Montag, 17. Juni 2013

Artikel: Peng, die elastische Kraft

von Freya und Martin Bödicker

Wer einmal eine Pushhands-Vorführung von Ma Jiangbao gesehen hat, wird dieses Ereignis noch lange vor Augen haben: Ein Schüler greift Ma Jiangbao mit großer Kraft an. Doch anstatt mit einer spektakulären Abwehrtechnik zu antworten, scheint Ma Jiangbao nur kurz etwas zu sinken und schon fliegt der Schüler weg, als sei er auf ein Trampolin gesprungen. Dem staunenden Publikum wird dann erklärt, dies sei die Technik peng. So mancher Zuschauer fragt sich natürlich, ob dies nicht nur ein Trick sei. Die große Wirksamkeit und das gleichzeitige Nichterkennen der Funktionsweise von peng hat schon immer große Verwunderung beim Zuschauer ausgelöst. Dabei ist es gar nicht so schwierig, peng zu verstehen. Es ist nur schwierig peng auszuführen. Ma Yueliang schreibt dazu:

Peng ist eine verborgene jin-Kraft. Sie kommt als erstes unter den dreizehn Grundbewegungen und hat eine sehr wichtige Stellung. Sie ist eine verhältnismäßig schwer zu erlernende Bewegung und wenn man beginnt Pushhands zu erlernen, wird man peng nur sehr langsam erreichen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Doch warum ist es so schwierig, peng auszuführen? Um dies zu verstehen ist es notwendig, die Anwendung von peng in zwei Phasen aufzuteilen. In der ersten Phase wird die Kraft des Anderen in den eigenen Schwerpunkt geleitet und wie in einer gespannten Feder gesammelt. Durch diesen Vorgang ist man auch in der Lage, Richtung und Stärke der angreifenden Kraft zu erfühlen. Ma Yueliang:

Peng ist eine Reaktion auf das Maß der Kraft des Anderen. Im Pushhands ist peng nicht nur in den Händen und Armen, sondern alle Teile des Körpers, die den Anderen berühren, haben peng-Kraft. Wenn man peng-Kraft hat, dann beherrscht man: `Ist eine Bewegung schnell, dann antwortet man schnell. Ist eine Bewegung langsam, dann folgt man langsam.` Wenn man dies kann, dann ist jin-Kraft fühlen (tingjin) einfach peng.“
(Ma, Xu, S. 9)

Der Vorgang des Kraft elastisch Aufnehmens wird auch im „Geheimlied der acht Methoden“ beschrieben:

„Wie erklärt man die Bedeutung von peng?
Wie Wasser ein Boot trägt.
Erst das dantian mit qi füllen.
Dann muss der Kopf wie am Scheitel aufgehängt sein.
Im ganzen Körper gibt es Federkraft.
Öffnen und Schließen sind genau unterschieden.
Ganz gleich ob die Belastung tausend Pfund beträgt,
das Gleiten ist nicht schwer.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, S. 61)

Hier wird peng also mit der Kraft einer gespannten Feder verglichen. Ein ähnliches Bild stand sicherlich Pate, als die Tai Chi-Meister das alte Schriftzeichen bing in ihr Tai Chi-Fachwort peng umwandelten. Ursprünglich bezeichnete bing einen unter Spannung stehenden Köcherdeckel. Das Schriftzeichen für bing setzt sich aus dem Radikal für Hand (links) und aus einem Zeichen mit dem Laut bing, bzw. peng (rechts) zusammen:


Dieses Schriftzeichen steht im Zusammenhang mit:


Das linke Schriftzeichen peng mit dem Radikal für Holz bezeichnet eine alten Kriegsbogen. Das rechte Zeichen mit dem Radikal für Seide und der Aussprache beng bezeichnet das Spannen eines Bogens.

In der ersten Phase von peng wird also die angreifende Kraft im eigenen Körper gespeichert, wie in einer gespannten Feder oder einem gespannten Bogen. Die große Schwierigkeit in dieser Phase von peng ist es, dass der eigene Körper in optimaler Weise die Kraft des Anderen aufnehmen muss. Schon ein kleinster Fehler im Timing oder in der eigenen Körperstruktur führt zum Mißlingen der Technik.

In der zweiten Phase von peng kann nun die im eigenen Körper gespeicherte Kraft auf verschiedene Art und Weise wieder abgegeben werden. Wird die Kraft in den Körper des Anderen zurückgefedert, spricht man weiterhin von peng. Ma Yueliang:

„Wenn man in der Auseinandersetzung die hereinkommende Kraft mit peng kontrolliert hat, kann man die Gelegenheit ergreifen und sie gegen den Angreifer selber richten und ihn so bezwingen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Man kann andererseits aber auch die gespeicherte Kraft z.B. mit in die Leere schicken und so den Anderen aus dem Gleichgewicht bringen. Ma Jiangbao spricht in einem solchen Fall davon, dass er ein zuerst kleines peng benutzt hat, um die Kraft des Anderen zu erspüren und dann mit fortfährt. Ma Yueliang kommentiert:

„Die peng-Kraft ist voll, aber nicht voll. Sie ist leer, aber nicht leer. Einmal voll - einmal leer. Der Andere kennt mich nicht, ich allein kenne den Anderen. Daher bezeichnet man peng auch als verborgene jin-Kraft. Peng wird auch als jin-Kraft im Hintergrund bezeichnet. Es wird immer wieder gesagt, dass peng wie Wasser sei. Wasser kann ein herabgefallenes Blatt, aber auch ein schweres Schiff tragen. Im Pushhands gilt, ganz gleich ob die angreifende Kraft klein oder groß ist, mit peng kann man sie meistern. Aber peng ist nicht nur wie die Auftriebsbeziehung zwischen Boot und Wasser, sondern es ist auch eine feine und subtile Bewegung. Wenn ich die Kraft des Anderen empfange, benutze ich meinen stabilen Schwerpunkt (zhongding) als Drehpunkt, um die angreifende Kraft nach oben zu leiten. So lasse ich die Kraft des Anderen in der Luft hängen. Auf diese Weise kann ich mit eine kleinere Kraft als der Angreifer benutzen und erreiche: Wenn er auch tausend Pfund einsetzt, es ist nicht schwer ihn ins schwimmen zu bringen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Die Schwierigkeit in der zweiten Phase von peng liegt darin, sich zu entscheiden, was mit der Kraft des Angreifers zu tun ist. Schließlich muss man bei peng mit großen Kräften umgehen und schon die kleinste Fehlentscheidung führt dazu, dass diese Kräfte mit ganzer Wucht auf den eigenen Körper wirken. Im Unterricht von Ma Jiangbao wird peng daher erst unterrichtet, wenn man in der Lage ist, mit großen Kräften umzugehen, ohne zuviel eigene Kraft wirken zu lassen.

Bödicker, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986


Kommentare:

  1. Zur etymologischen Abklärung von alten Zeichen empfehle ich:
    1. Shuowen jiezi
    2. Zhongwen da cidian.
    Das Zeichen Bing (1) 掤 gibt es schon ewig und bezeichnet einen unter Spannung stehenden Köcherdeckel.

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  2. Hey Hermann,

    wundervoll - größten Dank - wieder einen Schritt nach vorne gekommen.

    Gruß

    Martin

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