Mittwoch, 26. Juni 2013

Artikel: Die Handtechnik lie

von Freya und Martin Bödicker




Es gibt in der westlichen Taijiquan-Literatur zahlreiche, recht unterschiedliche Versuche, eine Übersetzung für das Wort lie zu finden. Die prominentesten Übersetzungen sind „spalten", „spiralisieren" oder „verdrehen". In einem chinesischen Wörterbuch findet man, ähnlich wie bei , das Schriftzeichen für lie nicht. Es ist eine Erfindung der Taijiquan-Meister und drückt eine komplexe Strategie aus. Im Geheimlied der acht Methoden (Bafa mijue) findet sich eine nähere Beschreibung von lie:

Wie erklärt man die Bedeutung von lie?
Kreisen wie ein Schwungrad.
Wenn man etwas darauf wirft,
wird es ohne weiteres 10 Fuß weit weg geschleudert.
Siehst du nicht den Strudel?
Das Wirbeln der Wellen gleicht Spiralen.
Ein Blatt, das darauf fällt,
wird sogleich versinken.
(Boedicker, S. 62)

Lie hat also zwei Qualitäten: Es verhält sich wie ein Rad, von dem etwas weggeschleudert wird und es verhält sich wie ein Strudel, der etwas spiralförmig ansaugt. Genau diese doppelte Qualität ist es, die lie so effektiv macht. Durch lie ist man in der Lage, einen Angreifer wie durch einen Strudel anzuziehen und zu verdrehen. So wird sein Schwerpunkt gebrochen. Lie hat hier die Qualität des Spiralisierens. Eine Drehung um die eigene Körperachse bringt nun den Angreifer auf eine Kreisaußenbahn. Durch den daraus resultierenden Schwung ist es dann mit Leichtigkeit möglich, ihn wegzuschleudern. Ma Jiangbao erläutert dazu:

„Wenn der Angreifer seinen Schwerpunkt durch lie verloren hat, wird er sich durch den Zug der Zentrifugalkraft nicht mehr halten können und es geht ihm wie ein Stück Ton, das auf den Rand einer drehenden Töpferscheibe geworfen wird und wegfliegt.“

Lie kann sowohl mit einer Hand, als auch mit zwei Händen ausgeführt werden. Bei der Ausführung mit zwei Händen wird dabei die gegnerische Kraft in zwei unterschiedliche Richtungen getrennt, so dass die Assoziation des Spaltens entsteht. Wie man sieht, spiegeln sich in den verschiedenen Übersetzungsversuchen immer nur Teilaspekte von lie. Es ist also daher am besten, lie einfach unübersetzt zu lassen. Schließlich haben auch die Taijiquan-Meister lie als eigenen Fachterminus eingeführt.

Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Willich, 2013

Dienstag, 25. Juni 2013

Anekdote: Im alten Schanghai

Nach einem Morgentraining saßen wir zu viert im Wohnzimmer der Familie Ma in Shanghai. Nach einer Tasse Tee begann Ma Yueliang eine Anekdote aus dem alten Schanghai zu erzählen, zu einer Zeit, als er ungefähr dreißig Jahre alt war:


"Wie ich so durch die kleinen Gassen der Stadt zog, sah ich einen großen und starken ausländischen Soldaten, der eine Gasse blockierte. Er stand mit der Schulter an der linken Wand der Gasse und stützte den rechten Arm an die rechte Wand. Alle Chinesen, die die Gasse passieren wollten, mussten sich unter dem Arm durch ducken. Dies ließ mir natürlich keine Ruhe und so ging auf den Soldaten zu. Dieser sah mich an und zeigte mit der linken Hand unter seinen rechten Arm und wies mich so passieren. Ich schaute ihn daraufhin in die Augen und zeigte mit meinen rechten Zeigefinder auf mein Kinn."

An dieser Stelle hielt es Ma Yueliang nicht mehr auf seinem Stuhl. Er stand auf und bat Michael sich ihm gegenüber zu stellen und die Rolle des Soldaten zu spielen. Also schaute Michael wie gewünscht sehr erstaunt, holte mit der rechten Faust aus und schlug mit ganzer Kraft zu. Obwohl Ma Yueliang zu diesem Zeitpunkt schon 90 Jahre alt wahr, bewegte er sich schneller als man schauen konnte, fegte den Faustschlag mit einem gekonnten lü beiseite, verstärkte die Kraft von Michael und ließ ihn mit einem großen Rums auf den Boden fallen. Dann schmunzelte er:

"Ja, ja, Tai Chi Chuan ist wirkliche eine praktisch Sache."

Sonntag, 23. Juni 2013

Artikel: Laozi

Laozi (Laotse), der verborgene Weise

von Martin Bödicker

Neben Konfuzius ist Laozi – sein Name bedeutet „alter Meister“ – eine der berühmtesten Figuren der chinesischen Philosophie. Im Gegensatz zu Konfuzius weiß man über das Leben des Laozi so wenig, dass oft angenommen wird, es habe Laozi gar nicht gegeben. Die berühmteste Geschichte über Laozi erzählt uns, er sei im 6. Jh. v. Chr. Archivist am Hofe der Zhou gewesen. Unzufrieden mit dem Zustand der Regierung trat er von seinem Posten zurück und verließ auf einem schwarzen Ochsen reitend das Land. Beim Überschreiten des Hangu-Passes bat der Passwächter Yin Xi ihn, etwas Schriftliches zu hinterlassen. Laozi stimmte dem Wunsch zu und schrieb auf der Stelle das Daodejing (Taoteking). Daraufhin setzte er seine Reise fort und niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Es gibt auch Erzählungen darüber, wie Konfuzius Laozi traf. Moderne Autoren gehen jedoch davon aus, dass die Person des Laozi eine Legende ist.

Mehr: hier

Mittwoch, 19. Juni 2013

Text: Die Jungfrau von Yue

Übersetzt von Martin Bödicker

aus:


Der König von Yue befragte seinen Minister zur Technik des Schwertkampfes. Dieser sagte, dass es in Yue eine Jungfrau gäbe, die berühmt für ihre Schwertkunst sei und befahl, dass sie vor dem König zu erscheinen habe. Auf dem Weg zum König traf die Jungfrau einen alten Mann, der sich selbst als Herr Yuan vorstellte. Er sagte zu ihr:

„Ich hörte, du verstehst dich gut auf den Schwertkampf. Ich würde es gerne einmal sehen.“

Die Jungfrau antwortete:

„Ich werde es nicht wagen, etwas vor euch verborgen zu halten. Ihr dürft mich testen.“

Der Alte pflückte so gleich einige Bambusstangen und warf sie hoch in die Luft. Jedoch noch bevor sie auf den Boden fallen konnten erwischte sie die Jungfrau. Darauf hin flog der alte Yuan auf einen Baum, verwandelte sich in einen weißen Affen und verschwand.

Als die Jungfrau vor dem König erschien, fragte dieser:

„Wie ist der Weg (dao) der Schwertkämpferin?“

Die Jungfrau antwortete:

„Ich bin im tiefen Wald geboren. Weit weg, in der Wildnis ohne Menschen. Ich habe nichts gelernt und die Lehensfürsten habe ich nicht getroffen. Aber ich liebe den Weg des Fechtens und ich übe ihn ununterbrochen. Ich habe ihn nicht durch jemand anderen bekommen, sondern habe ihn plötzlich erhalten.“

Der König von Yue fragte:

„Und wie sieht dein Weg (dao) aus?“

Die Jungfrau sagte:

„Mein Weg (dao) ist sehr tiefgründig und doch einfach. Seine Bedeutung ist verborgen und schwer zu verstehen. Der Weg (dao) hat Tor und Tür, sowie yin und yang. Das Tor öffnen und die Türe schließen. Mit yin schwächen und mit yang stärken. Der Weg (dao) eines jeden Kämpfers ist es, dass innen die Lebenskraft voll (shi) ist und man außen eine ruhige Haltung zeigt. Man erscheint wie eine schöne Frau, aber kämpft, wie ein überraschter Tiger. Das Einnehmen der Stellung erfolgt blitzschnell und der Geist (shen) ist vollkommen ausgerichtet. Unergründlich wie die Sonne. Hochschnellend, wie ein Hase. Die äußere Gestalt jagend, die Schatten verfolgend. Einem Sonnenstrahl gleich. Der Atem kommt und geht, ohne dass man sich verausgabt. Kreuz und quer entgegengesetzt folgend. Geradlinig und komplex, ohne etwas erkennbar werden zu lassen. Dieser Weg (dao): einer ist hundert und hundert sind zehntausend ebenbürtig. Wenn ihr, König, es einmal probieren möchtet, werdet ihr sofort erkennen, wie wirkungsvoll es ist.“

Daraufhin erweiterte der König von Yue den Namen der Jungfrau und verlieh ihr den Titel „Jungfrau von Yue“.

Montag, 17. Juni 2013

Artikel: Peng, die elastische Kraft

von Freya und Martin Bödicker

Wer einmal eine Pushhands-Vorführung von Ma Jiangbao gesehen hat, wird dieses Ereignis noch lange vor Augen haben: Ein Schüler greift Ma Jiangbao mit großer Kraft an. Doch anstatt mit einer spektakulären Abwehrtechnik zu antworten, scheint Ma Jiangbao nur kurz etwas zu sinken und schon fliegt der Schüler weg, als sei er auf ein Trampolin gesprungen. Dem staunenden Publikum wird dann erklärt, dies sei die Technik peng. So mancher Zuschauer fragt sich natürlich, ob dies nicht nur ein Trick sei. Die große Wirksamkeit und das gleichzeitige Nichterkennen der Funktionsweise von peng hat schon immer große Verwunderung beim Zuschauer ausgelöst. Dabei ist es gar nicht so schwierig, peng zu verstehen. Es ist nur schwierig peng auszuführen. Ma Yueliang schreibt dazu:

Peng ist eine verborgene jin-Kraft. Sie kommt als erstes unter den dreizehn Grundbewegungen und hat eine sehr wichtige Stellung. Sie ist eine verhältnismäßig schwer zu erlernende Bewegung und wenn man beginnt Pushhands zu erlernen, wird man peng nur sehr langsam erreichen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Doch warum ist es so schwierig, peng auszuführen? Um dies zu verstehen ist es notwendig, die Anwendung von peng in zwei Phasen aufzuteilen. In der ersten Phase wird die Kraft des Anderen in den eigenen Schwerpunkt geleitet und wie in einer gespannten Feder gesammelt. Durch diesen Vorgang ist man auch in der Lage, Richtung und Stärke der angreifenden Kraft zu erfühlen. Ma Yueliang:

Peng ist eine Reaktion auf das Maß der Kraft des Anderen. Im Pushhands ist peng nicht nur in den Händen und Armen, sondern alle Teile des Körpers, die den Anderen berühren, haben peng-Kraft. Wenn man peng-Kraft hat, dann beherrscht man: `Ist eine Bewegung schnell, dann antwortet man schnell. Ist eine Bewegung langsam, dann folgt man langsam.` Wenn man dies kann, dann ist jin-Kraft fühlen (tingjin) einfach peng.“
(Ma, Xu, S. 9)

Der Vorgang des Kraft elastisch Aufnehmens wird auch im „Geheimlied der acht Methoden“ beschrieben:

„Wie erklärt man die Bedeutung von peng?
Wie Wasser ein Boot trägt.
Erst das dantian mit qi füllen.
Dann muss der Kopf wie am Scheitel aufgehängt sein.
Im ganzen Körper gibt es Federkraft.
Öffnen und Schließen sind genau unterschieden.
Ganz gleich ob die Belastung tausend Pfund beträgt,
das Gleiten ist nicht schwer.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, S. 61)

Hier wird peng also mit der Kraft einer gespannten Feder verglichen. Ein ähnliches Bild stand sicherlich Pate, als die Tai Chi-Meister das alte Schriftzeichen bing in ihr Tai Chi-Fachwort peng umwandelten. Ursprünglich bezeichnete bing einen unter Spannung stehenden Köcherdeckel. Das Schriftzeichen für bing setzt sich aus dem Radikal für Hand (links) und aus einem Zeichen mit dem Laut bing, bzw. peng (rechts) zusammen:


Dieses Schriftzeichen steht im Zusammenhang mit:


Das linke Schriftzeichen peng mit dem Radikal für Holz bezeichnet eine alten Kriegsbogen. Das rechte Zeichen mit dem Radikal für Seide und der Aussprache beng bezeichnet das Spannen eines Bogens.

In der ersten Phase von peng wird also die angreifende Kraft im eigenen Körper gespeichert, wie in einer gespannten Feder oder einem gespannten Bogen. Die große Schwierigkeit in dieser Phase von peng ist es, dass der eigene Körper in optimaler Weise die Kraft des Anderen aufnehmen muss. Schon ein kleinster Fehler im Timing oder in der eigenen Körperstruktur führt zum Mißlingen der Technik.

In der zweiten Phase von peng kann nun die im eigenen Körper gespeicherte Kraft auf verschiedene Art und Weise wieder abgegeben werden. Wird die Kraft in den Körper des Anderen zurückgefedert, spricht man weiterhin von peng. Ma Yueliang:

„Wenn man in der Auseinandersetzung die hereinkommende Kraft mit peng kontrolliert hat, kann man die Gelegenheit ergreifen und sie gegen den Angreifer selber richten und ihn so bezwingen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Man kann andererseits aber auch die gespeicherte Kraft z.B. mit in die Leere schicken und so den Anderen aus dem Gleichgewicht bringen. Ma Jiangbao spricht in einem solchen Fall davon, dass er ein zuerst kleines peng benutzt hat, um die Kraft des Anderen zu erspüren und dann mit fortfährt. Ma Yueliang kommentiert:

„Die peng-Kraft ist voll, aber nicht voll. Sie ist leer, aber nicht leer. Einmal voll - einmal leer. Der Andere kennt mich nicht, ich allein kenne den Anderen. Daher bezeichnet man peng auch als verborgene jin-Kraft. Peng wird auch als jin-Kraft im Hintergrund bezeichnet. Es wird immer wieder gesagt, dass peng wie Wasser sei. Wasser kann ein herabgefallenes Blatt, aber auch ein schweres Schiff tragen. Im Pushhands gilt, ganz gleich ob die angreifende Kraft klein oder groß ist, mit peng kann man sie meistern. Aber peng ist nicht nur wie die Auftriebsbeziehung zwischen Boot und Wasser, sondern es ist auch eine feine und subtile Bewegung. Wenn ich die Kraft des Anderen empfange, benutze ich meinen stabilen Schwerpunkt (zhongding) als Drehpunkt, um die angreifende Kraft nach oben zu leiten. So lasse ich die Kraft des Anderen in der Luft hängen. Auf diese Weise kann ich mit eine kleinere Kraft als der Angreifer benutzen und erreiche: Wenn er auch tausend Pfund einsetzt, es ist nicht schwer ihn ins schwimmen zu bringen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Die Schwierigkeit in der zweiten Phase von peng liegt darin, sich zu entscheiden, was mit der Kraft des Angreifers zu tun ist. Schließlich muss man bei peng mit großen Kräften umgehen und schon die kleinste Fehlentscheidung führt dazu, dass diese Kräfte mit ganzer Wucht auf den eigenen Körper wirken. Im Unterricht von Ma Jiangbao wird peng daher erst unterrichtet, wenn man in der Lage ist, mit großen Kräften umzugehen, ohne zuviel eigene Kraft wirken zu lassen.

Bödicker, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986


Sonntag, 16. Juni 2013

Artikel: Zur schriftlichen Tradition des Tai Chi Chuan

von Martin Bödicker

Tai Chi Chuan wird in heutiger Zeit sowohl als Kultivierungs- bzw. Gesundheitstechnik, als auch als Kampfkunst angeboten. Recht oft ergibt sich daraus die Diskussion, auf welchem dieser zwei Felder nun der Schwerpunkt zu liegen habe. Interessanterweise äußern sich zu dieser Frage schon klassische Texte des Tai Chi Chuan. So heißt es z.B. in der „Erklärung der drei Erfolge des Kulturellen und des Kämpferischen im Tai Chi Chuan“:

„Das Kulturelle wird innerlich kultiviert. Das Kämpferische wird äußerlich kultiviert. [...]
Jene, die die Methode der Kultivierung im gleichen Maße innerlich wie äußerlich betreiben,
werden großen Erfolg haben. Dies bedeutet den hohen Pfad.
Jene, die das Kämpferische des Kampfes durch das Kulturelle der Leibeserziehung erwerben,
oder jene, die das Kulturelle der Leibeserziehung durch das Kämpferische des Kampfes erwerben,
begeben sich auf den mittleren Pfad.
Jene, die die Kenntnis der Leibeserziehung vollenden, ohne mit dem Kämpfen zu beginnen,
oder jene, die das Kämpfen ohne die Leibeserziehung vollenden, sind auf dem unteren Weg.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S.89)

Die Aussage dieses Texte ist klar und deutlich. Es gibt durchaus unterschiedliche Pfade Tai Chi Chuan zu üben und es liegt bei einem selbst, sich für einen Weg zu entscheiden. Wie dieses Beispiel zeigt, können die klassischen Texte des Tai Chi Chuan einem wertvolle Hinweise für die eigene Übung geben. Unter den klassischen Texten des Tai Chi Chuan, auch kurz Klassiker genannt, wurden zuerst die fünf Kernklassiker verstanden, die 1912 von Guan Baiyi veröffentlicht wurden:

- Der Klassiker des Tai Chi Chuan
- Abhandlung zum Tai Chi Chuan
- Mentale Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen
- Das Lied der 13 Grundbewegungen
- Das Lied der schlagenden Hände


Die Autorenschaft der fünf Kernklassiker ist bis heute umstritten. In der Folge der Verbreitung des Tai Chi Chuan wurden später weitere klassische Texte und Kommentare der verschiedenen Tai Chi-Schulen veröffentlicht. Für eine tieferes Verständnis der Klassiker sollte berücksichtigt werden, dass die Texte verschiedene Schulen des chinesischen Denkens in sich vereinen. Im allgemeinen spricht man vom Tai Chi Chuan zwar als daoistische Übung, aber ein näherer Blick auf die klassischen Texte zeigt, dass sich auch andere Schulen des chinesischen Denkens in den Texten wiederfinden. Dies soll im folgenden exemplarisch beleuchtet werden.


Das Kulturelle (wen)

Wenn das Kulturelle eine wesentliche Forderung im Tai Chi Chuan ist, so muss man davon ausgehen, dass der dazu gehörende geistige Hintergrund durch die chinesische Philosophie geliefert wird. Schon der Name Tai Chi Chuan verweist auf den philosophischen Begriff Tai Chi, der erstmals in den Anhängen des „Buches der Wandlungen (Yijing)“ erwähnt wird:

„In der Wandlung ist es das Tai Chi, das die zwei Formen (yin und yang) hervorbringt."
(Philosophisches Lesebuch zum Tai Chi Chuan S.19)

Darüber hinaus hat das „Buch der Wandlungen“ in vielen Konzepten einen deutlichen Einfluss auf das Tai Chi Chuan. Neben solchen unabhängigen philosophischen Texten haben auch die großen philosophischen Schulen die schriftliche Tradition im Tai Chi Chuan deutlich geprägt. Die prominentesten philosophischen Schulen in China sind die sanjiao, die drei Lehren: Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus.

Der Daoismus sollte beim Tai Chi Chuan den prominentesten Teil darstellen, doch leider ist das nicht so einfach darzustellen. Untersucht man z.B. den Laozi, so wird man Schwierigkeiten haben, konkrete schriftliche Parallelen zwischen dem Daodejing und den Tai Chi-Klassikern zu finden. Zentrale Fachwörter, wie dao, de und wuwei sind praktisch nicht aufzufinden. Ein Verweis auf yin und yang reicht nicht, da diese Begriffspaar in vielen Denksystemen Chinas von großer Bedeutung ist. Trotzdem würde sicherlich niemand die daoistische Ausprägung des Tai Chi Chuan leugnen. Es handelt sich hier also vielmehr um eine konzeptionelle Ausrichtung – z.B. dem Vorzug des weichen Prinzips. So heißt es im Daodejing Kapitel 78:

„Das Weiche besiegt das Harte. Es gibt niemanden in der Welt, der das nicht wüsste.
Aber keinen, der danach handelt."
(Philosophisches Lesebuch zum Tai Chi Chuan S.37)

Eine andere Formulierung, aber das gleiche Konzept, findet sich im „Klassiker des Tai Chi Chuan“:

„Der andere ist hart, ich bin weich, das nennt man Mitgehen.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S.11)

Des weiteren finden sich in daoistischen Texten wichtige Hinweise zur Ausbildung der richtigen Haltung, geistig wie körperlich. Im daoistischen Buch „Inneres Training“ findet sich folgende Aussage:

„Wenn die äußere Form nicht ausgerichtet ist
dann kann sich die innere Kraft nicht entwickeln.
Wenn man in der Mitte nicht ruhig ist,
kann das Herz/Bewusstsein nicht geordnet sein.
Richte die äußere Form aus und achte auf die innere Kraft,
So wird man es nach und nach erlangen.“
(Das philosophische Lesebuch des Tai Chi Chuan S.62)

Dieser Text erinnert an Stellen in den Tai Chi-Klassikern, wie z.B. in den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen“:

„Wenn die Lebenskraft aufsteigen kann, ist man frei von Sorge um Plumpheit und Schwerfälligkeit.
Dies nennt man auch: Der Kopf ist wie am Scheitel aufgehängt.
[...] Der Geist ist still und der Körper ist ruhig, dies behalte immer im Herzen/Bewusstsein.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S.25)

So folgt das Tai Chi Chuan in seiner schriftlichen Tradition den Konzepten der daoistischen Lebenspflege. Direkte Zitate von ganzen Sätzen oder Textblöcken finden sich aber in den Tai Chi-Klassikern eher in Bezug auf den Konfuzianismus. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man berücksichtigt, dass nur von wenigen Tai Chi-Meistern überliefert ist, dass sie daoistische Einsiedler waren. Sie sind vielmehr unter der herrschenden Elite des Landes zu finden. Das bedeutet aber, dass sie auch eine konfuzianische Beamtenlaufbahn abgeschlossen hatten. Solchen Leuten spricht man in China durchaus das Ideal zu, im Beruf Konfuzianer und in der Freizeit Daoist zu sein. Der Schriftsteller Lin Yutang nennt dieses Ideal die „Halb-und-Halb-Weltanschauung“. Er kommentiert: „Sie hält ungefähr die Mitte zwischen Tätigsein und Untätigkeit, zwischen blinder, kulihafter Betriebsamkeit und völliger Verantwortungs- und Weltflucht, und stellt, wenn wir sie an Hand aller Philosopheme der Welt prüfen, das gesundeste und glücklichste menschliche Lebensideal auf Erden dar. Wichtiger noch: die Verschmelzung der beiden, einander so sehr widersprechenden Lebensanschauungen ermöglicht erst das Entstehen einer harmonischen Persönlichkeit, jenes Weltbildes also, das zugestandenermaßen das Endziel aller Geisteskultur und Erziehung bildet.“
(Lin, S. 127)

Eines der wesentlichen Aspekte des Konfuzianismus ist die Liebe zum Lernen. Sie wird als Verlangen definiert, welches erst durch einen dauerhaften Prozess Erfüllung findet. So heißt es bei Konfuzius:

„Der Meister sprach: Zu lernen und das Erlernte immer wieder einzuüben – ist das nicht wunderbar!?“
(Konfuzius 1, 1)

Dieses Konzept ist sicherlich direkt in die Lehre des Tai Chi Chuan eingeflossen und so heißt es dann im „Lied der 13 Grundbewegungen“:

„Die Vermittlung von Grundkenntnissen und die Führung auf dem Weg muss mündlich erfolgen.
Ununterbrochenes hartes Üben ist die Methode der Selbstkultivierung.“
(Das Tai Chi-Klassker Lesebuch S.30)

Aber nicht nur abstrakte Konzepte des Konfuzianismus werden in den Klassikern verwendet. Auch konfuzianische Fachwörter, wie das der menschlichen Natur xing, inklusive eines eingebetteten Konfuzius-Zitates lassen sich finden:

„Der Natur nach stehen wir einander nahe, durch Angewohnheiten entfernen wir uns voneinander.“
(Konfuzius 17, 2)

Im Tai Chi-Klassiker „Die angeborene Art zu unterscheiden“:

„Nachdem der Mensch gerade geboren wurde, können die Augen sehen, die Ohren hören, kann die Nase riechen und der Mund essen. Farben, Laute, Gerüche und die fünf Geschmäcker gehören zu den angeborenen Anlagen der natürlichen Sinne. Die Bewegungen von Händen und Füßen und die Fähigkeiten der vier Gliedmaßen gehören zu den angeboren Anlagen der natürlichen Bewegung. Auch wenn man dies bedenkt, ist es aber nicht so, dass die reifen Menschen sich zwar der Natur nach nahe stehen, sie sich aber durch ihre Angewohnheiten voneinander entfernen und so ohne Grund ihre angeboren Anlagen verlieren?“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S.78)

Dabei sind die angeborenen Anlagen eine Verweis auf den zweiten großen Konfuzianer Mencius, der diesen Begriff eingeführt und intensiv diskutiert hat.

Von besonderer Bedeutung für die Tai Chi-Klassiker ist die neokonfuzianische Philosophie der Song-Zeit (960 – 1279 n. Chr.). Sie hat dem Tai Chi Chuan seine Kosmologie gegeben. So heißt es beim Ersten der Neokunfuzianer Zhou Dunyi:

„Der Gipfel des Nichts und dann Tai Chi. In Bewegung bringt das Tai Chi das yang hervor. Wenn die Bewegung das Äußerste erreicht hat, entsteht Ruhe. Ruhend erzeugt das Tai Chi das yin, doch wenn die Ruhe das Äußerste erreicht hat, entsteht Bewegung. Bewegung und Ruhe wechseln einander ab. Jede ist die Wurzel des anderen.“
(Das philosophische Lesebuch zum Tai Chi Chuan 2, S.83)

Im „Klassiker des Tai Chi Chuan“ heißt es:

„Das Tai Chi ist aus dem Gipfel des Nichts geboren. Es ist der Ursprung von Bewegung und Ruhe und die Mutter von yin und yang. In Bewegung teilt es, in Ruhe vereinigt es.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S.11)

So werden in den Tai Chi-Klassikern deutlich konfuzianische Einflüsse sichtbar. Doch wie steht es mit dem Buddhismus? Dass er nicht ganz ohne Einfluss auf die Entwicklung des Tai Chi Chuan gewesen sein kein, zeigt sich z.B. in den Namensgebung bei der Chen-Stil Tai Chi-Form. Hier gibt es die Stellung „Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel“ (vgl. Silberstorff, S. 200). Ansonsten wird der Buddhismus in der Kampfkunst, vertreten durch das Shaolin-Kungfu, aber eher als Gegenpart zum Tai Chi Chuan betrachtet. Überhaupt versucht das Tai Chi Chuan innerhalb der Kampfkünste eine einzigartige Stellung einzunehmen. So heißt es im „Klassiker des Tai Chi Chuan“:

„Es gibt viele weitere Schulen. Die Bewegungen unterscheiden sich zwar, aber allgemein gilt: Das Starke bedrängt das Schwache, das Langsame gibt gegenüber dem Schnellen auf. Wer Kraft hat Schlägt den ohne Kraft. Die langsame Hand gibt angesichts der schnellen Hand auf. Dies alles sind jedoch angeborene, natürliche Begabungen, die nicht mit Gelehrsamkeit und Übung verbunden sind. Der Satz ´Mit der Wirkung von vier Unzen kann man tausend Pfund mühelos bewegen´ macht deutlich, dass man ohne Kraft den Sieg erringen soll. Schau wie ein alter Mann mehrere Gegner abwehrt. Wie soll Schnelligkeit sein Können sein?“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S. 11)

Einen Austausch zwischen den Meistern des Tai Chi Chuan und anderen Kampfkunstschulen hat es aber trotzdem gegeben. Von vielen Meistern ist bekannt, dass sie neben dem Tai Chi Chuan auch andere Kampfkünste erlernt haben. So hat sich das Tai Chi Chuan immer in Konkurrenz und im Austausch mit den anderen Kampfkünsten entwickelt.


Das Kämpferische (wu)

Die Wurzeln der Tai Chi-Klassiker liegen nicht nur in der Philosophie. Eine große Zahl der Tai Chi-Meister waren als Ausbilder im chinesischen Militär tätig. Dies prägte ihre Sprache. So heißt es z.B. in den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen“:

„Das Herz/Bewusstsein ist der Befehlshaber,
das qi ist die Flagge und die Taille ist das Banner.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S. 25)

Beim Militär sind die Tai Chi-Meister sicherlich auch mit den Schriften der Strategen in Berührung gekommen. Der berühmteste unter ihnen ist Sunzi mit seinem Werk „Die Kunst des Krieges“, es gibt aber noch zahlreiche weitere Autoren. Der Einfluss der strategischen Literatur äußert sich in Form analoger Gedankengänge. So heißt es z.B. bei Tai Gong:

„Beim Planen ist nichts wichtiger,
als nicht erkannt zu werden.“
(Sawyer, S. 6)

Und im „Klassiker des Tai Chi Chuan“:

„Der Andere kennt mich nicht,
ich allein kenne ihn.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S. 11)

Die Begriffe für die Beschreibung strategischer Sachverhalte sind direkt aus der Literatur der Strategen übernommen worden. So spricht man z.B. sowohl bei den Strategen als auch im Tai Chi Chuan von dem strategischen Vorteil (shi). Sunzi:

„Die Geschwindigkeit von herabströmenden Wasser kann aufgrund seines strategischen Vorteils Felsen herum werfen. Ein Greifvogel kann sein Opfer aufgrund des richtigen Zeitpunktes zerschmettern. Es ist wie bei einem Experten des Kampfes, dessen strategischer Vorteil ausgerichtet und dessen Zeitpunkt richtig gewählt ist.“
(Ames, S. 119)

Die „Abhandlung zum Tai Chi Chuan“ führt aus:

„Durch Vordringen und Zurückweichen erlangt man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil.“
(Das Tai Chi Klassiker Lesebuch S.23)

Auch das Konzept von Voll (shi) und Leer (xu) findet sich in beiden Schriften. Sunzi:

„Beim Einsatz der Armee vermeidet man das Volle und schlägt in die Leere.“
(Das Philosophische Lesebuch zum Tai Chi Chuan S.42)

Die „Abhandlung des Tai Chi Chuan“: „

Leer und Voll müssen klar unterschieden werden.
Jede Stelle hat einen leeren und einen vollen Aspekt.
Überall gibt es immer Leer und Voll.“
(Das Tai Chi Klassiker Lesebuch S.23)

Neben dem Kontakt zum Militär haben, wie oben erwähnt, auch andere Kampfkünste ihren Einfluss auf das Tai Chi Chuan gehabt. So ist z.B. der Gründungsmythos des Tai Chi Chuan auch in anderen inneren Kampfkünsten zu finden. Im „Klassiker des Tai Chi Chuan“ heißt es dazu:

„Das ist das hinterlassene Werk des Lehrers Zhang Sanfeng vom Wudang-Berg, der sich wünscht, dass die Helden dieser Welt damit ihr Leben verlängern und es nicht nur zur Kampfkunst verwenden.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch S. 12)

In einem Text zur inneren Kampfkunst des Meisters Wang Chennan, der keinen Kontakt zum Tai Chi Chuan hatte, findet sich:

„Shaolin ist berühmt für seine Boxer. Aber wie auch immer, seine Techniken beruhen hauptsächlich auf Angriff, was einem Gegner die Möglichkeit gibt, dies auszunutzen. Jetzt gibt es auch eine weitere Schule, die ´Innen´ genannt wird und welche Härte mit Weichheit besiegt. Angreifer werden mühelos zurückgeworfen. Daher unterscheiden wir Shaolin als ´Außen´. Die innere Schule wurde durch Zhang Sanfeng aus der Song-Dynastie gegründet. Zhang Sanfeng war ein taoistischer Alchimist aus dem Wudang-Gebirge. Er wurde vom Kaiser Hui Zong der Song gerufen, aber der Weg war unpassierbar. In dieser Nacht träumte er, dass der Gott des Krieges ihm die Kunst des Boxens übermittelte und am folgenden Morgen tötete er mehr als hundert Banditen mit der bloßen Hand.“
(Wile, S. 53)

Insgesamt muss man also sagen, dass die Meister des Tai Chi Chuan beim Entwickeln ihrer Kunst auf unterschiedlichste geistige Ursprünge zurückgegriffen haben. Dabei haben sie sicherlich versucht, das jeweils am besten geeignete Material für ihre Zwecke aufzuarbeiten und zu einer neuen Kunst zu vereinen. Durch das Studium der Klassiker ist ein jeder in der Lage, sich von dem gelungenen Ergebnis selbst zu überzeugen.

Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, 2013
Bödicker, Martin und Freya, Das Philosophische Lesebuch, 2005
Bödicker, Martin und Freya, Das Philosophische Lesebuch 2, 2006
Lin Yutang, Weisheit des lächelnden Lebens, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
Sawyer D. Ralph, The Seven military classics of ancient China, Westview Press, Colorado 1993
Silberstorff Jan, Chen, Ullstein, München 2003
Wile Douglas, T´ai Chi´s Ancesters, Sweet Ch´i Press, New York 1999

Donnerstag, 13. Juni 2013

News: Liste der Klassiker


Anbei eine Liste der Klassiker, die sich im Tai Chi-Klassiker Lesebuch findet:

- Der Klassiker des Tai Chi Chuan
- Abhandlung zum Tai Chi Chuan
- Mentale Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen
- Lied der 13 Grundbewegungen
- Lied der schlagenden Hände
- Anmerkungen zu den ursprünglichen Abhandlungen
- Lied der schlagenden Hände
- Methoden des Körpers
- Lied der fünf Zeichen
- Lied der 13 Grundbewegungen
- Geheimlied der acht Methoden
- Lieder der Fünf Schrittarten
- Die Acht Handtechniken und Fünf Schrittarten
- Methode der Anwendung der Acht Handtechniken und Fünf Schrittarten
- Die angeborene Art, zu unterscheiden
- Über Kleben, Anhaften, Verbinden und Folgen
- Über Dagegenhalten, Mangeln, Kontakt verlieren und Widerstand leisten
- In der Auseinandersetzung ohne Fehler sein
- Der Körper, die Taille und der Scheitel
- Erklärung des Kulturellen und des Kämpferischen im Tai Chi Chuan
- Erklärung der drei Erfolge des Kulturellen und des Kämpferischen im Tai Chi Chuan
- Das Kulturelle und das Kämpferische
- Erklärung des Kampfes auf dem unteren Pfad des Tai Chi Chuan
- Erklärung der richtigen Praxis des Tai Chi Chuan
- Illustration der vier Jahreszeiten und fünf Qi des Tai Chi
- Grundlegende Erklärung des Blutes und des Qi im Tai Chi Chuan
- Erklärung der Membranen, Leitbahnen, Sehnen und Vitalpunkte im Tai Chi Chuan
- Abhandlung über die mündliche Überlieferung der lebensspendenden und tödlichen Vitalpunkte
- Abhandlung von Zhang Sanfeng, wie man durch die Kampfkunst den Weg erlangt
- Erläuterungen zur Untersuchung des Ursprungs des Tai Chi Chuan

Dienstag, 4. Juni 2013

News: Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch ist da!

Es ist soweit - ab jetzt erhältlich: Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch:

Bestellen: hier

Und weil es so schön ist, auch einen Clip dazu:




Viel Spaß dabei.

Gruß

Martin