und einfacher im Ausdruck werden. Sinn-voll ist, was die Sinne anspricht. Alle Begriffe müssen für die Kinder unmittelbar spürbar sein, alle geistigen Inhalte müssen durch bildhafte Analogien und körperliche Übungen vermittelt werden. Gut zu verwenden sind z.B. die bildhaften Namen der Form.

Ebenfalls ganz wichtig: die Kinder als vollwertige Menschen respektieren!

„Es gibt nur einen Weg, der uns zum Sieg führt: Das Vertrauen der Kinder gewinnen.“ (Haim Ginott). Kinder sind nicht unfertige Erwachsene, die WENIGER können und wissen, sondern sie haben ANDERE Fähigkeiten. Wer ihnen aufmerksam zuhört, kann eine Menge lernen. Wer ihnen Respekt entgegenbringt, bekommt Respekt zurück.

Nach Freud ist Kindheit der Weg vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip. Je jünger die Kinder, umso weiter links sind sie auf dieser Skala. Vernunft ist für sie uninteressant. Sie wollen spielen, und sie wollen Spaß. Deshalb kommt Humor, insbesondere selbstironischer, immer gut an. Mit (dosierter) Albernheit lässt sich mehr erreichen, als mit guten Argumenten oder mit Druck. Erziehung sollte Spaß machen. „Wenn es ihnen keinen Spaß macht, geben sie sich vielleicht zu viel Mühe.“ (Judith Rich Harris)

Veranstaltungsorte -und damit unsere Verdienstmöglichkeiten - bestimmen den Inhalt:

In einem Kampfsportclub (s.u. Text von Dietlind Zimmermann) sollen/wollen die Kinder eher Kämpfen lernen, Selbstvertrauen aufbauen, evtl. ADHS lindern.
In Schulen, KiTas und Offenen Ganztagseinrichtungen könnten folgende Lernziele (und damit unsere selling points) im Vordergrund stehen:

TJQ ist gut für...
Körper, Geist und Gruppe
Körperbewusstsein
Kraft, Ganzkörperaktionen, Gleichgewicht usw. (wie Erwachsene)
Konzentration, Ruhe/Ausgeglichenheit/Gelassenheit, Coolness, geistige Ausdauer, Geduld, Meditation; eine Webseite heißt „Entschleunigte Kinder und Jugendliche“
Anatomie- und Physik-Kenntnisse
Bewegungsfreude, vom passiven Sehen zum aktiven Spüren und spielerischem Erforschen
Ziran, Körper und Geist verbinden
Selbstvertrauen; „Kung Fu“; etwas können, was die Eltern nicht können
Ich-Stärkung, z.B. den eigenen Gefühlen vertrauen
Sozialverhalten, Regeln einhalten, Respekt vor dem Partner, Umgang mit Druck (geistig und körperlich)
Von Abhängigkeit zur Autonomie (Selbst-Wert, Selbst-Vertrauen, Selbst-Beruhigung, Selbst-Tröstung, Selbst-Motivation usw.)
Freude am Lernen - durch direkte Erfolge

Zitate
Children need love, especially when they do not deserve it.
Harold S. Herbert

Child-rearing is not something a parent does to a child: it is something the parent and the child do together.
(Kindererziehung ist nicht etwas, das Eltern für ihr Kind tun - es ist etwas, dass Eltern und Kind gemeinsam tun.)
Judith Rich Harris

Die sogenannte "normale" Umgangssprache macht die Kinder wahnsinnig. Dieses Beschuldigen und Beschämen, das Predigen und Moralisieren, das Fordern und Befehlen, das Ermahnen und Anklagen, das Lächerlichmachen und Herabsetzen, das Drohen und Bestechen, das Diagnostizieren und Prognostizieren - alle diese Techniken brutalisieren, vulgarisieren und enthumanisieren die Kinder. Ein gesunder Geisteszustand wird nur erreicht, wenn wir unserer eigenen inneren Wirklichkeit vertrauen, und dieses Vertrauen entsteht nur im Verlauf von echter Kommunikation.
Leo Buscaglia

Dietlind Zimmermann (s.u. Weblinks):
„Aus zwei Gründen überlegen besorgte Eltern, ihre Kinder in eine Kampfkunstschule zu schicken: Raufbolde sollen sich austoben können und zugleich lernen, ihre Energien zu disziplinieren und schüchterne Kinder, die zum Prellbock der anderen auf dem Schulhof werden, sollen lernen sich zu behaupten.
Für beide ist dies generell eine gute Idee!
Tai Chi Chuan ist eine Innere Kampfkunst und mit ihr soll Innere Stärke entwickelt werden - Wie zeigt sich Innere Stärke? Körperlich z.B. als Entspanntheit, Lockerheit, sicherer Stand, Flexibilität, Ausdauer.
Die innere Stärke des Geistes zeigt sich, wenn jemand sicher 'seinen Standpunkt' vertreten kann, sich nicht 'aus der Ruhe bringen' lässt durch Provokationen oder Ablenkungen, wenn man 'locker drauf' bleibt - auch wenn man 'dumm angemacht wird', wenn man weiß, wie man einen Streit vermeiden oder schlichten kann.
In der Partnerübung erfahren die Kinder Freude an den eigenen Stärken und Fähigkeiten, aber auch Verantwortung für den anderen - und sie lernen, dass es am besten 'klappt', wenn sie ihre Übungspartner nicht als Gegner sondern als Mitspieler begreifen.“

Ankündigung meiner Veranstaltung "Tai Chi für Jugendliche", VHS Kaarst:
“Action und Relaxen, Spannung und Entspannung, Selbstverteidigung und Meditation... Tai Chi ist eine chinesische Kampfkunst, die den harmonischen Ausgleich sucht zwischen schnell und langsam, hart und weich, angreifen und ausweichen. Tai Chi verbessert das Gefühl für den eigenen Körper, die Konzentrationsfähigkeit, die Beobachtungsgabe, das Reaktionsvermögen, die Muskulatur, Atmung und vieles mehr. Komm mit auf eine Entdeckungsreise zu deinem Kraftzentrum!”

Bücher:
Adele Faber & Elaine Mazlish: How to talk so kids can learn. ISBN 0-684-82472-8
liebevolle Pädagogik:
Haim Ginott: Eltern und Kinder (besonders das Kapitel “Musikunterricht”). Hallwag Verlag (Antiquariat)

DVD:
Daniel Grolle: Kinder Taiji. www.taichi-shop.info/Daniel-Grolle-Kinder-Tai-Chi-DVD

Weblink:
Dietlind Zimmermann: www.tai-chi-lebenskunst.de/html/kinder.html

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