Donnerstag, 4. Juli 2013

Artikel: Meine Tai Chi-Erfahrungen im Kontakt mit anderen Kampfkünsten

von Heidi Elseven, Regensburg, 2009

Eigentlich war es ja zunächst nicht mein Bestreben den Aspekt der Kampfkunst des Taijiquans zu unterrichten. Das wollte ich den Jungs überlassen. Aber dann kamen immer mehr Schüler aus andren Kampfkünsten in meinen Unterricht. Am Anfang hat es mich schon ein wenig nervös gemacht, wenn sich wieder einmal Kampfkünstler mit hohen Gurten (auch Dan-Träger) bei mir zum Unterricht an der Universität anmeldeten. Ich dachte, dass kann wohl nicht wirklich funktionieren.

Ich hatte eine Zeit lang intensiv Shotokan-Karate an der Universität betrieben und erkannte die Karatekas an ihrer Art sich zu bewegen meist ziemlich schnell aus meinem Unterricht heraus. Meist lernen sie sehr schnell, wie sie auch mit ihren Fäusten blitzartig zuschlagen können, und im allgemeinen können sie sich auch sehr gut bewegen. Besonders faszinierend für mich ist die Sprungkraft mancher Karatekas.


Schon während meines eigenen Karatetrainings hatte ich mich allerdings gewundert, dass selbst noch die Schwarzgurte mit angespannten Brustkorb im Hohlkreuz im Kiba Dachi, dem Mabu des Karate, stehen. Auch wunderte ich mich darüber, dass die Gelenke bei den Faust- und Fußstössen nicht selten nur so krachten. Und zu kurz kam nach meinem Empfinden aus dem Taijiquantraining heraus die präzisen Erklärungen der Stellungen in den Katas.

Wenn ich unterrichte, stelle ich mich jeweils auf die Gruppe ein, die ich unterrichte. In Gruppen, in denen viele Kampfkünstler sind, versuche ich entsprechend auf die Kampfkunstaspekte Bezug zu nehmen. Bei Karateschülern hatte ich es leicht eine Verbindung zwischen den beiden Kampfkünsten Taijiquan und Karate herzustellen, da ich mich selbst eben schon eingehender mit den Hintergründen und der Theorie des Karates beschäftigt hatte. Andersherum studierte etwa auch Funakoshi, der Begründer des Shotokan-Karates, intenisv die Klassiker der chinesischen Philosophie, die zu einem Bestandteil seiner Ausbildung als Karatemeister gehörten.

Ich erzählte den Kampfkunstschülern also von meinen eigenen Erfahrungen aus dem Karatetraining, nicht ohne meine Begeisterung, die ich für das Karate pflege, auszudrücken. Ich begann zu erklären, worin meiner Meinung bei den Schülern Fehler in der Ausführung dieser Kampfkunst lägen. Diese, wie bereits oben geschildert, liegen zunächst einmal in der Haltung und in einer Fehlstellung und Überbeanspruchung der Gelenke. Und das nicht nur bei Karatekas, auch bei Judokas und im Jiujitsu so. Der gemeinsame Fehler liegt oft in einer zu starken Anspannung des Brustkorbes und in einem nicht ausreichendem Sinken lassen des Steißbeines, häufig auch einer Anspannung im Zwerchfell oder im gesamten Bauchraum. Dadurch kann sich die Wirbelsäule nicht gerade ausrichten, sowie Atmung und Schwerpunkt, nach östlicher Philosophie auch die Energie, nicht ins untere Dantian (japanisch Hara) sinken. Bei angespannter Muskulatur kann sich die Atmung nicht vertiefen. Der Schwerpunkt bleibt zu weit oben, dadurch ist die Kraft in den Beinen und den Füssen geschwächt.

Bei der Vorwärtsstellung (Gong Bu bzw. im Zenkutsu Dachi) ist nicht selten die Achse des hinteren Beines zum Scheitelpunkt des Kopfes gebrochen, wodurch ein großer Druck auf die Lendenwirbelsäule entstehen kann. Mit einer gebrochenen Achse ist es schwierig, äußeren Druck standzuhalten, weil man die Kraft nicht durchlassen und über das Bein in den Fuss und in den Boden lenken kann. Die Struktur ist dort leicht zu brechen, wo der Gegenüber angespannt ist oder die Struktur von vorne herein schwach oder schon gebrochen ist.

Zur Demonstration eines solchen Unterrichts eignet sich wunderbar ein ganz einfaches Spiel. Die Partner stehen sich in Vorwärtsstellung gegenüber, also in Gong Bu bzw. Zenkutsu Dachi, und versuchen sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Gegenüber mit angespannten Brustkorb ist leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Schwerpunkt ist zu weit oben, es fehlt die Kraft in den Beinen. Die schlechte Struktur in der Lendenwirbelsäule ist leicht zu brechen. Sind Körper und Geist hingegen ruhig und entspannt, der Schwerpunkt und die Atmung (nach östlicher Philosophie auch die Energie) im unteren Dantien (Hara), bleibt die Wirbelsäule in sich gerade. Dies gilt auch, wenn sie geneigt wird. Die Achse verläuft in einer Linie über das hintere Bein zum Scheitelpunkt des Kopfes. Bei einer solchen Struktur geht die Kraft des Gegenübers durch den Körper in in das hintere Bein. Eine solche Struktur ist nicht zu bewegen. Man ist stabil, ohne das man dafür auch nur die geringste Kraft aufwenden müsste. Während man den anderen machen und dessen Kraft durch den Körper lässt, kann man in Ruhe schauen, wo man hinlangen muss, um den Gegenüber aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das macht mir einen Heiden-Spaß!

Übertragen wir das, was wir bis hierher aus der Theorie wissen und in der Praxis erfahren haben auf die Langsame Form des Taijiquans. Dazu braucht es nur die ersten Bewegungen des 1. Teils bis Dan Bien, denn darin sind schon alle Grundstellungen enthalten. In der Praxis fällt auf, dass es hier gerade für trainierte Schüler aus der Kampfkunst, die sehr viel Spannung im Brustkorb aufgebaut haben, schwer ist, sich auf den Beinen zu halten, wenn man ihnen den Brustkorb und die Bauchmuskulatur lockert und die Haltung ausrichtet. Das liegt daran, dass mit der Entspannung der Muskulatur der Schwerpunkt sinkt und das was oben nicht mehr durch Muskelverspannungen festgehalten wird von den Beinen getragen werden muss. Eine weitere Schwierigkeit stellt die nach vorne ausgerichtete Stellung beider Füße dar. Hier macht sich häufig eine Fehlstellung der Gelenke bemerkbar. Die Hüfte oder das Knie oder beides kippt aus dem Gelenk (was natürlich sehr schädlich für die jeweiligen Gelenke ist), das Bein hat häufig keine Verbindung über die Hüfte zum Rest des Körpers. Der Körper hat keine stabile Struktur und kippelt ständig oder kippt komplett.

Ja, so etwa sieht bei mir eine Unterrichtsstunde für Kampfkunstschüler aus. Eine Unterrichtsstunde in dieser Art wird von meinen Schülern aus anderen Kampfkünsten mit grosser Faszination angenommen. Auch sind sie völlig verwundert, dass Ihnen das bisher keiner gesagt hatte. Und die langsamen präzisen Bewegungen finden sie richtig toll. Andere wichtige Punkte in meinen Kampfkunststunden sind: das Sinkenlassen der Ellenbogen und die Tailliendrehung, die Bewegung über die Gelenke, das Öffnen und Schließen der Gelenke, die Anwendungen und anderes mehr. Soweit erst mal für Euch, damit Ihr zunächst mal von mir einen Eindruck bekommt, wie bei mir ein Kampfkunstuntericht abläuft.

Mittlerweile mache ich auch Bojutsu. Was das Karate betrifft, tausche ich mich mit den Prinzipien aus dem Shorin Ryu aus. Beides nach Oshiro Toshishiro, der in Amerika als großer Kampfkunstexperte gilt.

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