Montag, 16. Dezember 2013

Artikel: Gewissenhaft studieren und bitter trainieren - Chen Zhaokui




Gerade endet das 30. Todesjahr von Großmeister Chen Zhaokui (1928 – 1981). Chen Zhaokui gilt im Chen-Stil Taijiquan als »Mittler« zwischen Tradition und Moderne. Er lernte auf traditionelle Weise bei seinem Vater Chen Fake, der den Chen-Stil seinerzeit in Beijing bekannt machte. Chen Zhaokui interessierte sich für die klassischen Schriften, aber auch für moderne medizinische Erkenntnisse. Er hinterließ viele Notizen und Manuskripte, die dazu beitragen sollten, dem klassisch überlieferten Taijiquan zu einer Stellung auch in einer modernen (chinesischen) Gesellschaft zu verhelfen.

Daher erkundete er den Gehalt der Überlieferungen, die teilweise sehr kurz und verschlüsselt sind, und strebte klare Erklärungen an, um allen Praktizierenden ein sinnvolles praktisches Training zu ermöglichen: »Theorie und Praxis müssen sich die Waage halten« (Chen Zhaokui und Chao Zhenmin, 2011, S 52). Er legte besonderen Wert auf den kämpferischen Nutzen der Bewegungen und vermittelte diesen Aspekt als einziger der nächsten Generation im Ursprungsort Chenjiagou.

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Donnerstag, 12. Dezember 2013

News: 14. Internationales Push Hands Treffen

vom 12.- 16. Februar 2014 in Hannover

Liebe Tai Chi Spieler,
der Termin für das 14. Push Hands Treffen in Hannover steht fest! Vom 12. bis 16. Februar 2014 erwartet Sie wie gewohnt neben dem Programm für Fortgeschrittene ein durchgängiges Angebot für Anfänger: Mindestens einen Workshop am Vormittag, eine Einführung in das freie Push Hands und anschließend eine extra Spielwiese für Anfänger und Weichpuscher nach der Mittagspause.


Ablauf:
9:30 Uhr Vorstellung der Lehrer und Auswahl der Workshops
10:00 - 13:00 Uhr Workshops
13:00 - 15:00 Uhr Mittagspause
15:00 - 17:45 Uhr Freies Push Hands


Am 15. Februar findet die legendäre Push Hands-Party mit Gala ab 19.30 Uhr statt.

Weitere Informationen u.a. zu den Lehrern und Workshop-Themen werden auf dieser Website ständig aktualisiert. Das vollständige Programm sowie den aktuellen Flyer können Sie hier in wenigen Tagen herunterladen oder werden auf Anfrage postalisch zugesandt werden.

Erinnerungen an das letzte Treffen finden Sie in der Galerie und den Videos.

Auf dass, das 14. Treffen wieder von der gleichen, guten, konstruktiven und respektvollen Stimmung getragen wird wie die Vorherigen!

Ich freue mich auf Sie!

Auf bald in Hannover, Nils Klug

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Mittwoch, 11. Dezember 2013

Clip: Auf der Suche nach Tai Chi Chuan als Kampfkunst



Kungfu Quest - Doku aus Hongkong mit engl. Untertiteln:

Drei Kämpfer suchen das authentische Tai Chi Chuan als Kampfkunst.


Mittwoch, 4. Dezember 2013

Anekdote: Entspannungstraining?

Wir saßen einmal nach einem harten Seminartag mit Ma Jiangbao in unserer WG-Küche und redeten über Tai Chi Chuan. Dabei hörte Ma Jiangbao heraus, dass man in Deutschland wohl denkt, Tai Chi Chuan sei so eine Art Entspannungstraining. Da schüttelte er nun den Kopf und sagte:

"Nein, nein, Tai Chi Chuan ist eine Kampfkunst. Es ist harte Arbeit. Sich nach dem Tai Chi-Training hier zusammensetzen, zu essen und ein Bier zu trinken, das ist Entspannung.


Dienstag, 26. November 2013

Artikel: Yang Luchan

Vom Bauern zum Leibwächter

Taijiquan des Yang Luchan in der verbotenen Stadt
Von Jordi Vilá
Aus dem Spanisch übersetzt durch Ana Martin und Jan Ihde
Mit freundlicher Genehmigung des spanischen Taijiquan-Magazins

Das Taijiquan, in seinen verschiedenen historischen Wandlungen, ist ein Werkzeug der spirituellen Ausbildung der daoistischen Mönche, so wie eine Selbstverteidigungstechnik der Bauern des Dorfes Chenjiagou und die Kampfkunst der Leibgarde, die die kaiserlische Familie Mitte des XIX Jahrhundert schützte. Obwohl der zuletzt genannte Punkt eine große Bedeutung hat, hat man sich bis heute sehr wenig mit diesem Thema beschäftigt.

Yang Luchan


Als der Meister Yang Luchan (1799-1872), Kampfkunstexperte das Dorf Chenjiagou (Provinz Henan) verließ, hatte er bereits achtzehn Jahre lang Boxen unter der Vormundschaft seines Meisters Chen Changxing (Mitglied des Chen-Clans 1771-1853) trainiert und sich entschlossen, zu seinem Geburtsort in der Grafschaft von Yongnian, Präfektur von Guangping (Provinz Hebei) zurückzukehren. Es war das dreißigste Regierungsjahr des Kaisers Jao Guang (1850). Angekommen in seinem Dorf, ist Yang zur Familie Wu (Hao) gegangen, um ihr seinen Respekt zu erweisen. Die Familie Wu hatte verschiedene offizielle Posten in der Regierung. Yang und die Familie Wu hatten früher schon Kontakt gehabt, da drei der Gebrüder Wu an den Kampfkünsten interessiert waren und mitgewirkt hatten, dass der aus einfachen Verhältnissen aus einer Bauernfamilie stammende Yang, zum Chen reisen konnte, um dort den Chen-Box Stil zu lernen.

Der älteste der Brüder, Wu Chengping (1800-1884?) war höherer Justizbeamter. Anhand der offiziellen Register weiß man, daß er seine militärischen Strategiekenntnisse und seine Kampfkunst benutzt hat, um die Banditen von Nian zu bekämpfen. Man hält ihn für den Autor einiger der Taijiquan Texte der ersten Generation. Diese Texte haben ein hohes technisches und theoretisches Niveau. Wu Ruqing (1802-1885?) war zweiter Direktor der Justizabteilung am kaiserlichen Hof in Sichuan. Die örtlichen Annalen erinnern an ihn, wegen seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinns und registrieren sein Interesse an den Lebensbedingungen der Gefangenen im Gefängnis, für die Untersuchung politischen Amtsmißbrauchs und weil er ein aktives Mitglied der Gemeinde war.

Wu Yuxiang (1812-1880?) war ein konfuzianischer Sachwalter, der Dank der Unterstützung verschiedener Regierungsbeamter zum Hof kam. Er reiste nach Chenjiagou, um mit Meister Yang Luchan zu lernen, entschließt sich letztendlich aber mit Meister Chen Qingping (1795-1869) im Dorf des Zhaobao zu praktizieren. Er gründete den Wu (Hao)-Stil des Taijiquan und hat mit seinem ältesten Bruder die erste schriftliche Ausgabe der Kampfkunst Texte des Taijiquan - als Klassiker bekannt – geschrieben. Während seiner Amtszeit hat er nicht als Kampfkunstlehrer praktiziert, und hat nur seine Neffen Li Yiyu und Li Qixuan unterrichtet; er war außerdem eine Weile der Vormund des zweiten Kindes von Yang Luchan, der bekannte Yang Banhou.

Yang Luchan hat sich dem öffentlichen Unterrichtswesen der Kampfkunst gewidmet. Seine Kunst im Vergleich zu anderen lokalen Stilen, war sehr geschmeidig und flexibel, beruhend mehr auf ausweichender Bewegung und Neutralität, als auf einen frontalen Schlag gegen die Kraft des Gegners. Da Yang wegen seiner Geschicklichkeit im Boxen der Familie Chen bekannt war, hatten ihn die drei Brüder als ihren Lehrer genommen um seine Kampfmethode zu lernen. Mit einer Empfehlung von Wu Ruqing ist Yang nach Peking gereist, und Dank des Einflusses der Gebrüder Wu bei einem reichen Geschäftsmann namens Zhang einquartiert worden, der Besitzer „eines Anwesens - so groß wie eine Stadt“ war. Zu einem Teil seines Geschäfts gehörten verschiedene Kampfkunst Experten, die für die Sicherheit der Ware verantwortlich waren.

Während eines Banketts, bei dem viele der Gäste ihre Geschicklichkeit beim Boxen zeigten, fiel einem der Zhang-Experten die dünne Gestalt von Yang und seine „weiche“ Technik auf, und er äußerte die Meinung, dass es eine persönliche Beleidigung sei, mit einem so wenig beeindruckenden „Kämpfer“ den Tisch teilen zu müssen. Als Yang gefragt wurde, ob er mit seinem Stil gegen jeden Typ von Gegner siegen könne, gab er eine Antwort, welche in die Geschichte des Taijiquan einging:

„Wenn sie nicht in Eisen oder Bronze gegossen, oder aus Holz geschnitten sind, und wenn ihre Eltern ihnen einen Körper aus Fleisch und Knochen gegeben haben, dann kann ich sie besiegen.“

Der Kämpfer fühlte sich in seinem Stolz angegriffen, und forderte Yang heraus. Yang akzeptierte ohne zu zögern und fügte hinzu, daß er außerdem bereit sei, gegen jeden der dort Anwesenden zu kämpfen. Das Spektakel war kurz: Im Garten des großen Hauses gingen beide Männer in Grundstellung. Der Kämpfer von Zhang griff Yang an, flog hin und war sofort bewußtlos. Danach griff ihn ein anderer Kämpfer an und wurde unverzüglich erledigt. Die restlichen Tischgäste trauten sich nicht mehr, den kleinen Teufel mit den Händen aus Baumwolle herauszufordern. Zurück am Tisch, bot ihm Zhang eine Ehrenstelle an und beauftragte ihn als Chef der Kampfausbildung in seiner Residenz.

Während der Zeit in der Yang seinen eigenen Stil im Hause des Geschäftsmannes unterrichtete, wurde er oft herausgefordert. Die Legenden (welche realistische Ereignisse in geschönter Form erzählen) behaupten, dass Yang gegen viele Kämpfer gekämpft, aber nie jemanden schwer verletzt oder getötet habe. Sein Stil hatte keinen „offiziellen“ Namen, obwohl er mit folgenden Adjektiven bezeichnet wurde:

-Huaquan (Neutralisierendes Boxen)
-Ruaquan (flexibles Boxen) oder
-Minquan (Boxen wie aus Baumwolle)

Diese Namen wurden wahrscheinlich von Zhang geprägt.

Sein Ruf wurde aufgrund seiner Siege immer größer und letztendlich wurden Leute am kaiserlichen Hof auf ihn aufmerksam. So haben Shi Shaonan und der General Yue Guichen seine Dienste als Privatlehrer in der Technik der Kampfkunst eingefordert und ihm damit den Eintritt in die verbotene Stadt ermöglicht. Diese beiden Männer zusammen mit Wang Lauting, einem Mitglied der kaiserlichen Familie, der im Lei Palast residierte, waren die Mitglieder der ersten Generation des Yang Luchan Stils in Beijing. Trotzdem hinterließ keiner dieser Männer einen Stil oder eine Schule für die Nachwelt. Shi Shaonan und Wang Lauting starben an Pocken und der General Yue fiel im Kampf.

Wie hat es Yang geschafft, von den Prinzen der kaiserlichen Familie eingestellt zu werden? Wir können nur Hypothesen aufstellen, da es nur wenig historische Informationen über Yang gibt. Eine dieser Geschichten erzählt, daß er, als er in Beijing ankam, Dank seiner Geschicklichkeit in der Kampfkunst, dem Bataillon der bewaffneten Eskorte Shen Ji Ying geholfen hat, dem von Räubern bestohlenen Prinz Duan eine beträchtliche Menge an Silber zurückzugeben. Aus diesem Grund stand Yang in der Gunst des Prinzen und bekam eine Stelle als Instrukteur der Garde.

Die verbotene Stadt

Als Yang Luchan Mitte des 19.Jahrhunderts zum ersten Mal den Hof betrat, war China von den Mandschuren regiert, einem Volk mit fremder Herkunft, das von den Jurchen abstammt, einer großen Gruppe wandernder Stämme. Diese Stämme wurden ca. 1600 von Nurhaci (1559-1626) vereinigt. Nurhaci, ein charismatischer Führer, wurde der erste mandschurische Kaiser von China. Als er in die Hauptstadt kam, hat er den letzten Ming-Kaiser zum Selbstmord gezwungen und die Mandschuren haben die neue Dynastie Qing begründet (1644-1911), welche fast 300 Jahre währte. Diese Dynastie steht für:

-Rassentrennung
-ein außergewöhnliches Interesse für die Kultur, einen extremen Generationenwechsel, verbunden mit
-einem unglaublichen Anstieg der staatlichen Bürokratie, welche zweifellos wegen der Bevölkerungszunahme in China entstand.

Die Verbotene Stadt inmitten des Mandschuren-Stadtteils in Beijing, war ein rechteckiges Gebäude mit 1.999 Räumen. Die Stadt war in acht Sektionen geteilt, dem charakteristischen Acht Banner Modell der Mandschuren folgend.

Yang Luchan in der verbotenen Stadt

Als Prinz Duan, ein Experte der Kampfkunst, Luchan eine Stelle als Lehrer anbot, ist Luchan bei Hof eingezogen. In seinem Haus trafen sich zahlreiche Kämpfer mit dem Wunsch, dessen Technik zu üben, und damit Zutritt zu dem Korps des Kampfmeisters der Qing-Armee zu haben. Mit der Zeit wurde Yang zum Offizier siebten Grades, Experte in Kampfkunst, einem bedeutenden Posten innerhalb der Hierarchie des Militärs. Neben seinem Unterricht bei Hof, hat er auch normale Bürger trainiert, die nicht den politischen Status der Mandschuren hatten. Er selbst war ein Hanjun (chinesischer Soldat) und kein adeliger Mandschure.


Yang Luchan übte als Meister in dem Truppenlager Shen Ji Ying (Bataillon der bewaffneten Eskorte). Dieses Truppenlager war bekannt, weil seine Mitglieder Feuerwaffen, eine Art lange, aber unhandliche Muskete namens qiang (Lanze) hatten und weil sie ausgezeichnete Kämpfer, viele von ihnen auch ausgezeichnete Reiter waren. Die Feuerwaffen waren sehr beliebt bei den Mandschuren und ihre Anwendung in militärischen Strukturen wurde schon von Huang Taiji, dem zweiten Mandschuren - Kaiser vorangetrieben. Es ist möglich, daß in der Zeit des Yang Luchan, einige westliche Militärs schon als Ausbilder des Bataillons gedient haben. Innerhalb des Hofes hatte er weitere Herausforderungen anderer Experten angenommen. Seine Technik war unvergleichlich und er wurde Yang Wudi „Yang der Unbesiegbare“ genannt. Yang hatte sogar die Mandschuren-Häuser unterrichtet und war Lehrer der acht wichtigsten Prinzen, den Herren der Banner. Infolgedessen wurde er auch als Yang Ba Ye (Yang der Acht Herren) bekannt.

Die Kämpfe waren mehr ein Kampf um Prestige als um das Überleben. Eine Herausforderung eines anderen bekannten Kämpfers zu akzeptieren gehörte zu seinen Aufgaben bei Hof. Während eines Kampfes von Yang war ein intellektueller namens Wen Donhe so von der Technik des Meister verzaubert, dass er folgende Verse als Beweis seines Bewunderung komponierte:

Wenn die Hände das taiji halten, bebt die ganze Welt;
wenn dem Herz die größte Geschicklichkeit innewohnt,
muß sich sogar der Tapferste geschlagen geben.

Angeblich war die Idee „die Hände, die das taiji halten“ so berühmt, daß peu à peu die Kunst des Yang Luchan mit dem Name Taijiquan bekannt wurde: Boxen, das dem Prinzip des taiji-Symbols folgt.


Erläuterung: Die acht Banner
Die acht Banner, (gusa auf mandschurisch, qi auf chinesisch) waren die militärischen und sozialen Organisationen, die unter Kaiser Nurhaci gegründet wurden; jedes Banner (oder Wappen) steht für eine Adelsfamilie. Danach, vom zweiten Kaiser der Mandschuren, Huang Taiji, formte sich das Kaiserreich um diese acht Banner herum und setzte die militärische Struktur fort. Als sich aber die Struktur vom militärischen zum Ämterwesen hin wandelte – das passierte so vom siebzehnten bis neunzehnten Jahrhundert - verloren sie die Macht Kriege zu führen und waren nicht mehr in der Lage weder interne Aufstände noch Angriffe aus dem Osten abzuwehren. Unter den acht Flaggen waren drei ethnische Gruppen zu finden:

-Mandschuren
-Han Chinesen
-Mongolen.

Mit der Zeit erlangten die Han Chinesen die Mehrheit über die acht Banner.

Die Struktur der acht Banner war so festgelegt:
Die kleinste Einheit war der Niru (Zuoling auf chinesisch) und bestand aus dreihundert Männern. Die nächst größere Einheit war der Jalan oder Canling und bestand aus fünf Niru. Das Banner (gusa) bestand aus fünf Jalan.

Jedes Banner unterscheidet sich durch eine bestimmte Farbe und steht für die Macht, welche die acht einflußreichsten Mandschurenprinzen ausübten.

Dienstag, 19. November 2013

Text: Kao - "lehnen" oder "mit dem Körper stoßen"?

Angestoßen durch den Artikel zu kao (hier) kam es im Internet (hier) zu einer lebhaften Diskussion, ob kao nun mit "lehnen" oder "mit dem Körper stoßen" zu übersetzen sei. Ich möchte die Diskussion hier kurz zusammenfassen und hoffe dabei, dass ich Meinungen anderer zu ihrer Zufriedenheit wiedergebe.

Es begann alles mit dem Hinweis, dass kao in richtiger Weise mit "lehnen" zu übersetzen sei.


Die Wörterbücher

Im neuen Chinesisch-Deutschem Wörterbuch findet man zu kao:

an … lehnen, sich anlehnen, sich auf etwas stützen, sich nähern, näherkommen, angewiesen sein auf




Im Großen chinesischen Wörterbuch (Zhongwen da cidian) Bd.9, Eintrag 43559, S. 1616 ergibt sich dazu folgendes (Danke an Hermann Bohn):

Es existieren 3 Aussprachen: kao(4), ku(4) und gu(4):

Nr. 1: gegen einander vorgehen
Nr. 2: aufeinander beruhen
Nr. 3: Ärger machen - gleichbedeutend zu gao(3)

In Mathews' Chinese English Dictionary findet sich:

Von etwas abhängen, auf etwas vertrauen, auf etwas stützen/lehnen, nahe zu

Resultat: "Lehnen" ist in Wörterbüchern also zu finden, ein "stoßen" jedoch nicht.


Ist kao als "stoßen" vielleicht ein Tai Chi-Fachwort?

Im Tai Chi Chuan meines Lehrers ist kao klar ein stoßen mit dem Körper. Es wird mit der Schulter, dem Rücken oder der Hüfte aktiv gestoßen. Es wurde mir bestätigt, dass dies auch bei anderen Lehrern und Stilen so geübt wird. Auch die Klassiker zu kao gehen von einer heftigen und schnellen Bewegung aus. Man kann also annehmen, dass kao in dieser Form ein Tai Chi-Fachwort ist.

Andere Tai Chi'ler haben kao jedoch auch anders kennengelernt. Dabei "lehnt" man sich auf den gegnerischen Kraftvektor, das geht schnell bzw impulsartig oder langsam, hoch oder tief. Aus diesem "lehnen" kann sich dann ein "stoßen" entwickeln.

Oder auch, dass man eine Situation schafft/ausnutzt, in der der Gegner einen braucht, um sich selber "anzulehnen" - also in dem Sinne, dass man dem Gegner mit Schulter/Rumpf eine "Stütze" bietet, von der er dann abhängig ist, die man ihm dann aber überraschend nimmt und den statischen Kollaps für Folgetechniken wie ihn zu Boden bringen nutzt; in gewissem Sinne ist es also eine spezielle Art des "leer machens".

Kao wird auch als das "Prinzip des Lehnens" beschrieben, das als Anwendung z.B. einen Stoß hat. Hier werden die 13 Grundbewegungen allgemein als Prinzipien verstanden, die sich in mannigfaltigen Techniken offenbaren.


Was ist kao nun? "Lehnen" oder "stoßen"?

Ich denke, wie so manches Tai Chi-Fachwort ist jede Übersetzung nur eine Hilfe. Am besten wäre es, kao einfach unübersetzt zu lassen. Wenn es aber übersetzt wird, muss es zu dem jeweiligen Stil und Lehrer passen. Ein über den Tellerrand schauen, wie hier, kann das eigene Wissen aber enorm vertiefen.

Soweit die Diskussion. Wie ich finde, sehr spannend und lehrreich. Wie doch die Übersetzung eines Fachwortes einen dazu bringt, über die Inhalte des Tai Chi Chuan nachzudenken. Ich danke allen Beteiligten.

Gruß

Martin

News: Rezension zum Tai Chi-Klassiker Lesebuch


Im neuen Taijiquan & Qigong Journal findet sich eine Rezension vom Almut Schmitz zum Tai Chi-Klassiker Lesebuch:

Dieses Werk, dem man in seiner schlichten Aufmachung die immense Arbeit, die dahintersteht, auf den ersten Blick gar nicht ansieht, ist eine große Hilfe für alle Taiji-Praktizierenden, die zu einem tieferen Verständnis des Taijiquan vordringen wollen. Ohne die häufig üblichen Fußnoten und Anmerkungen und mit den begleitenden Erläuterungen ist es für alle geeignet, die noch relativ am Anfang ihres Taiji-Weges stehen, aber auch viele erfahrenere Übende und Lehrende werden unter den 29 klassischen Texten noch einiges entdecken können.

Mehr: hier

Sonntag, 10. November 2013

Artikel: Kao - der Stoß mit dem Körper

Kao ist eine Technik, bei der der Rumpf zum Angriff eingesetzt wird. Ma Yueliang kommentiert erklärt:

Kao ist eine offensichtliche Kraft. Es ist der Gebrauch der Schultern und des Rückens, um die leeren (xu) Stellen des Gegners anzugreifen. Es ist Kraft leihen und Kraft gebrauchen. Es ist auch eine oft benutzte Technik, wenn man beim Angriff des Anderen nicht rechtzeitig mit den Händen wechseln kann. Kao ist wie das Ausdehnen von Gas – schlagartig bricht es aus. Der Andere kann dabei sehr stark erschüttert werden.“ (Ma, Xu, S. 11)


Kao ist also eine sehr explosive Technik. Ma Yueliang legt jedoch darauf Wert, dass kao nur dann effektiv ist, wenn es aus der richtigen Situation heraus angewendet wird, d.h. das man die leeren Stellen des Angreifers mit kao erreicht. Diese Situation wird im Chinesischen mit jishi (günstige Gelegenheit und strategischer Vorteil) bezeichnet. In der Abhandlung zum Taijiquan (Taijiquan lun) heißt es dazu:

„Durch Vordringen und Zurückweichen erlangt man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil. Erlangt man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil nicht, wird der Körper unorganisiert und durcheinander sein.“
(Bödicker, S. 23)

Schätzt man die Situation also falsch ein, ist der Gebrauch von kao sehr riskant. Der Partner kann die entstandene Kraft neutralisieren und sie eventuell sogar leihen. So wird man mit Sicherheit seinen Schwerpunkt verlieren. Im schlimmsten Fall wird der Angriff nicht nur misslingen, sondern man kann auch selber geschlagen werden. Man sollte also immer darauf achten, nur die leeren Stellen des Anderen anzugreifen. Gelingt dies im Training optimal, sollte man den Ratschlag von Ma Jiangbao folgen und kao nur sanft einsetzen, um den Partner nicht zu verletzen. Ansonsten kann es zu der Situation kommen, die im Lied der 13 Grundbewegungen von Li Yiyu beschrieben ist:

"Bei kao suche ich zuerst das Dreieck. Ich platziere mich vor seinem Unterleib mit dem Blick seitwärts nach unten. Taille und Körper drehen sich zusammen und so schickt man den anderen zum König der Hölle."
(Bödicker, S. 59)


Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, Willich, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986

Zur Diskussion zu diesem Artikel: hier

Freitag, 1. November 2013

News: Lou Reed starb beim Tai Chi Chuan

Nach den Worten seiner Ehefrau Laurie Anderson ist Lou Reed beim Ausführen von Tai Chi Chuan gestorben:

"Er ist gestorben, während er die Bäume anschaute und Tai Chi Chuan mit seinen sich in der Luft bewegenden Musikerhänden gemacht hat."


Mehr (english): hier

Montag, 21. Oktober 2013

News: German Taijiquan Open

26. Oktober 2013


Jetzt schon mehr als 90 Teilnehmer beim Pushhands, insgesamt mehr als 150.

Mehr: hier

Text: Kurze Information zur schnellen Form des Wu Tai Chi Chuan

Von Wu Yinghua und Ma Yueliang
Aus dem Buch „Zhengzong Wushi Taijiquan (Die orthodoxe Schule des Wu-Stil Taichichuan)“, S. 158-159
Übersetzt von Martin Bödicker

(Gilt für das Wu Tai Chi Chuan, aber ich denke auch für die meisten schnellen Formen anderer Stile. M. Bödicker)

Die schnelle Form ist ein Erbe der Familienlehre des Meisters Wu Jianquan. Sie ist die frühere Form, aus der die heutige traditionelle Form [langsame Form] entwickelt wurde. Ihr Verlauf ist lang und kompliziert und besondere Aufmerksamkeit wird dem abgeben der jin-Kraft (fajin) geschenkt. Für das Erlernen wird man sich sehr anstrengen müssen.


Als Meister Wu Jianquan die traditionelle Form entwickelte, wurde ihre Form weich und gemäßigt, solide und ohne Unterbrechung. Damit gründete er den eigenen Stil der langsamen Form des Wu Tai Chi Chuan. Die schnelle Form ist nur in einem kleinen Kreis verbreitetet und ist bis heute höchst wertvoll. Sie wird nur von wenigen geübt. Zusammenfassend hat diese Form folgende Besonderheiten:

1) Die Vereinigung von: das Herz/Bewusstsein trainieren – das qi trainieren - den Körper trainieren

In den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen (Shisanshi xinggongxinjie)“ heißt es: „Mit dem Herz/Bewusstsein (xin) das qi leiten. Das qi sinken lassen. Dann kann es sich in den Knochen sammeln. Mit dem qi den Körper bewegen. Den Körper folgen lassen. Dann kann er dem Herz/Bewusstsein gehorchen.“ Das Wort Herz/Bewusstsein (xin) verweist hier auf die Denkvorgänge in der Großhirnrinde. Weiterhin bezeichnet man mit der Vorstellungskraft (yi), dass man sich des qi bewusst ist. Aber Herz/Bewusstsein und Vorstellungskraft unterscheiden sich. Der Kampfkunstspruch „Bewegt sich das Herz/Bewusstsein, bewegt sich auch die Vorstellungskraft, bewegt sich die Vorstellungskraft, bewegt sich auch der Körper“ sagt ganz klar, dass zwischen Herz/Bewusstsein und Vorstellungskraft eine Beziehung von Haupt- und Nebensache herrscht.



Das qi aus „Mit dem Herz/Bewusstsein das qi leiten.“ stellt sich in zwei Arten dar. Die eine Art ist das qi der Atmung, die andere das formlose, ursprüngliche qi (yuanqi). Diese zwei qi-Arten stehen auch zueinander in Beziehung. Beim Üben der Wu Taichichuan schnellen Form muss man zuerst eine ruhige Atmung bewahren. Man muss sowohl eine normale Häufigkeit, als auch eine normale tiefe der Atmung aufrechterhalten. So entwickelt man ganz natürlich nach langer Zeit eine tiefe Atmung und versucht nicht, dies künstlich zu erreichen. Das ursprüngliche qi ist das qi des ursprünglichen yang des menschlichen Körpers. Es ist einfach das qi des „Mit dem Herz/Bewusstsein (xin) das qi leiten.“ und das durch das qi der Atmung genährte qi des ursprünglichen yang. Der Satz „Wenn man richtig atmet, wird man auch gewandt.“ aus den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen“ beschreibt ganz klar die wunderbaren Ergebnisse dieser natürlichen Atmung.

2) Den Körper trainieren als Grundlage (ti) – die abgebende jin-Kraft (fajin) als Anwendung (yong)

Bei der schnellen Form des Wu Taichichuan bildet das körperliche Training die Grundlage (ti). Bewegungen zum Austeilen von Schlägen bilden die Anwendung (yong). Dies sind Bewegungen, bei der jin-Kraft abgegeben wird (fajin). Beim fajin ist die Taille (yao) die Hauptsache und Grundlage und die vier Gliedmaßen sind die Anwendung. Es ist wie in dem Spruch „Die Kraft wird durch das Rückgrat abgegeben.“ Beim fajin muss man die ganze Kraft auf einen Punkt konzentrieren. Man hat die jin-Kraft und ist dann für einen Moment sehr schnell, wie es in den „Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen“ formuliert ist:

Jin-Kraft abgeben (fajin), wie das Abschießen eines Pfeils. Man muss völlig gesetzt und locker sein und sich auf eine Richtung konzentrieren.“

Freitag, 18. Oktober 2013

Text: Kleiner Gedanke 2

Heute ein kleiner Gedankensprung von mir.

Ich saß so auf meinem Sofa und ließ meinen Badmington-Schläger auf meinem Kopf fallen. Er titschte so schön elastisch wieder weg. Da dachte ich:

Der Rahmen ist hart, die Seiten sind weich, erst zusammen sind sie elastisch.

Ist das nicht das Ideal des Tai Chi Chuan?

Dienstag, 15. Oktober 2013

Montag, 14. Oktober 2013

Clip: Nicht nur Tai Chi hält im Alter fit!

Lasst euch mal überraschen - ab 1:30 geht es richtig los.

(Leider nicht Ginger Rogers mit 92, sondern Sarah Paddy Jones mit 75)

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Text: Kleiner Gedanke

von Martin Bödicker

In letzter Zeit versuche ich noch stärker als früher, die Wichtigkeit der Theorie des Tai Chi Chuan in meinen Veröffentlichungen darzustellen. Dabei werde ich aber immer wieder gefragt, ob das wirklich sein muss. Was nützt mir die Theorie?

Eine Antwort dazu findet man im Denken des alten China. Dort wird das Weltgeschehen als fortwährende gesetzmäßige Wandlung begriffen. Eine richtiges Handeln des Menschen in einer gegebenen Situation ergibt sich dann, wenn man schon im voraus sich erfüllende Tendenzen erkennt. Man muss die Keime des Werdenden rechtzeitig bemerken. So erlangt man die Möglichkeit, die Situation zu beeinflussen, ehe sich die Entwicklungen verfestigen. Ein frühes Handeln erfolgt so in Leichtigkeit und entspricht dem wuwei, dem Handeln, ohne zu handeln.

Um diesem Ideal - dem Handeln in Leichtigkeit - zu folgen, bedarf es aber des Wissens von der Gesetzmäßigkeit des Wandels. Ohne dieses Wissen tappt man im Dunkeln. Die Theorie ist in der Lage, uns das Wissen von der Gesetzmäßigkeit des Wandels zu vermitteln. Dies gilt im Allgemeinen, aber auch für das Tai Chi Chuan, einer Kampfkunst, die sogar das Gesetz des Wandels im Namen trägt.

Freitag, 27. September 2013

Artikel: Zhou - die Ellbogenkraft


Im Tai Chi Chuan spricht man von den 13 Grundbewegungen (shisanshi). Eine dieser Grundbewegungen ist der Einsatz des Ellenbogens (zhou). Der Einsatz von zhou wird im Klassiker Das Geheimlied der acht Methoden (Bafa mijue) näher erläutert:

„Wie erklärt man die Bedeutung von zhou?
In dieser Methode gibt es die fünf Wandlungsphasen.
Yin und yang trennen sich in oben und unten.
Voll und Leer müssen klar unterschieden werden.
Den verbundenen Bewegungen kann man sich nicht widersetzen.
Bei Faustschlägen wird es noch heftiger.
Wenn man die sechs jin-Kräfte durchdrungen hat,
sind die Anwendungen unerschöpflich.“
(Bödicker, S.62)

Der Einsatz des Ellenbogens ist eine höchst effektive und gefährliche Technik. Dies verleitet aber leicht dazu, sie gegen die Kraft des Partners einzusetzen, um so seinen Angriff zu brechen. Dies ist aber nicht richtig. Ma Yueliang kommentiert zu zhou:

„Man drückt auf die leere Stelle des Anderen."
(Ma, Xu, S. 11).

Hier wird zum zweiten mal darauf hingewiesen, dass das yin-yang-Paar "Voll und Leer" bei zhou von Bedeutung ist.

Das Paar "Voll und Leer" wird auch von alters her in der strategischen Literatur Chinas verwendet. So ist z.B. in Sunzis Die Kunst des Krieges (Sunzi bingfa) ein ganzes Kapitel mit „Voll und Leer“ benannt. In ihm weist Sunzi daraufhin, dass man „auf dem Weg zum Sieg, die vollen Punkte des Gegners vermeidet und die leeren angreift“ (Ames, S. 124). Wu Gongzao, der zweite Sohn Wu Jianquans, formuliert es in seinem Aufsatz „Voll und Leer“ ganz ähnlich:

„Im Krieg ist List die Regel und mit Strategie besiegt man den Anderen. Mit Strategie ist Voll und Leer gemeint. … Wenn der Andere voll ist, vermeide ich ihn. Wenn der Andere leer ist, greife ich an.“
(Wu, S. 21)

Aus der Sicht der chinesischen Strategemik richtet sich ein Angriff nie gegen die Kraft des Anderen. Vielmehr wird vor dem Angriff versucht, die leeren bzw. schwachen Stellen des Anderen auszumachen. Ein Angriff findet dann nur hier statt und ist so auf jeden Fall Erfolg versprechend. Im Tai Chi Chuan ist bei dieser Vorgehensweise das Fühlen (tingjin) von besonderer Bedeutung, denn nur so können die leeren Punkte auch ausgemacht werden. Die Fähigkeit des Fühlens darf sich aber nicht nur auf die Hände erstrecken, sondern muss auch in den Ellenbogen entwickelt werden.


Ames Roger, Sun-tzu: the art of war, Ballantine Books, New York 1993
Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Willich, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986
Wu Gongzao, Taijiquan Jiangyi, Shanghai Shudian, Shanghai 1995



Dienstag, 24. September 2013

Artikel: Tai Chi Chuan und der Dunning-Kruger-Effekt

Wer weiß, redet nicht.
Wer redet, weiß nicht.
Laozi 56

Tja, so mag es sein, aber da Daoisten im Tai Chi Chuan bekanntlich recht selten sind, wird gerade im Internet dazu recht viel geredet. Hilft die Diskussion aus der Unwissenheit zu führen, adelt dies:

Ich weiß nicht, daher rede ich. Dann weiß ich.

Leider kann man jedoch oft auch feststellen, dass einige der Diskussionsteilnehmer ihr (Nicht-)Wissen mit großen Selbstbewusstsein vortragen, obwohl sie eher unqualifiziert für das Thema wirken. Hier schlägt wohl der Dunning-Kruger-Effekt zu.

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger hatten in Studien bemerkt, dass das Selbstvertrauen bezüglich einer bestimmten Thematik bei Unwissenheit größer ist, als wenn Wissen zu der Thematik vorhanden ist. Durch weitere Studien kamen sie zu folgenden Beobachtungen:

- Weniger kompetente Personen neigen dazu, ihr Wissen/Können zu überschätzen.
- Weniger kompetente Personen neigen dazu, Wissen/Können bei überlegenen Personen nicht zu erkennen.
- Weniger kompetente Personen neigen dazu, ihre eigene Inkompetenz nicht zu erkennen.


Zusammengefasst versteht man unter dem Dunning-Kruger-Effekt die Tendenz inkompetenter Menschen, das eigene Wissen/Können zu überschätzen und die Leistungen kompetenterer Personen zu unterschätzen. (Dunning und Kruger erhielten für ihre Forschungen den Ig-Nobelpreis.)

Wenn also mal wieder eine Diskussion hochkocht, empfehle ich, den Dunning-Kruger-Effekt zu berücksichtigen (Spieglein, spieglein an der Wand ... hoffentlich bin ich (Martin Bödicker) gerade kompetent genug, mich zum Dunning-Kruger-Effekt zu äußern) und es mit Konfuzius (I,1) zu versuchen:

Der Meister sagt: "Wenn man Freunde hat, die aus der Ferne kommen, ist das nicht vergnüglich?"

Man sollte vielleicht einfach etwas großzügiger sein, den anderen als Freund von weit her betrachten und über seinen kleinen Fehler hinwegsehen. Schlägt der Dunning-Kruger-Effekt zu, ist der andere einfach nicht in der Lage die Situation richtig zu beurteilen. So schont man seine Nerven und erhält die Freundschaft. Heißt es nicht:

Taiji yijia - Tai Chi Chuan ist eine Familie.

Danke für eure Zeit.

Martin



Donnerstag, 19. September 2013

Seminararbeit: Die chinesische Kampfkunst – Wu Shu - Neumann

Andreas Neumann

Ludwig-Maximilians-Universität Institut für Ethnologie und Afrikanistik, 2003/04

1. Einleitung
Thema dieser Arbeit ist die Beschreibung der chinesische Kampfkunst, des Wu-Shu oder Kung Fu wie es in der westlichen Welt (fälschlicherweise) genannt wird. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte es einen wichtigen Teil des chinesischen Alltagslebens dar und wird auch heute noch häufig praktiziert. Die große Wichtigkeit, die das chinesische Volk diesen Künsten zuerkannte, zeigt sich an der enormen Stilvielfalt und der ständigen Weiterentwicklung dieser Kunst. Die Betrachtung der wichtigsten Einflüsse, die zur Entstehung des Wu-Shu in der heute praktizierten Form beigetragen haben stehen im Mittelpunkt dieser Arbeit.

Beginnen werde ich mit einem kurzen geschichtlichen Abriss, der die wichtigsten Perioden der Kampfkunst darstellt, um dem Leser ein Gefühl für den Zeitraum über den sich die Entwicklung des Wu-Shu erstreckt zu geben. Daraufhin werde ich auf wichtige Entwicklungen gezielt eingehen. Dies geschieht indem ich zuerst die kulturelle Gegebenheit und ihre Auswirkung in China kurz beschreibe und dann auf die Bedeutung und Umsetzung dieser Idee in der Kampfkunst eingehe. Wenn möglich wird exemplarisch ein Stil angegeben der zuvor genanntes Konzept besonders stark zum Ausdruck bringt.

Um einen möglichst objektiven Eindruck des Themas zu bekommen wählte ich die Dissertationsarbeit über die chinesische Kampfkunst von Kai Filipiak, einem Sinologen und das Kampfkunstlexikon von Werner Lind, einem bekannten Kampfsportler, als Hauptquellen aus. Dies gab mir die Möglichkeit zum einen die praktisch-technisch und zum anderen die kulturell-geschichtliche Seite genauer zu betrachten.

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Montag, 16. September 2013

Samstag, 14. September 2013

News: Neuer Blog - Tai Chi Chuan und Wissenschaft

Es gibt jetzt einen neuen Blog von mir:

Tai Chi Chuan in der Wissenschaft

Hier wird alles zum Thema archiviert und bleibt so dauerhaft verfügbar.

Viel Spaß beim Schmökern

Martin

Donnerstag, 12. September 2013

Artikel: Tai Chi Chuan und das Verhältnis von Natur und Kultur

von Martin Bödicker


Tai Chi Chuan ist nicht nur einfach eine alte Technik zur Selbstverteidigung, sondern es versteht sich selbst als Teil der chinesischen Kultur. Doch trotz des Anspruches, eine Kulturtechnik zu sein, wird im Tai Chi Chuan intensiv nach Natürlichkeit gesucht. Das Streben nach Natürlichkeit innerhalb einer Kulturtechnik scheint in westlichen Augen ein Widerspruch zu sein, doch wird dies auch in China so empfunden?

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Mittwoch, 11. September 2013

Artikel: Qi - Zum Verständnis eines ostasiatischen Schlüsselbegriffs

Der Begriff „Chi“ wird mit Energie, Atem, Luft, Gas oder Dampf übersetzt. Er spielt in der fernöstlichen Denkweise eine zentrale Rolle und unterliegt philosophischen und religiösen Einflüssen.


In den japanischen und chinesischen Kampfkünsten, aber auch weit über diese hinaus, wird der Begriff „Chi“ verwendet. Immer wieder ist von geheimnisumwitterten Chi-Meistern zu hören, die über eine ganz besondere Kraft verfügen sollen, mit der sie mühelos jeden Gegner bezwingen könnten. Mit der zunehmenden Verwendung des Internets hat sich die Plattform für jene vergrößert, die ahnungslosen Interessenten geheime Kräfte vorgaukeln und die gegen einen zumeist hohen Preis ihre scheinbaren Geheimnisse verraten. Darum ist es mehr denn je gefordert, den mystifizierten Chi-Begriff auf einer rationalen Ebene zu bestimmen.

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Dienstag, 10. September 2013

News: Tai Chi Chuan in der Geschichte der chinesischen Kampfkunst

Ein neues Kindle-Buch von Martin Bödicker.


Im "Buch der großen Lehre (Daxue)" heißt es: „Alle Dinge haben Wurzeln und Verzweigungen.“ Die Verzweigungen des Tai Chi Chuan sind heute sichtbar, doch die Wurzeln liegen im Dunkeln der Vergangenheit. Auf der Suche ihnen soll in diesem Buch die Geschichte der chinesischen Kampfkunst mit der des Tai Chi Chuan verknüpft werden. Dabei wird das aktuelle Wissen dargestellt und auf neue Erkenntnisse hingewiesen. Nach dem Studium dieses Buches hat der Leser sicherlich ein vollständigeres Bild der Kampfkunst Tai Chi Chuan.

Inhalt:

- Tai Chi Chuan als Teil der chinesischen Kampfkunst
- Kampfkunst in der chinesischen Antike
- Der Gründungsmythos des Tai Chi Chuan
- Kampfkunst zur Zeit der Ming-Dynastie
- Qi Jiguang, der General
- Chen Wangting, der erprobte Kämpfer
- Kampfkunst zur Zeit der Qing-Dynastie
- Die innere Kampfkunst
- Chang Naizhou
- Von Chenjiagou nach Yongnian
- Tai Chi Chuan am chinesischen Kaiserhof
- Tai Chi Chuan zur Republik-Zeit
- Literatur

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Montag, 9. September 2013

Artikel: Frage und Antwort mit Ma Jiangbao


Frage: Sie sind ein Sohn von Ma Yueliang und Wu Yinghua, der Tochter von Wu Jianquan, dem Begründer des Wu-Stils. Ich denke, viele von uns Fragen sich, wie es ist, von solchen Eltern zu lernen?

Ma Jiangbao: Meine Familie ist schon seit langer Zeit eine Kampfkunstfamilie. Daher war das Taijiquan für mich immer da. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind den Mitgliedern meiner Familie beim vielen Training in unserem Haus zugeschaut habe. Es waren dort nicht nur meine Eltern, sondern auch andere Mitglieder meiner Familie, wie Wu Gongyi. Später machte ich auch mit, wie ein Kind, das einfach spielt. Als ich ca. acht Jahre alt war habe ich dann die Form erlernt. Meine Eltern führten das Training, aber ich trainierte auch viel selber. Mit 16 schloss ich die Waffenformen ab. Training des Pushhands gab es immer. Ich übte mit meinem Vater und meiner Mutter, aber auch viel mit meinen beiden älteren Brüdern. Mit 18 luden mich dann meine Eltern ein, für die Jianquan Taijiquan Association zu unterrichten.

Frage: Man hört immer wieder von ihren vielen Geschwistern. Wie viele Geschwister haben sie?

Ma Jiangbao: Ich habe noch vier Brüder und drei Schwestern. Zusammen sind wir also acht Geschwister. Taijiquan unterrichten mein älterer Bruder Ma Hailong, Präsident der Jianquan Taijiquan Association, sowie mein jüngerer Bruder Ma Jianglin. Beide wohnen in Shanghai.

Frage: Im Wu-Stil Taijiquan gibt es viele verschiedene Formen. In welcher Reihenfolge sollten sie gelernt werden?

Ma Jiangbao: Man beginnt immer mit der langsamen Form. Sie bildet die Grundlage des Taijiquan. Danach kommt die Säbelform und dann die Lanzenform. Wenn man dies erfolgreich abgeschlossen hat, kann man mit der schnellen Form oder der Schwertform fortfahren.

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Mittwoch, 4. September 2013

Artikel: Authentisches Tai Chi?

Die Frage, ob ein bestimmter Tai Chi-Stil authentisch sei oder nicht, ist immer nur aus einer ganz bestimmten Sichtweise heraus zu beantworten und schließt eine absolute Antwort von vornherein aus.

Wenn man im Internet nach Informationen über Tai Chi recherchiert, dann findet man neben allgemeinen Einführungen immer wieder Hinweise auf vorhandene Traditionslinien und Authentizitätsansprüche. Damit einher werden sogenannte nicht-authentische Tai Chi-Stile als Kopie eines scheinbar vorhandenen Originals oder als „Verwässerung“ abgewertet. Dabei sind die Begriffe „authentisch“, „klassisch“ oder „traditionell“ gar nicht so eindeutig, wie man zunächst denken mag.

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Montag, 2. September 2013

Doktorarbeit: Tai Chi Chuan die Dritte

Taiji und Stressprotektion: Psychobiologische Untersuchungen

Universität Bern

vorgelegt von Marko, Nedeljković

Einer vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) in Auftrag gegebenen und kürzlich veröffentlichten Studie zufolge fühlten sich im Jahre 2010 34.4% der Erwerbstätigen in der Schweiz häufig bis sehr häufig gestresst (Grebner, Berlowitz, Alvarado & Cassina, 2011). Im Vergleich zur früheren SECO-Studie aus dem Jahre 2000 (Ramaciotti & Perriard, 2000) waren damit rund 30% mehr Erwerbstätige von chronischem Stress betroffen. Während im Jahre 2000 die in der Schweiz durch Stress am Arbeitsplatz verursachten Kosten konservativ auf 4.2 Milliarden Franken geschätzt wurden (Ramaciotti & Perriard, 2000), beliefen sich diese für das Jahr 2010 auf 15.5 Milliarden Franken (Ragni, 2011). Vergleichbare Daten zur Prävalenz von Stress am Arbeitsplatz liegen auch von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz (EU-OSHA) vor (2009).

Zentrales Forschungsthema der im Rahmen der vorliegenden Dissertationsarbeit durchgeführten Studien ist die Untersuchung einer möglichen stressprotektiven Wirkung von Taiji1 (太極). Bei Taiji handelt es sich um eine achtsam und überwiegend langsam auszuübende Bewegungsform aus China, welche zunehmend auch in Europa und Amerika praktiziert wird (Robinson, 2007; Wayne & Kaptchuk, 2008a). Regelmässiges Taiji-Training soll den Körper stärken und entspannen, den Gesundheitszustand verbessern, sowie die Persönlichkeitsentwicklung und die Selbstverteidigung fördern (Wayne & Kaptchuk, 2008a).

Das stressprotektive Potential von Taiji wurde in jüngerer Vergangenheit zum Untersuchungsgegenstand der Forschung (siehe Kapitel 3.2) und wird durch die vier eingereichten Originalarbeiten (siehe Anhang A1) weiter ausgelotet. In der ersten Arbeit wurden die Erwartungen von Taiji-Novizen und die Einschätzungen von Taiji-Lehrenden bezüglich der Wirkungen eines Taiji-Anfängerkurses erfasst. In der zweiten Studie wurde der Einfluss eines dreimonatigen Taiji-Anfängerkurses auf die psychobiologische Stressreaktivität untersucht. Die Untersuchung der Forschungsfrage, welche Personen am stärksten von der stressprotektiven Wirkung eines Taiji-Trainings profitieren, war Gegenstand der dritten Arbeit. Schliesslich wurde in der vierten Studie untersucht, inwiefern ein regelmässiges Ausüben von Taiji stressprotektive Ressourcen wie Achtsamkeit und Self-Compassion günstig zu beeinflussen vermag.

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Samstag, 31. August 2013

Text: Annahmen - Wenn Dinge nicht so sind, wie sie zuerst erscheinen.

von Martin Bödicker

Mach einmal diesen kleinen Test:

Ein Mann ganz in schwarz gekleidet, sitz auf dem Lande in einer Kneipe. Er trinkt einen Schnaps nach dem anderen. Nach drei Stunden verläßt der Mann in schwarz die Kneipe und geht betrunken eine kleinen Weg auf dem Lande entlang. Es gibt dort keine Lampen und auch der Mond scheint nicht. Ein Auto mit ausgeschalteten Scheinwerfern kommt. Der Fahrer bemerkt den Mann und bremst rechtzeitig, so dass kein Unfall passiert. Wie konnte er den Mann in schwarz erkennen?



Das Ereignis passierte am frühen nachmittag bei Sonnenschein.

Beim Tai Chi Chuan werden in der Regel Erwachsene unterrichtet. Diese haben oft schon Erfahrung mit anderen Bewegungssystemen, wie anderen Sportarten oder sogar verwandten Tai Chi-Stilen gemacht. Dies kann helfen, aber auch zu Problemen führen. Beim Erlernen des Tai Chi Chuan können aufgrund der bisherigen Erfahrungen falsche Annahmen gemacht werden. Oft werden auch Dinge verglichen, die noch nicht wirklich verstanden sind. Dies kann leicht zu Schwierigkeiten führen führen. Man sollte sowohl Lehrer, als auch als Schüler geduldig sein und mit dem Lernen wirklich noch einmal von vorne anfangen. Hat man aber in einem Stil ein gewisses Niveau erreicht, kann das ursprüngliche Wissen sehr fruchtbar sein.

Dienstag, 27. August 2013

News: International push hands meetings in Prague


2nd International Push Hands Meeting in Prague
We are pleased to invite you to the 2nd inter­na­tional meet­ing of friends of push hands (tui shou) and Tai Chi Chuan in Prague.

The meet­ing is held in the his­toric cen­ter of Prague from Sep­tem­ber 13th to 15th, 2013 (Fri­day to Sunday).

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Samstag, 24. August 2013

Artikel: Tai Chi für Kinder

von Arno Matthias, Win-Do@gmx.de, Homepage


„Das Leben eines Kindes ist so beengt durch Einschränkungen, Vorschriften und Enttäuschungen, dass jeder Weg zu einer inneren Befreiung wesentlich wird.“ (Haim Ginott)

Das Unterrichten von Kindern unterscheidet sich fundamental vom Unterricht mit Erwachsenen. Es ist viel schwerer, und wir haben viel mehr Verantwortung. Erwachsene kommen freiwillig, mit selbst festgelegten Zielen; wenn ihnen Tai Chi nicht gefällt, kommen sie nicht wieder. Kinder werden oft zum Unterricht geschickt, überredet oder gar genötigt; oder sie kommen zwar freiwillig, wählen z.B. TJQ als Schul-AG, aber nur weil sie glauben, hier abgammeln zu können. Kinder zeigen ihren Unwillen gerne direkt, häufig durch Stören.

Erwachsene kommen mit langfristiger Perspektive, auf die Kinder hat man in aller Regel nur kurzen Zugriff. Dennoch erwarten einige Eltern und Lehrer „Wunder-Heilungen“. Das Unterrichten von Sechsjährigen unterscheidet sich noch einmal sehr vom Unterrichten zehn- oder 15-jähriger Kinder. Das Alter liefert jedoch nur einen groben Hinweis, auf welchem Entwicklungsstand, und der ist für uns entscheidend, sich die SchülerInnen befinden. Sprachverständnis, Vorwissen, Sozialverhalten, (Selbst-) Motivation, Konzentrationsdauer - alles befindet sich noch in der Entwicklung. Diese Tatsache verlangt von uns Lehrern große Anpassungsfähigkeit und oftmals Improvisationstalent. Kindergruppen sollten möglichst altershomogen sein. 13-jährige Teenies machen auf dem Absatz kehrt, wenn sie 10-jährige „Babys“ sehen.

Der Entwicklungsstand entscheidet über die angemessene Methodik.

Sind die Kinder noch recht jung, muss viel Zeitaufwand für Grundlagen-Training eingeplant werden, vor allem für das Einüben von Gruppenregeln. Aber auch Grundwissen über den menschlichen Körper (Was ist Stress? Was ist Angst? Was ist Bauchatmung?, Unterschied Anspannung/Entspannung, Bewegungsspielraum der Gelenke, Ausrichtung der Knochen je nach Absicht usw.) und über die Umwelt (Schwerkraft, Kraftvektoren, Superposition von Kräften usw.) darf niemals vorausgesetzt werden.

Ganz wichtig und ganz schwer: die richtige SPRACHE zu finden!

(s. Buchtipp Faber/Mazlish) Nichts kann man voraussetzen, keine Fremdwörter, keine abstrakten Begriffe, kein Weltwissen. Da uns die Art zu reden selbstverständlich geworden ist, müssen wir sie uns wieder bewusst machen, uns selbst kritisch hinterfragen (dieser Vorgang ist uns von unseren Bewegungsgewohnheiten ja bereits vertraut) und in aller Regel konkreter und einfacher im Ausdruck werden. Sinn-voll ist, was die Sinne anspricht. Alle Begriffe müssen für die Kinder unmittelbar spürbar sein, alle geistigen Inhalte müssen durch bildhafte Analogien und körperliche Übungen vermittelt werden. Gut zu verwenden sind z.B. die bildhaften Namen der Form.

Ebenfalls ganz wichtig: die Kinder als vollwertige Menschen respektieren!

„Es gibt nur einen Weg, der uns zum Sieg führt: Das Vertrauen der Kinder gewinnen.“ (Haim Ginott). Kinder sind nicht unfertige Erwachsene, die WENIGER können und wissen, sondern sie haben ANDERE Fähigkeiten. Wer ihnen aufmerksam zuhört, kann eine Menge lernen. Wer ihnen Respekt entgegenbringt, bekommt Respekt zurück.

Nach Freud ist Kindheit der Weg vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip. Je jünger die Kinder, umso weiter links sind sie auf dieser Skala. Vernunft ist für sie uninteressant. Sie wollen spielen, und sie wollen Spaß. Deshalb kommt Humor, insbesondere selbstironischer, immer gut an. Mit (dosierter) Albernheit lässt sich mehr erreichen, als mit guten Argumenten oder mit Druck. Erziehung sollte Spaß machen. „Wenn es ihnen keinen Spaß macht, geben sie sich vielleicht zu viel Mühe.“ (Judith Rich Harris)

Veranstaltungsorte -und damit unsere Verdienstmöglichkeiten - bestimmen den Inhalt:

In einem Kampfsportclub (s.u. Text von Dietlind Zimmermann) sollen/wollen die Kinder eher Kämpfen lernen, Selbstvertrauen aufbauen, evtl. ADHS lindern.
In Schulen, KiTas und Offenen Ganztagseinrichtungen könnten folgende Lernziele (und damit unsere selling points) im Vordergrund stehen:

TJQ ist gut für...
Körper, Geist und Gruppe
Körperbewusstsein
Kraft, Ganzkörperaktionen, Gleichgewicht usw. (wie Erwachsene)
Konzentration, Ruhe/Ausgeglichenheit/Gelassenheit, Coolness, geistige Ausdauer, Geduld, Meditation; eine Webseite heißt „Entschleunigte Kinder und Jugendliche“
Anatomie- und Physik-Kenntnisse
Bewegungsfreude, vom passiven Sehen zum aktiven Spüren und spielerischem Erforschen
Ziran, Körper und Geist verbinden
Selbstvertrauen; „Kung Fu“; etwas können, was die Eltern nicht können
Ich-Stärkung, z.B. den eigenen Gefühlen vertrauen
Sozialverhalten, Regeln einhalten, Respekt vor dem Partner, Umgang mit Druck (geistig und körperlich)
Von Abhängigkeit zur Autonomie (Selbst-Wert, Selbst-Vertrauen, Selbst-Beruhigung, Selbst-Tröstung, Selbst-Motivation usw.)
Freude am Lernen - durch direkte Erfolge

Zitate
Children need love, especially when they do not deserve it.
Harold S. Herbert

Child-rearing is not something a parent does to a child: it is something the parent and the child do together.
(Kindererziehung ist nicht etwas, das Eltern für ihr Kind tun - es ist etwas, dass Eltern und Kind gemeinsam tun.)
Judith Rich Harris

Die sogenannte "normale" Umgangssprache macht die Kinder wahnsinnig. Dieses Beschuldigen und Beschämen, das Predigen und Moralisieren, das Fordern und Befehlen, das Ermahnen und Anklagen, das Lächerlichmachen und Herabsetzen, das Drohen und Bestechen, das Diagnostizieren und Prognostizieren - alle diese Techniken brutalisieren, vulgarisieren und enthumanisieren die Kinder. Ein gesunder Geisteszustand wird nur erreicht, wenn wir unserer eigenen inneren Wirklichkeit vertrauen, und dieses Vertrauen entsteht nur im Verlauf von echter Kommunikation.
Leo Buscaglia

Dietlind Zimmermann (s.u. Weblinks):
„Aus zwei Gründen überlegen besorgte Eltern, ihre Kinder in eine Kampfkunstschule zu schicken: Raufbolde sollen sich austoben können und zugleich lernen, ihre Energien zu disziplinieren und schüchterne Kinder, die zum Prellbock der anderen auf dem Schulhof werden, sollen lernen sich zu behaupten.
Für beide ist dies generell eine gute Idee!
Tai Chi Chuan ist eine Innere Kampfkunst und mit ihr soll Innere Stärke entwickelt werden - Wie zeigt sich Innere Stärke? Körperlich z.B. als Entspanntheit, Lockerheit, sicherer Stand, Flexibilität, Ausdauer.
Die innere Stärke des Geistes zeigt sich, wenn jemand sicher 'seinen Standpunkt' vertreten kann, sich nicht 'aus der Ruhe bringen' lässt durch Provokationen oder Ablenkungen, wenn man 'locker drauf' bleibt - auch wenn man 'dumm angemacht wird', wenn man weiß, wie man einen Streit vermeiden oder schlichten kann.
In der Partnerübung erfahren die Kinder Freude an den eigenen Stärken und Fähigkeiten, aber auch Verantwortung für den anderen - und sie lernen, dass es am besten 'klappt', wenn sie ihre Übungspartner nicht als Gegner sondern als Mitspieler begreifen.“

Ankündigung meiner Veranstaltung "Tai Chi für Jugendliche", VHS Kaarst:
“Action und Relaxen, Spannung und Entspannung, Selbstverteidigung und Meditation... Tai Chi ist eine chinesische Kampfkunst, die den harmonischen Ausgleich sucht zwischen schnell und langsam, hart und weich, angreifen und ausweichen. Tai Chi verbessert das Gefühl für den eigenen Körper, die Konzentrationsfähigkeit, die Beobachtungsgabe, das Reaktionsvermögen, die Muskulatur, Atmung und vieles mehr. Komm mit auf eine Entdeckungsreise zu deinem Kraftzentrum!”

Bücher:
Adele Faber & Elaine Mazlish: How to talk so kids can learn. ISBN 0-684-82472-8
liebevolle Pädagogik:
Haim Ginott: Eltern und Kinder (besonders das Kapitel “Musikunterricht”). Hallwag Verlag (Antiquariat)

DVD:
Daniel Grolle: Kinder Taiji. www.taichi-shop.info/Daniel-Grolle-Kinder-Tai-Chi-DVD

Weblink:
Dietlind Zimmermann: www.tai-chi-lebenskunst.de/html/kinder.html

Donnerstag, 22. August 2013

Artikel: Tai Gongs sechs geheime Lehren

Ein Artikel von Martin Bödicker

Schon seit frühesten Zeiten war im chinesischen Militär die Theoriebildung ein wichtiges Thema. Es existiert eine Anzahl an Schriften von Generälen und Strategen. Diese Schriften waren ursprünglich geheim, wurden als gefährlich angesehen und der private Besitz war verboten. Gerade auch Personen, die dem Kaiser nahe standen, war der Zugang verwehrt worden, da die Gefahr bestand, dass sie den Kaiser zu stürzen versuchen.

...

Ein Ideal im Taijiquan ist die Verbindung des Kulturellen (wen) mit dem Kämpferischen (wu). Die Entwicklung von Vorstellungen zum Kulturellen sind intensiv von Gedanken der chinesischen Philosophie beeinflusst worden. Dagegen ist in der Theoriebildung zum Kämpferischen sicherlich auch auf Schriften der Strategen aus dem Militärbereich zurückgegriffen worden. Dies soll im folgenden an dem Beispiel “Tai Gongs sechs geheime Lehren (Tai gong liutao)” besprochen werden.

...

In einem kleineren Teil seines Werkes beschäftigt sich Tai Gong mit der abstrakten Strategie der Auseinandersetzung. Viele seiner Gedankengänge aus diesem Bereich enthalten gleiche Begriffe, wie sie sich in Taijiquan-Klassikern finden. Folgende Gegenüberstellung gibt einen Eindruck davon:

Tai Gong: „Beim Planen ist nichts wichtiger, als nicht erkannt zu werden.“

Der Klassiker des Taijiquan: „Der Andere kennt mich nicht, ich allein kenne den Anderen.“

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Mittwoch, 21. August 2013

News: Freies Tuishou (Push Hands) Treffen Köln - 31. August 2013

Das Treffen soll ein nettes Zusammenkommen von Interessierten sein, um Austausch und Freundschaft zu fördern. Bisher lief es immer so, dass sich Partner immer untereinander über die "Regeln" einig werden, das kann von "Wir pushen nur ein wenig fixed-step, ohne viel power" bis hinzu "Wir ziehen leichte Handschuhe an und kämpfen locker inkl. Kicks, Würfen, Hebeln,..." aber alles freundschaftlich und im Einvernehmen aller Beteiligten.

Info: hier

Montag, 19. August 2013

Seminar: Tai Chi als anwendbare, effektive INNERE Kampfkunst darf nicht aussterben!

Kostenloses Seminar mit Detlef Zimmermann.
Samstag der 28.September ab 14.00 Uhr.


Hannover, Lister Meile 33, Hinterhof (Wendeltreppe)
Tel: 01781405221
Kontakt: hier

Mittwoch, 14. August 2013

German Taijiquan Open (GTO) 26. Oktober 2013 in Hannover


Am 26. Oktober 2013 findet die “2. German Taijiquan Open” wieder in Hannover statt. Nach dem Erfolg vom letzten Jahr erwarten die Organisatoren mehr Wettkämpfer als 2012. Nabil Ranné vom Organisationsteam der GTO sagt: “Wir werden nach der positiven Resonanz des letztjährigen Turniers erneut viele deutsche sowie internationale Gäste willkommen heißen und erwarten einen freundlichen und lebhaften Austausch aller Teilnehmer/-innen.” Bereits angekündigt hat sich ein Team aus London mit 15 Teilnehmern und 5 Einzelanmeldungen aus UK. Ein Teilnehmer aus Minsk und eine zwanzigköpfige taiwanesische Delegation haben ihre Teilnahme auch fest zugesagt.

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Donnerstag, 25. Juli 2013

Doktorarbeit: Fernöstliche Kampfkunst, Lebenskraftkonzepte und Selbsttransformationstechnologien.

Das Promotionsprojekt „Fernöstliche Kampfkunst, Lebenskraftkonzepte und Selbsttransformationstechnologien. Theorie und Praxis asiatischer Sinnsysteme“ untersucht die Produktion, die Verbreitung und den historischen Wandel von Deutungen der Sinnsysteme und Ressourcen fernöstlicher Kampfkünste. Das Angebot von Kampfkunstschulen wird mit Hilfe diskursanalytischer Methodologie und Analyseverfahren untersucht (vgl. Meuser et al 2003: 35-39; Landwehr 2001: 103-134; Nöth 2000: 51-53; Lemke 1997: 11-53; Kögler 1994: 25-63; Foucault 1981, 1969). Forschungsleitende Fragestellungen beziehen sich auf die Formation gesellschaftlicher Wissens- und Machtproduktion sowie subjektive Selbstkonstituierungsweisen. Untersucht wird, wie Diskurse über Technologien des Körpers, der Psyche und der Lebensführung im Feld der Kampfkunst hervorgebracht werden, und welche Äußerungsmodalitäten, Begriffe und Strategien die Konstituierung diskursiver Formationen stützen. Diese Arbeit soll auch das vorausgegangene Forschungsprojekt „Westliche Sinnfindung durch östliche Kampfkunst? Das Angebot von Kampfkunstschulen – Theorie und Praxis des Wushu und Budo“ (Hintelmann 2005) aktualisieren.

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Montag, 22. Juli 2013

Doktorarbeit: Verhaltensbiologische Untersuchung funktionsmorphologischer Größeneffekte in Kommentkämpfen bei Säugetieren und Sportlern

Kommentkämpfe sind Kämpfe, die nicht zur physischen Ausschaltung des Gegners, sondern nur zu seiner Unterwerfung führen sollen. Sicherlich ein Thema, dass für den einen oder anderen interessant ist. Wäre wirklich spannend, es einmal auf das Pushhands zu übertragen.

Ziel der Arbeit:

Das Ziel dieser Arbeit ist verhaltensbiologische Methoden zu nutzen, um Kommentkämpfe funktionsmorphologisch zu untersuchen. Dazu sollen Verhaltenskategorien, die auf der Grundlage funktionsmorphologischer Zusammenhänge gebildet wurden, genutzt werden, um ritualisierte Kämpfe bei Säugetieren zu dokumentieren. Diese ethologischen Dokumentationen sollen Aufschluss darüber geben, inwieweit Größeneffekte bei Säugetieren das Kampf- verhalten bzw. die Kampfbewegungen beeinflussen.

Ferner sollen Kategorien gebildet werden, um die Bewegungen in Ringkämpfen bei Menschen zu dokumentieren. Diese humanethologischen Dokumentationen sollen Aufschluss darüber geben, inwieweit das Körpergewicht beim Judo und Freistilringen Einfluss auf die Kampfbewegungen nimmt.



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Freitag, 19. Juli 2013

Text: Yang Chengfu zum Sinn des Tai Chi Chuan

Hier noch ein Zitat von Yang Chengfu zu dem Thema Sinn des Taijiquan (1933 - geschrieben zu jener Zeit, als das Tai Chi Chuan populär in China wurde):


"In meiner Jugend pflegte ich zuzusehen, wie mein inzwischen verstorbener Großvater Yang Luchan meine Onkel väterlicherseits und andere Schüler in der täglichen Praxis des Taijiquan anleitete. Sie trainierten Tag und Nacht ohne Pause, sowohl einzeln als auch paarweise. Ich war allerdings skeptisch und glaubte, dass die Selbstverteidigung gegen einen einzelnen nicht des Studiums wert sei und dass ich zukünftig die Verteidigung gegen zehntausend studieren würde.

Als ich etwas älter geworden war, forderte mich mein verstorbener Onkel Yang Banhou auf, bei ihm zu lernen. Da ich meine Zweifel nicht länger verbergen konnte, erzählte ich sie ihm ganz direkt. Mein inzwischen verstorbener Vater Jianhou wurde ärgerlich und sagte: ´Wie, was sind das für Worte? Dein Großvater hat dies der Familie vermacht. Willst du etwa das Familienerbe aufgeben?´.

Mein Großvater Luchan beruhigte ihn mit den Worten. ´Kinder sollte man nicht zwingen.´ Er knuffte mich sanft und fuhr fort: ´Warte einen Moment und laß mich es dir erklären. Der Grund dafür, dass ich die Kunst praktiziere und unterrichte, ist nicht, andere anzugreifen, sondern sie dient der Selbstverteidigung. Nicht um die Welt herauszufordern, sondern um die Nation zu retten. Die Edlen heutzutage kennen nur die Armut der Nation, wissen aber nichts von ihrer Schwäche. Darum suchen unsere Führer eifrig politische Rezepte zu formulieren, um die Armut zu verringern, aber ich habe noch nie von Plänen gehört, die die Schwachen und Siechen wieder stark machen sollen. Wenn eine Nation aus kranken Leuten besteht, wer ist dann dieser Aufgabe gewachsen?

Wir sind arm, weil wir schwach sind; tatsächlich ist Schwäche die Ursache der Armut. Wenn wir das Wachsen der Nationen untersuchen, finden wir, dass allesamt mit der Stärkung ihrer Völker beginnen. Die Männlichkeit und Kraft der Europäer und Amerikaner versteht sich von selbst, aber die zwergenhaften Japaner sind diszipliniert und entschlossen, wenngleich sie auch klein von Statur sind. Wenn die hageren und ausgemergelten Mitglieder unseres Volkes ihnen gegenüber stehen, braucht man kein Wahrsager zu sein, um das Ergebnis vorherzusehen. Daher ist die beste Methode, die Nation zu retten die, die Hilfe für die Schwachen zu unserem höchsten Ziel macht. Wer das mißachtet, setzt sich dem Mißerfolg aus.´"

Aus: Bödicker/Sievers, China zur Zeit der großen Tai Chi-Meister: 1897 - 1937
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Artikel: Das Große Lernen (Daxue) - Tai Chi Chuan als Technik der Selbstkultivierung


Der Weg des Großen Lernens liegt in der klaren und reinen inneren Kraft (de) und bedeutet, die Menschen zu lieben und sein Ziel im höchsten Guten zu sehen.

Hat man Kenntnis von seinem Ziel, so ist man gefestigt.

Hat man Festigkeit, so wird man ruhig.

Hat man Ruhe, so wird man gelassen.

Hat man Gelassenheit, so kann man gründlich nachdenken.

Hat man gründlich nachgedacht, wird man ankommen.

Die Dinge haben Wurzeln und Verzweigungen.

Die Angelegenheiten haben Ende und Anfang.

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Montag, 8. Juli 2013

Artikel: Zhou Dunyi (Chou Tun-yi), der erste Denker des Neokonfuzianismus


von Martin Bödicker

Zhou Dunyi (1017 – 1073 n.Chr.) lebte zur Zeit der Song-Dynastie (960 – 1279 n.Chr.) und trug wesentlich dazu bei, dass diese Zeit zu einem Wendepunkt in der Philosophiegeschichte Chinas wurde. In der Zeit vor der Song-Dynastie vom 2. – 9. Jahrhundert n.Chr., aber vor allem zur Zeit der Tang-Dynastie (618 – 906 n.Chr.) war China ein kosmopolitisches Land mit stark religiöser Prägung. Sowohl Buddhismus, als auch Daoismus wurden über lange Zeiträume hinweg allgemein geschätzt und staatlich gefördert. Mit dem Beginn der Song-Zeit sollte sowohl der Einfluss des Buddhismus als auch des Daoismus verblassen. Der Konfuzianismus, der nun wieder vorherrschende Philosophie wurde, entsprach nicht dem ursprünglichen Konfuzianismus.

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Donnerstag, 4. Juli 2013

Artikel: Meine Tai Chi-Erfahrungen im Kontakt mit anderen Kampfkünsten

von Heidi Elseven, Regensburg, 2009

Eigentlich war es ja zunächst nicht mein Bestreben den Aspekt der Kampfkunst des Taijiquans zu unterrichten. Das wollte ich den Jungs überlassen. Aber dann kamen immer mehr Schüler aus andren Kampfkünsten in meinen Unterricht. Am Anfang hat es mich schon ein wenig nervös gemacht, wenn sich wieder einmal Kampfkünstler mit hohen Gurten (auch Dan-Träger) bei mir zum Unterricht an der Universität anmeldeten. Ich dachte, dass kann wohl nicht wirklich funktionieren.

Ich hatte eine Zeit lang intensiv Shotokan-Karate an der Universität betrieben und erkannte die Karatekas an ihrer Art sich zu bewegen meist ziemlich schnell aus meinem Unterricht heraus. Meist lernen sie sehr schnell, wie sie auch mit ihren Fäusten blitzartig zuschlagen können, und im allgemeinen können sie sich auch sehr gut bewegen. Besonders faszinierend für mich ist die Sprungkraft mancher Karatekas.


Schon während meines eigenen Karatetrainings hatte ich mich allerdings gewundert, dass selbst noch die Schwarzgurte mit angespannten Brustkorb im Hohlkreuz im Kiba Dachi, dem Mabu des Karate, stehen. Auch wunderte ich mich darüber, dass die Gelenke bei den Faust- und Fußstössen nicht selten nur so krachten. Und zu kurz kam nach meinem Empfinden aus dem Taijiquantraining heraus die präzisen Erklärungen der Stellungen in den Katas.

Wenn ich unterrichte, stelle ich mich jeweils auf die Gruppe ein, die ich unterrichte. In Gruppen, in denen viele Kampfkünstler sind, versuche ich entsprechend auf die Kampfkunstaspekte Bezug zu nehmen. Bei Karateschülern hatte ich es leicht eine Verbindung zwischen den beiden Kampfkünsten Taijiquan und Karate herzustellen, da ich mich selbst eben schon eingehender mit den Hintergründen und der Theorie des Karates beschäftigt hatte. Andersherum studierte etwa auch Funakoshi, der Begründer des Shotokan-Karates, intenisv die Klassiker der chinesischen Philosophie, die zu einem Bestandteil seiner Ausbildung als Karatemeister gehörten.

Ich erzählte den Kampfkunstschülern also von meinen eigenen Erfahrungen aus dem Karatetraining, nicht ohne meine Begeisterung, die ich für das Karate pflege, auszudrücken. Ich begann zu erklären, worin meiner Meinung bei den Schülern Fehler in der Ausführung dieser Kampfkunst lägen. Diese, wie bereits oben geschildert, liegen zunächst einmal in der Haltung und in einer Fehlstellung und Überbeanspruchung der Gelenke. Und das nicht nur bei Karatekas, auch bei Judokas und im Jiujitsu so. Der gemeinsame Fehler liegt oft in einer zu starken Anspannung des Brustkorbes und in einem nicht ausreichendem Sinken lassen des Steißbeines, häufig auch einer Anspannung im Zwerchfell oder im gesamten Bauchraum. Dadurch kann sich die Wirbelsäule nicht gerade ausrichten, sowie Atmung und Schwerpunkt, nach östlicher Philosophie auch die Energie, nicht ins untere Dantian (japanisch Hara) sinken. Bei angespannter Muskulatur kann sich die Atmung nicht vertiefen. Der Schwerpunkt bleibt zu weit oben, dadurch ist die Kraft in den Beinen und den Füssen geschwächt.

Bei der Vorwärtsstellung (Gong Bu bzw. im Zenkutsu Dachi) ist nicht selten die Achse des hinteren Beines zum Scheitelpunkt des Kopfes gebrochen, wodurch ein großer Druck auf die Lendenwirbelsäule entstehen kann. Mit einer gebrochenen Achse ist es schwierig, äußeren Druck standzuhalten, weil man die Kraft nicht durchlassen und über das Bein in den Fuss und in den Boden lenken kann. Die Struktur ist dort leicht zu brechen, wo der Gegenüber angespannt ist oder die Struktur von vorne herein schwach oder schon gebrochen ist.

Zur Demonstration eines solchen Unterrichts eignet sich wunderbar ein ganz einfaches Spiel. Die Partner stehen sich in Vorwärtsstellung gegenüber, also in Gong Bu bzw. Zenkutsu Dachi, und versuchen sich gegenseitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Gegenüber mit angespannten Brustkorb ist leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Schwerpunkt ist zu weit oben, es fehlt die Kraft in den Beinen. Die schlechte Struktur in der Lendenwirbelsäule ist leicht zu brechen. Sind Körper und Geist hingegen ruhig und entspannt, der Schwerpunkt und die Atmung (nach östlicher Philosophie auch die Energie) im unteren Dantien (Hara), bleibt die Wirbelsäule in sich gerade. Dies gilt auch, wenn sie geneigt wird. Die Achse verläuft in einer Linie über das hintere Bein zum Scheitelpunkt des Kopfes. Bei einer solchen Struktur geht die Kraft des Gegenübers durch den Körper in in das hintere Bein. Eine solche Struktur ist nicht zu bewegen. Man ist stabil, ohne das man dafür auch nur die geringste Kraft aufwenden müsste. Während man den anderen machen und dessen Kraft durch den Körper lässt, kann man in Ruhe schauen, wo man hinlangen muss, um den Gegenüber aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das macht mir einen Heiden-Spaß!

Übertragen wir das, was wir bis hierher aus der Theorie wissen und in der Praxis erfahren haben auf die Langsame Form des Taijiquans. Dazu braucht es nur die ersten Bewegungen des 1. Teils bis Dan Bien, denn darin sind schon alle Grundstellungen enthalten. In der Praxis fällt auf, dass es hier gerade für trainierte Schüler aus der Kampfkunst, die sehr viel Spannung im Brustkorb aufgebaut haben, schwer ist, sich auf den Beinen zu halten, wenn man ihnen den Brustkorb und die Bauchmuskulatur lockert und die Haltung ausrichtet. Das liegt daran, dass mit der Entspannung der Muskulatur der Schwerpunkt sinkt und das was oben nicht mehr durch Muskelverspannungen festgehalten wird von den Beinen getragen werden muss. Eine weitere Schwierigkeit stellt die nach vorne ausgerichtete Stellung beider Füße dar. Hier macht sich häufig eine Fehlstellung der Gelenke bemerkbar. Die Hüfte oder das Knie oder beides kippt aus dem Gelenk (was natürlich sehr schädlich für die jeweiligen Gelenke ist), das Bein hat häufig keine Verbindung über die Hüfte zum Rest des Körpers. Der Körper hat keine stabile Struktur und kippelt ständig oder kippt komplett.

Ja, so etwa sieht bei mir eine Unterrichtsstunde für Kampfkunstschüler aus. Eine Unterrichtsstunde in dieser Art wird von meinen Schülern aus anderen Kampfkünsten mit grosser Faszination angenommen. Auch sind sie völlig verwundert, dass Ihnen das bisher keiner gesagt hatte. Und die langsamen präzisen Bewegungen finden sie richtig toll. Andere wichtige Punkte in meinen Kampfkunststunden sind: das Sinkenlassen der Ellenbogen und die Tailliendrehung, die Bewegung über die Gelenke, das Öffnen und Schließen der Gelenke, die Anwendungen und anderes mehr. Soweit erst mal für Euch, damit Ihr zunächst mal von mir einen Eindruck bekommt, wie bei mir ein Kampfkunstuntericht abläuft.

Mittlerweile mache ich auch Bojutsu. Was das Karate betrifft, tausche ich mich mit den Prinzipien aus dem Shorin Ryu aus. Beides nach Oshiro Toshishiro, der in Amerika als großer Kampfkunstexperte gilt.

Montag, 1. Juli 2013

News: Drei wissenschaftliche Arbeiten zum Thema chin. Kampfkunst und Tai Chi Chuan

Wirklich sehr erhellend:

- Filipiak, Kai, Die chin. Kampfkunst, Leipziger Universitätsbuchhandlung, 2001 probieren.

- Nabil Ranne, Die Wiege des Taijiquan, Logos, 2011,
Der soziokulturelle Kontext der chinesischen Kampfkunsttheorie mitsamt einer Analyse der ältesten Bewegungsformen des Taijiquan.

- Rainer Landmann, TAIJIQUAN Konzepte und Prinzipien einer Bewegungskunst
Analyse anhand der frühen Schriften, Hamburg 2002
Das Inhaltsverzeichnis: hier

Artikel: Zhuangzi, der zweite große Daoist

„Einst träumte Zhuang Zhou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Zhuang Zhou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Zhuang Zhou. Nun weiß ich nicht, ob Zhuang Zhou geträumt hatte, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Zhuang Zhou sei, obwohl doch zwischen Zhuang Zhou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.” (Wilhelm, S. 52)


Wie dieser kleine Text zeigt, ist Zhuangzi ein außergewöhnlich interessanter Denker. Er gilt als der zweite große Daoist und wirkte in der Zeit um 350 v. Chr. Über sein Leben als historische Person ist wenig bekannt. Er lebte wohl zumeist in sehr einfachen Verhältnissen und soll des öfteren hohe Ämter ausgeschlagen haben. Das nach ihm benannte Buch Zhuangzi (auch „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ genannt) ist wahrscheinlich zum Teil von ihm selbst geschrieben worden. Im Gegensatz zu den orakelhaften Sprüchen des Laozi finden sich seine oft auch humorvollen Gedanken in Erzählungen, Gleichnissen und kleinen Anekdoten festgehalten.

Mehr: hier

Mittwoch, 26. Juni 2013

Artikel: Die Handtechnik lie

von Freya und Martin Bödicker




Es gibt in der westlichen Taijiquan-Literatur zahlreiche, recht unterschiedliche Versuche, eine Übersetzung für das Wort lie zu finden. Die prominentesten Übersetzungen sind „spalten", „spiralisieren" oder „verdrehen". In einem chinesischen Wörterbuch findet man, ähnlich wie bei , das Schriftzeichen für lie nicht. Es ist eine Erfindung der Taijiquan-Meister und drückt eine komplexe Strategie aus. Im Geheimlied der acht Methoden (Bafa mijue) findet sich eine nähere Beschreibung von lie:

Wie erklärt man die Bedeutung von lie?
Kreisen wie ein Schwungrad.
Wenn man etwas darauf wirft,
wird es ohne weiteres 10 Fuß weit weg geschleudert.
Siehst du nicht den Strudel?
Das Wirbeln der Wellen gleicht Spiralen.
Ein Blatt, das darauf fällt,
wird sogleich versinken.
(Boedicker, S. 62)

Lie hat also zwei Qualitäten: Es verhält sich wie ein Rad, von dem etwas weggeschleudert wird und es verhält sich wie ein Strudel, der etwas spiralförmig ansaugt. Genau diese doppelte Qualität ist es, die lie so effektiv macht. Durch lie ist man in der Lage, einen Angreifer wie durch einen Strudel anzuziehen und zu verdrehen. So wird sein Schwerpunkt gebrochen. Lie hat hier die Qualität des Spiralisierens. Eine Drehung um die eigene Körperachse bringt nun den Angreifer auf eine Kreisaußenbahn. Durch den daraus resultierenden Schwung ist es dann mit Leichtigkeit möglich, ihn wegzuschleudern. Ma Jiangbao erläutert dazu:

„Wenn der Angreifer seinen Schwerpunkt durch lie verloren hat, wird er sich durch den Zug der Zentrifugalkraft nicht mehr halten können und es geht ihm wie ein Stück Ton, das auf den Rand einer drehenden Töpferscheibe geworfen wird und wegfliegt.“

Lie kann sowohl mit einer Hand, als auch mit zwei Händen ausgeführt werden. Bei der Ausführung mit zwei Händen wird dabei die gegnerische Kraft in zwei unterschiedliche Richtungen getrennt, so dass die Assoziation des Spaltens entsteht. Wie man sieht, spiegeln sich in den verschiedenen Übersetzungsversuchen immer nur Teilaspekte von lie. Es ist also daher am besten, lie einfach unübersetzt zu lassen. Schließlich haben auch die Taijiquan-Meister lie als eigenen Fachterminus eingeführt.

Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Willich, 2013

Dienstag, 25. Juni 2013

Anekdote: Im alten Schanghai

Nach einem Morgentraining saßen wir zu viert im Wohnzimmer der Familie Ma in Shanghai. Nach einer Tasse Tee begann Ma Yueliang eine Anekdote aus dem alten Schanghai zu erzählen, zu einer Zeit, als er ungefähr dreißig Jahre alt war:


"Wie ich so durch die kleinen Gassen der Stadt zog, sah ich einen großen und starken ausländischen Soldaten, der eine Gasse blockierte. Er stand mit der Schulter an der linken Wand der Gasse und stützte den rechten Arm an die rechte Wand. Alle Chinesen, die die Gasse passieren wollten, mussten sich unter dem Arm durch ducken. Dies ließ mir natürlich keine Ruhe und so ging auf den Soldaten zu. Dieser sah mich an und zeigte mit der linken Hand unter seinen rechten Arm und wies mich so passieren. Ich schaute ihn daraufhin in die Augen und zeigte mit meinen rechten Zeigefinder auf mein Kinn."

An dieser Stelle hielt es Ma Yueliang nicht mehr auf seinem Stuhl. Er stand auf und bat Michael sich ihm gegenüber zu stellen und die Rolle des Soldaten zu spielen. Also schaute Michael wie gewünscht sehr erstaunt, holte mit der rechten Faust aus und schlug mit ganzer Kraft zu. Obwohl Ma Yueliang zu diesem Zeitpunkt schon 90 Jahre alt wahr, bewegte er sich schneller als man schauen konnte, fegte den Faustschlag mit einem gekonnten lü beiseite, verstärkte die Kraft von Michael und ließ ihn mit einem großen Rums auf den Boden fallen. Dann schmunzelte er:

"Ja, ja, Tai Chi Chuan ist wirkliche eine praktisch Sache."

Sonntag, 23. Juni 2013

Artikel: Laozi

Laozi (Laotse), der verborgene Weise

von Martin Bödicker

Neben Konfuzius ist Laozi – sein Name bedeutet „alter Meister“ – eine der berühmtesten Figuren der chinesischen Philosophie. Im Gegensatz zu Konfuzius weiß man über das Leben des Laozi so wenig, dass oft angenommen wird, es habe Laozi gar nicht gegeben. Die berühmteste Geschichte über Laozi erzählt uns, er sei im 6. Jh. v. Chr. Archivist am Hofe der Zhou gewesen. Unzufrieden mit dem Zustand der Regierung trat er von seinem Posten zurück und verließ auf einem schwarzen Ochsen reitend das Land. Beim Überschreiten des Hangu-Passes bat der Passwächter Yin Xi ihn, etwas Schriftliches zu hinterlassen. Laozi stimmte dem Wunsch zu und schrieb auf der Stelle das Daodejing (Taoteking). Daraufhin setzte er seine Reise fort und niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Es gibt auch Erzählungen darüber, wie Konfuzius Laozi traf. Moderne Autoren gehen jedoch davon aus, dass die Person des Laozi eine Legende ist.

Mehr: hier

Mittwoch, 19. Juni 2013

Text: Die Jungfrau von Yue

Übersetzt von Martin Bödicker

aus:


Der König von Yue befragte seinen Minister zur Technik des Schwertkampfes. Dieser sagte, dass es in Yue eine Jungfrau gäbe, die berühmt für ihre Schwertkunst sei und befahl, dass sie vor dem König zu erscheinen habe. Auf dem Weg zum König traf die Jungfrau einen alten Mann, der sich selbst als Herr Yuan vorstellte. Er sagte zu ihr:

„Ich hörte, du verstehst dich gut auf den Schwertkampf. Ich würde es gerne einmal sehen.“

Die Jungfrau antwortete:

„Ich werde es nicht wagen, etwas vor euch verborgen zu halten. Ihr dürft mich testen.“

Der Alte pflückte so gleich einige Bambusstangen und warf sie hoch in die Luft. Jedoch noch bevor sie auf den Boden fallen konnten erwischte sie die Jungfrau. Darauf hin flog der alte Yuan auf einen Baum, verwandelte sich in einen weißen Affen und verschwand.

Als die Jungfrau vor dem König erschien, fragte dieser:

„Wie ist der Weg (dao) der Schwertkämpferin?“

Die Jungfrau antwortete:

„Ich bin im tiefen Wald geboren. Weit weg, in der Wildnis ohne Menschen. Ich habe nichts gelernt und die Lehensfürsten habe ich nicht getroffen. Aber ich liebe den Weg des Fechtens und ich übe ihn ununterbrochen. Ich habe ihn nicht durch jemand anderen bekommen, sondern habe ihn plötzlich erhalten.“

Der König von Yue fragte:

„Und wie sieht dein Weg (dao) aus?“

Die Jungfrau sagte:

„Mein Weg (dao) ist sehr tiefgründig und doch einfach. Seine Bedeutung ist verborgen und schwer zu verstehen. Der Weg (dao) hat Tor und Tür, sowie yin und yang. Das Tor öffnen und die Türe schließen. Mit yin schwächen und mit yang stärken. Der Weg (dao) eines jeden Kämpfers ist es, dass innen die Lebenskraft voll (shi) ist und man außen eine ruhige Haltung zeigt. Man erscheint wie eine schöne Frau, aber kämpft, wie ein überraschter Tiger. Das Einnehmen der Stellung erfolgt blitzschnell und der Geist (shen) ist vollkommen ausgerichtet. Unergründlich wie die Sonne. Hochschnellend, wie ein Hase. Die äußere Gestalt jagend, die Schatten verfolgend. Einem Sonnenstrahl gleich. Der Atem kommt und geht, ohne dass man sich verausgabt. Kreuz und quer entgegengesetzt folgend. Geradlinig und komplex, ohne etwas erkennbar werden zu lassen. Dieser Weg (dao): einer ist hundert und hundert sind zehntausend ebenbürtig. Wenn ihr, König, es einmal probieren möchtet, werdet ihr sofort erkennen, wie wirkungsvoll es ist.“

Daraufhin erweiterte der König von Yue den Namen der Jungfrau und verlieh ihr den Titel „Jungfrau von Yue“.

Montag, 17. Juni 2013

Artikel: Peng, die elastische Kraft

von Freya und Martin Bödicker

Wer einmal eine Pushhands-Vorführung von Ma Jiangbao gesehen hat, wird dieses Ereignis noch lange vor Augen haben: Ein Schüler greift Ma Jiangbao mit großer Kraft an. Doch anstatt mit einer spektakulären Abwehrtechnik zu antworten, scheint Ma Jiangbao nur kurz etwas zu sinken und schon fliegt der Schüler weg, als sei er auf ein Trampolin gesprungen. Dem staunenden Publikum wird dann erklärt, dies sei die Technik peng. So mancher Zuschauer fragt sich natürlich, ob dies nicht nur ein Trick sei. Die große Wirksamkeit und das gleichzeitige Nichterkennen der Funktionsweise von peng hat schon immer große Verwunderung beim Zuschauer ausgelöst. Dabei ist es gar nicht so schwierig, peng zu verstehen. Es ist nur schwierig peng auszuführen. Ma Yueliang schreibt dazu:

Peng ist eine verborgene jin-Kraft. Sie kommt als erstes unter den dreizehn Grundbewegungen und hat eine sehr wichtige Stellung. Sie ist eine verhältnismäßig schwer zu erlernende Bewegung und wenn man beginnt Pushhands zu erlernen, wird man peng nur sehr langsam erreichen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Doch warum ist es so schwierig, peng auszuführen? Um dies zu verstehen ist es notwendig, die Anwendung von peng in zwei Phasen aufzuteilen. In der ersten Phase wird die Kraft des Anderen in den eigenen Schwerpunkt geleitet und wie in einer gespannten Feder gesammelt. Durch diesen Vorgang ist man auch in der Lage, Richtung und Stärke der angreifenden Kraft zu erfühlen. Ma Yueliang:

Peng ist eine Reaktion auf das Maß der Kraft des Anderen. Im Pushhands ist peng nicht nur in den Händen und Armen, sondern alle Teile des Körpers, die den Anderen berühren, haben peng-Kraft. Wenn man peng-Kraft hat, dann beherrscht man: `Ist eine Bewegung schnell, dann antwortet man schnell. Ist eine Bewegung langsam, dann folgt man langsam.` Wenn man dies kann, dann ist jin-Kraft fühlen (tingjin) einfach peng.“
(Ma, Xu, S. 9)

Der Vorgang des Kraft elastisch Aufnehmens wird auch im „Geheimlied der acht Methoden“ beschrieben:

„Wie erklärt man die Bedeutung von peng?
Wie Wasser ein Boot trägt.
Erst das dantian mit qi füllen.
Dann muss der Kopf wie am Scheitel aufgehängt sein.
Im ganzen Körper gibt es Federkraft.
Öffnen und Schließen sind genau unterschieden.
Ganz gleich ob die Belastung tausend Pfund beträgt,
das Gleiten ist nicht schwer.“
(Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, S. 61)

Hier wird peng also mit der Kraft einer gespannten Feder verglichen. Ein ähnliches Bild stand sicherlich Pate, als die Tai Chi-Meister das alte Schriftzeichen bing in ihr Tai Chi-Fachwort peng umwandelten. Ursprünglich bezeichnete bing einen unter Spannung stehenden Köcherdeckel. Das Schriftzeichen für bing setzt sich aus dem Radikal für Hand (links) und aus einem Zeichen mit dem Laut bing, bzw. peng (rechts) zusammen:


Dieses Schriftzeichen steht im Zusammenhang mit:


Das linke Schriftzeichen peng mit dem Radikal für Holz bezeichnet eine alten Kriegsbogen. Das rechte Zeichen mit dem Radikal für Seide und der Aussprache beng bezeichnet das Spannen eines Bogens.

In der ersten Phase von peng wird also die angreifende Kraft im eigenen Körper gespeichert, wie in einer gespannten Feder oder einem gespannten Bogen. Die große Schwierigkeit in dieser Phase von peng ist es, dass der eigene Körper in optimaler Weise die Kraft des Anderen aufnehmen muss. Schon ein kleinster Fehler im Timing oder in der eigenen Körperstruktur führt zum Mißlingen der Technik.

In der zweiten Phase von peng kann nun die im eigenen Körper gespeicherte Kraft auf verschiedene Art und Weise wieder abgegeben werden. Wird die Kraft in den Körper des Anderen zurückgefedert, spricht man weiterhin von peng. Ma Yueliang:

„Wenn man in der Auseinandersetzung die hereinkommende Kraft mit peng kontrolliert hat, kann man die Gelegenheit ergreifen und sie gegen den Angreifer selber richten und ihn so bezwingen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Man kann andererseits aber auch die gespeicherte Kraft z.B. mit in die Leere schicken und so den Anderen aus dem Gleichgewicht bringen. Ma Jiangbao spricht in einem solchen Fall davon, dass er ein zuerst kleines peng benutzt hat, um die Kraft des Anderen zu erspüren und dann mit fortfährt. Ma Yueliang kommentiert:

„Die peng-Kraft ist voll, aber nicht voll. Sie ist leer, aber nicht leer. Einmal voll - einmal leer. Der Andere kennt mich nicht, ich allein kenne den Anderen. Daher bezeichnet man peng auch als verborgene jin-Kraft. Peng wird auch als jin-Kraft im Hintergrund bezeichnet. Es wird immer wieder gesagt, dass peng wie Wasser sei. Wasser kann ein herabgefallenes Blatt, aber auch ein schweres Schiff tragen. Im Pushhands gilt, ganz gleich ob die angreifende Kraft klein oder groß ist, mit peng kann man sie meistern. Aber peng ist nicht nur wie die Auftriebsbeziehung zwischen Boot und Wasser, sondern es ist auch eine feine und subtile Bewegung. Wenn ich die Kraft des Anderen empfange, benutze ich meinen stabilen Schwerpunkt (zhongding) als Drehpunkt, um die angreifende Kraft nach oben zu leiten. So lasse ich die Kraft des Anderen in der Luft hängen. Auf diese Weise kann ich mit eine kleinere Kraft als der Angreifer benutzen und erreiche: Wenn er auch tausend Pfund einsetzt, es ist nicht schwer ihn ins schwimmen zu bringen.“
(Ma, Xu, S. 9)

Die Schwierigkeit in der zweiten Phase von peng liegt darin, sich zu entscheiden, was mit der Kraft des Angreifers zu tun ist. Schließlich muss man bei peng mit großen Kräften umgehen und schon die kleinste Fehlentscheidung führt dazu, dass diese Kräfte mit ganzer Wucht auf den eigenen Körper wirken. Im Unterricht von Ma Jiangbao wird peng daher erst unterrichtet, wenn man in der Lage ist, mit großen Kräften umzugehen, ohne zuviel eigene Kraft wirken zu lassen.

Bödicker, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, 2013
Ma Yueliang, Xu Wen, Wushi Taijiquan Tuishou, Xianggang Shanghai Shuju Chuban, Hongkong 1986