Donnerstag, 19. April 2012

Über Ausdauer sprechen

Xu Wen

Heft 20, S. 7 der Jianquan Taijiquan Association Shanghai

Übersetzt von Martin Bödicker


Ausdauer hat die Bedeutung von Beharrlichkeit. Das Fünf-Punkte-Motto Ma
Yueliangs wird durch die Beharrlichkeit abgeschlossen. Es sagt, beim Üben
von Taijiquan muss man sich neben den vier Punkten Ruhe, Leichtigkeit,
Langsamkeit und Genauigkeit auch noch an die Ausdauer halten. Nur so kann es
seine gebührliche Wirkung entfalten. Taijiquan ist kein Allheilmittel, dass
einmal angewendet, sofort wirkt. Taijiquan folgt den Gesetzen der Natur und
forscht nach dem Bewussten, sowie der angeborenen Wurzel der Bewegung. Die
grundlegende Fähigkeit der bewussten Bewegung ist dem Menschen angeboren,
aber "..." und in Folge dessen verliert man das Angeborene. So kann man bei
körperlichen Übungen seine ursprünglichen Fähigkeiten nicht dem vollen Maße
entwickeln, wie es eigentlich möglich gewesen wäre, oder schlimmer noch, es
können ungünstige Abweichungen entstehen. Beim Üben des Taijiquan durchläuft man subjektive Anstrengungen, aber es ist ein Prozess, der die objektive Welt verändert und bei dem man nach dem verlorenen Angeborenen sucht. Dieser Prozess ist langfristig und lebenslänglich angelegt. Daher sollte man die Bewegungen des Taijiquan zu einem nicht mehr wegdenkbaren Teil des täglichen Lebens machen, am besten eine Art Hauptgedanken, den man in allen Bewegungen verwirklicht, ob im Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen. Wenn man jedoch "einen Tag fleißig arbeitet, aber sich zehn Tage ausruht" übt man nicht nach der Forderung nach einem ernsthaftem Training wie in Ma Yueliangs Fünf-Punkte-Motto. Dies bedeutet auch, dass man Krankheiten nicht verhüten
und den Körper nicht stärken wird. Vom Ziel des Taijiquan, des langen Lebens und des ewigen Frühlings, kann so keine Rede sein.

Es ist ungewöhnlich, dass junge Leute anfangen, Taijiquan zu erlernen. Sie
können sich nicht unbedingt dieser Art der Bewegung anpassen oder finden sie
sogar langweilig. Daher sollte man zu Beginn ganz individuell für jeden
einzelnen einen Plan festlegen. Dabei ist es wesentlich, den Zeitrahmen und
die Lernmenge festzulegen. Dies muss bewusst geschehen. Aber man muss auch selber von ganzen Herzen dafür sorgen, dass man sich verbessert. Es ist wie bei der Kalligraphie: "Erst nach hundert Tagen Übung von Schriftzeichen zeigt sich Wirkung." Wenn man Taijiquan drei Monate geübt hat, kann man die ersten Effekte erkennen. Man kann sich z.B. vortrefflich fühlen, der Appetit ist gut, die Gliedmaßen sind gesund und nach längerer Zeit können chronische Krankheiten verbessert oder deren Ausbruch verhindert werden. Wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, vergrößert dies die Zuversicht unddie Entschlossenheit Taijiquan zu üben.

Die Voraussetzungen der einzelnen Studenten sind nicht gleich. Damit müssen
sich auch der Charakter und das Maß an Anforderungen im Training
unterscheiden. Die alten Lehrer forderten, dass man in ca. drei Jahren die
Form zehntausendmal ganz üben sollte. Das zeigt, dass wenn man die Form nur
einmal am Tag ganz übt, es gerade reicht, sie aufrechtzuerhalten. Für einen
heutigen Menschen ist es sicherlich sehr schwer, die langsame Form zehnmal
am Tag durchzulaufen. Am besten wäre es, zweimal am Tag die Form
durchzulaufen, denn das erste Mal reicht nur zum aufwärmen. Dies ist auch deshalb wichtig, da die Ruhe nicht wie auf Knopfdruck zu erreichen ist. Erst beim zweiten mal kann "Mit dem Herz/Bewusstsein (xin) das qi leiten. Mit dem qi den Körper bewegen." erreicht werden, da man sich jetzt vom aufgeregten Gemüt gelöst hat. Körper und Geist stimmen sich aufeinander ab, was das Ergebnis noch größer macht. Wie in dem Satz: "Entspannung und Ruhe als Reaktion" fühlt man sich ganz wohl. Auch wenn man aufhören wollte, man kann es nicht mehr und man könnte mit einer dritten Runde fortsetzen. Wenn im Gegenteil dazu aber die Gedanken durch die alltägliche Routine zu sehr abgelenkt und nur schwer zu konzentrieren sind und man sich zum Taijiquan stark zwingen muss, dann sollte man das Training eine Weile ruhen lassen oder nach den ersten Unregelmäßigkeiten eine kleine Pause einlegen.

Das Taijiquan kann man in zwei große Teile unterteilen. Der eine Teil nennt
sich "Übung der Grundlage (ti)", oder auch "Übung des Kulturellen (wen)".
Die Übung des Kulturellen ist das hohe Können (gongfu) des Wissens von sich
selbst und die Übung der bewussten, ursprünglichen Fähigkeiten. Das
Durchlaufen der Form ist die Übung des Kulturellen. Dabei muss auch geübt
werden, das qi fließen zu lassen, auch wenn "Das qi durchdringt den Körper
ohne zu stocken" nicht einfach ist und es dazu bestimmt zwei bis drei Jahre
Arbeit bedarf. Der zweite Teil ist das Pushhands. Pushhands ist die "Übung
der Anwendung (yong)", auch genannt die "Übung des Kämpferischen (wu)". Es
ist das hohe Können, wie man gegen jemand anderen vorgeht. Hierzu muss man
die Stufe des jin-Kraft Verstehens (dongjin) erreichen, was auch nicht
einfach ist und nur nach längerer Zeit möglich gelingt. Nur wenn man längere
Zeit ein wirkliches Training durchlaufen hat, kann man Schritt für Schritt
durch die Praxis Tiefe erreichen. Sind aber diese Bedingungen vorhanden
stellt sich auch Erfolg ein. Aber, ganz gleich ob man die Grundlage oder die
Anwendung übt, wenn man diesen Weg geht, ist die Ausdauer auf jeden Fall der
wichtigste Punkt.

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