Freitag, 19. Juli 2013

Text: Yang Chengfu zum Sinn des Tai Chi Chuan

Hier noch ein Zitat von Yang Chengfu zu dem Thema Sinn des Taijiquan (1933 - geschrieben zu jener Zeit, als das Tai Chi Chuan populär in China wurde):


"In meiner Jugend pflegte ich zuzusehen, wie mein inzwischen verstorbener Großvater Yang Luchan meine Onkel väterlicherseits und andere Schüler in der täglichen Praxis des Taijiquan anleitete. Sie trainierten Tag und Nacht ohne Pause, sowohl einzeln als auch paarweise. Ich war allerdings skeptisch und glaubte, dass die Selbstverteidigung gegen einen einzelnen nicht des Studiums wert sei und dass ich zukünftig die Verteidigung gegen zehntausend studieren würde.

Als ich etwas älter geworden war, forderte mich mein verstorbener Onkel Yang Banhou auf, bei ihm zu lernen. Da ich meine Zweifel nicht länger verbergen konnte, erzählte ich sie ihm ganz direkt. Mein inzwischen verstorbener Vater Jianhou wurde ärgerlich und sagte: ´Wie, was sind das für Worte? Dein Großvater hat dies der Familie vermacht. Willst du etwa das Familienerbe aufgeben?´.

Mein Großvater Luchan beruhigte ihn mit den Worten. ´Kinder sollte man nicht zwingen.´ Er knuffte mich sanft und fuhr fort: ´Warte einen Moment und laß mich es dir erklären. Der Grund dafür, dass ich die Kunst praktiziere und unterrichte, ist nicht, andere anzugreifen, sondern sie dient der Selbstverteidigung. Nicht um die Welt herauszufordern, sondern um die Nation zu retten. Die Edlen heutzutage kennen nur die Armut der Nation, wissen aber nichts von ihrer Schwäche. Darum suchen unsere Führer eifrig politische Rezepte zu formulieren, um die Armut zu verringern, aber ich habe noch nie von Plänen gehört, die die Schwachen und Siechen wieder stark machen sollen. Wenn eine Nation aus kranken Leuten besteht, wer ist dann dieser Aufgabe gewachsen?

Wir sind arm, weil wir schwach sind; tatsächlich ist Schwäche die Ursache der Armut. Wenn wir das Wachsen der Nationen untersuchen, finden wir, dass allesamt mit der Stärkung ihrer Völker beginnen. Die Männlichkeit und Kraft der Europäer und Amerikaner versteht sich von selbst, aber die zwergenhaften Japaner sind diszipliniert und entschlossen, wenngleich sie auch klein von Statur sind. Wenn die hageren und ausgemergelten Mitglieder unseres Volkes ihnen gegenüber stehen, braucht man kein Wahrsager zu sein, um das Ergebnis vorherzusehen. Daher ist die beste Methode, die Nation zu retten die, die Hilfe für die Schwachen zu unserem höchsten Ziel macht. Wer das mißachtet, setzt sich dem Mißerfolg aus.´"

Aus: Bödicker/Sievers, China zur Zeit der großen Tai Chi-Meister: 1897 - 1937
Mehr Info: hier


Kommentare:

  1. Wurde schon oft wegen genau diesem Text geschrieben, doch ich möchte es auch hier nochmals hinzufügen:
    Sein Großvater wurde 73 Jahre alt, ist also 1872 gestorben.
    Yang Chengfu ist 1883 geboren worden, sein Großvater war also schon 11 Jahre vorher gestorben.
    Er schreibt in seiner Jugend, das wäre also so ca. 1895 gewesen.
    Selbst wenn man Wikipedia mit Vorsicht benutzten sollte, es passt einfach nicht.

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  2. Yup, so ist es. Interessant, oder?

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