Mittwoch, 30. Mai 2012

Artikel: Die Gymnastik des Berufsmenschen (1926)

ELSA GINDLER
BERLIN, 1926



1
Es ist für mich schwer, über Gymnastik zu sprechen, weil das Ziel meiner Arbeit nicht in der Erlernung bestimmter Bewegungen liegt:

• sondern in der Erreichung von Konzentration.

Nur von der Konzentration her kann ein tadelloses Funktionieren des körperlichen Apparates im Zusammenhang mit dem geistigen und seelischen Leben erreicht werden:

• wir halten darum unsere Schüler von der ersten Stunde dazu an, ihre Arbeit mit Bewußtsein zu verfolgen und zu durchdringen.

Es wird uns allen immer mehr fühlbar, daß wir mit unserem Leben nicht mitkommen, daß das Gleichgewicht der körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte gestört ist.

In den meisten Fällen erfolgt diese Störung schon durch die Schulzeit. Wenn es der Schule und der Pubertätszeit noch nicht ganz gelungen sein sollte, so bringen uns Familienverhältnisse, Beruf und vielleicht ein schweres Schicksal die unüberwindlichen Schwierigkeiten. Wir hören auf, unser Leben denkend und fühlend zu gestalten, werden gehetzt und lassen alle Unklarheiten um und in uns so anwachsen, daß sie immer im ungeeigneten Moment Herr über uns werden.


2
Die Unzulänglichkeit beherrscht uns im ganzen und im einzelnen. Täglich gibt es dieselben kleinen, unendlich wichtigen Malheure:

• morgens sind wir nicht ausgeruht;

• wir stehen also um den Bruchteil zu spät auf, der uns gestatten
würde, unsere Körperpflege mit der Gelassenheit und Schnelligkeit zu verrichten,

• die uns mit Wohlgefühl und Kraft erfüllen würde.
Man sagt nicht umsonst:

• ich "muß" mich noch waschen, ich "muß" mir noch die Zähne putzen (Kaffee trinken, ins Theater, in Gesellschaft gehen usw.),

nicht:

• ich putze meine Zähne usw.
Und damit ist schon ein Wesentliches gegeben:

• wir machen alles, damit es fertig ist und das Nächste kommt.

Wenn ein Zimmer gesäubert wird, damit es fertig ist, sieht es anders aus, als wenn es mit dem Sinn auf Sauberwerden geordnet wird. Und wie außerordentlich:

• man braucht nicht mehr Zeit dazu, trotzdem der Erfolg soviel größer ist;

• im Gegenteil, wir kommen in die Lage, die Zeit für eine Arbeit immer mehr zu reduzieren und die Qualität der Leistung bedeutend zu erhöhen, und damit in eine Verfassung, die menschlicher ist;

• denn immer, wenn eine Leistung durchdacht ausgeführt wird, wenn wir zufrieden mit uns sind, haben wir ein Bewußtsein.

Ich meine damit das Bewusstsein:

• das immer in der Mitte steht,

• auf die Umwelt reagiert und denken und fühlen kann.

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Und über Prof. Horst Tiwald: hier

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