Mittwoch, 26. Juni 2013

Artikel: Die Handtechnik lie

von Freya und Martin Bödicker




Es gibt in der westlichen Taijiquan-Literatur zahlreiche, recht unterschiedliche Versuche, eine Übersetzung für das Wort lie zu finden. Die prominentesten Übersetzungen sind „spalten", „spiralisieren" oder „verdrehen". In einem chinesischen Wörterbuch findet man, ähnlich wie bei , das Schriftzeichen für lie nicht. Es ist eine Erfindung der Taijiquan-Meister und drückt eine komplexe Strategie aus. Im Geheimlied der acht Methoden (Bafa mijue) findet sich eine nähere Beschreibung von lie:

Wie erklärt man die Bedeutung von lie?
Kreisen wie ein Schwungrad.
Wenn man etwas darauf wirft,
wird es ohne weiteres 10 Fuß weit weg geschleudert.
Siehst du nicht den Strudel?
Das Wirbeln der Wellen gleicht Spiralen.
Ein Blatt, das darauf fällt,
wird sogleich versinken.
(Boedicker, S. 62)

Lie hat also zwei Qualitäten: Es verhält sich wie ein Rad, von dem etwas weggeschleudert wird und es verhält sich wie ein Strudel, der etwas spiralförmig ansaugt. Genau diese doppelte Qualität ist es, die lie so effektiv macht. Durch lie ist man in der Lage, einen Angreifer wie durch einen Strudel anzuziehen und zu verdrehen. So wird sein Schwerpunkt gebrochen. Lie hat hier die Qualität des Spiralisierens. Eine Drehung um die eigene Körperachse bringt nun den Angreifer auf eine Kreisaußenbahn. Durch den daraus resultierenden Schwung ist es dann mit Leichtigkeit möglich, ihn wegzuschleudern. Ma Jiangbao erläutert dazu:

„Wenn der Angreifer seinen Schwerpunkt durch lie verloren hat, wird er sich durch den Zug der Zentrifugalkraft nicht mehr halten können und es geht ihm wie ein Stück Ton, das auf den Rand einer drehenden Töpferscheibe geworfen wird und wegfliegt.“

Lie kann sowohl mit einer Hand, als auch mit zwei Händen ausgeführt werden. Bei der Ausführung mit zwei Händen wird dabei die gegnerische Kraft in zwei unterschiedliche Richtungen getrennt, so dass die Assoziation des Spaltens entsteht. Wie man sieht, spiegeln sich in den verschiedenen Übersetzungsversuchen immer nur Teilaspekte von lie. Es ist also daher am besten, lie einfach unübersetzt zu lassen. Schließlich haben auch die Taijiquan-Meister lie als eigenen Fachterminus eingeführt.

Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Willich, 2013

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