Mittwoch, 19. Juni 2013

Text: Die Jungfrau von Yue

Übersetzt von Martin Bödicker

aus:


Der König von Yue befragte seinen Minister zur Technik des Schwertkampfes. Dieser sagte, dass es in Yue eine Jungfrau gäbe, die berühmt für ihre Schwertkunst sei und befahl, dass sie vor dem König zu erscheinen habe. Auf dem Weg zum König traf die Jungfrau einen alten Mann, der sich selbst als Herr Yuan vorstellte. Er sagte zu ihr:

„Ich hörte, du verstehst dich gut auf den Schwertkampf. Ich würde es gerne einmal sehen.“

Die Jungfrau antwortete:

„Ich werde es nicht wagen, etwas vor euch verborgen zu halten. Ihr dürft mich testen.“

Der Alte pflückte so gleich einige Bambusstangen und warf sie hoch in die Luft. Jedoch noch bevor sie auf den Boden fallen konnten erwischte sie die Jungfrau. Darauf hin flog der alte Yuan auf einen Baum, verwandelte sich in einen weißen Affen und verschwand.

Als die Jungfrau vor dem König erschien, fragte dieser:

„Wie ist der Weg (dao) der Schwertkämpferin?“

Die Jungfrau antwortete:

„Ich bin im tiefen Wald geboren. Weit weg, in der Wildnis ohne Menschen. Ich habe nichts gelernt und die Lehensfürsten habe ich nicht getroffen. Aber ich liebe den Weg des Fechtens und ich übe ihn ununterbrochen. Ich habe ihn nicht durch jemand anderen bekommen, sondern habe ihn plötzlich erhalten.“

Der König von Yue fragte:

„Und wie sieht dein Weg (dao) aus?“

Die Jungfrau sagte:

„Mein Weg (dao) ist sehr tiefgründig und doch einfach. Seine Bedeutung ist verborgen und schwer zu verstehen. Der Weg (dao) hat Tor und Tür, sowie yin und yang. Das Tor öffnen und die Türe schließen. Mit yin schwächen und mit yang stärken. Der Weg (dao) eines jeden Kämpfers ist es, dass innen die Lebenskraft voll (shi) ist und man außen eine ruhige Haltung zeigt. Man erscheint wie eine schöne Frau, aber kämpft, wie ein überraschter Tiger. Das Einnehmen der Stellung erfolgt blitzschnell und der Geist (shen) ist vollkommen ausgerichtet. Unergründlich wie die Sonne. Hochschnellend, wie ein Hase. Die äußere Gestalt jagend, die Schatten verfolgend. Einem Sonnenstrahl gleich. Der Atem kommt und geht, ohne dass man sich verausgabt. Kreuz und quer entgegengesetzt folgend. Geradlinig und komplex, ohne etwas erkennbar werden zu lassen. Dieser Weg (dao): einer ist hundert und hundert sind zehntausend ebenbürtig. Wenn ihr, König, es einmal probieren möchtet, werdet ihr sofort erkennen, wie wirkungsvoll es ist.“

Daraufhin erweiterte der König von Yue den Namen der Jungfrau und verlieh ihr den Titel „Jungfrau von Yue“.

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