Montag, 30. April 2012

Das Besondere des Taijiquan


Von Ma Yueliang und Chen Zhenming

Aus dem Buch "Das Taijiquan des Wu Jianquan (1934)"

übersetzt von Martin Bödicker

Über die Namensgebung des Taijiquan ist man unterschiedlicher Meinung. Manche sagen: "Taijiquan ist sowohl eine Methode und Lehre der Selbstkultivierung, als auch ein Übung bei der man Ruhe in der Bewegung findet. Dies heißt, der Vereinigung von yin und yang zu folgen, was wiederum dem taiji entspricht. Taijiquan bedeutet, einer Methode und Lehre des Boxens zu folgen, die innen immer sammelt und außen ohne Form ist, wie das untrennbare yin-yang des taiji." Andere sagen: "Taijiquan hat diesen Namen, weil sich eine jede Bewegung an Kreisformen orientiert und der taiji-Grafik ähnelt. Daher heißt es Taiji." Beide Erklärungen sind wohlbegründet. Besonders die letzte Erklärung ist völlig hinreichend. Die Bewegungen des Taijiquan unterscheiden sich von der völligen Härte des Shaolinquan, denn ihr Herzstück sind Leere (xu), Ruhe (jing) und Natürlichkeit (ziran) und im Taijiquan gewinnt man durch Weichheit (rou). Als nächstes kommt eine genaue Analyse dieser Qualitäten.

1) Leer (xu) sein
Die Leere des Taijiquan hat nicht die Bedeutung der Nichtigkeit, sondern die des "nicht Substanz habens". Die Leere formt das Geistige. Das Geistige formt den menschlichen Geist (shen). Der Geist ist der Herrscher des Körpers und er ist von qi erfüllt. Natürlichkeit (ziran) in den Bewegungen führt zu Leichtigkeit und Gewandtheit.

2) Ruhig (jing) sein
Bei der Übung des Shaolinquan muss man extrem große Kraft verwenden. Das taugt nichts für den Menschen. Man kommt immer wieder außer Atem und am Ende ist man völlig erschöpft. Taijiquan ist nicht so. Mit seinen drei Aspekten des Körpers, des Herzens/Bewusstseins (xin) und der Vorstellungskraft (yi) versucht es die Kraft in der Ruhe zu finden. Je langsamer desto besser. Der Atem ist lang und das qi ist ins dantian gesunken. Dies ist ein Ausdruck der Ruhe des Körpers. Beim Üben muss alles in sich geschlossen sein. Ob Augen, Hände, Taille oder Füße, dies gilt von Kopf bis Fuß. Auch nicht das kleinste bißchen darf auseinandergehen. Dies ist der Ausdruck der Ruhe des Herzens/Bewusstseins (xin). Benutze die Vorstellungskraft (yi) und nicht die äußere Kraft. Wenn es eine Bewegung gibt, ist auch die Vorstellungskraft (yi) sogleich da. Das ist der Ausdruck der Ruhe der Vorstellungskraft (yi).

3) Natürlich (ziran) sein
Die Bewegungen des Taijiquan sind einfach ganz natürlich, wie die jin-Kraft reicht bis zum Scheitel, zurückgenommene Brust und gerader Rücken, entspannte Taille und gesenktes Becken, Schultern senken und Ellenbogen herabhängen lassen. Dies sind alles körperliche Aspekte. Sie sind vollkommen ungekünstelt und entsprechen unserem natürlichen Verhalten.

4) Weich (rou) sein
Beim Üben des Taijiquan ist es am wichtigsten, den Einsatz von Kraft zu vermeiden. Es ist von fundamentaler Bedeutung, dass der ganze Körper entspannt ist. Das qi und das Blut sind miteinander verbunden. Auf Dauer führt das natürliche Üben zur inneren jin-Kraft. Diese innere jin-Kraft ist sehr weich. Wenn man auf den Gegner trifft, wird man sich mit ihr unmissverständlich zur Wehr setzen, indem man der Kraft des Gegners elastisch folgt. So findet man in der Weichheit den Charakter der Härte. In den Klassikern heißt es dazu: "Höchste Weichheit führt zu höchster Härte."

Mittwoch, 25. April 2012

Yang Chengfu Poster

Neu im Angebot des Taijiquan Qigong Journals:
Das große Yang Chengfu Form Poster. Mehr Info: hier

Montag, 23. April 2012

German Taijiquan Open

In den beiden großen Familienstilen Chen und Yang gibt es
in den Handformen die meisten Anmeldungen. Und es gibt sehr viele verschiedene andere Stile zu sehen. Es wird abwechslungsreich und interessant werden. Mehr Info: hier

Sonntag, 22. April 2012

Offenes Pushhands-Treffen Hamburg

Am Sonntag, den 29.April findet das nächste Push-Hands-Treffen statt. Wie immer 14:00 bis 18:00 Uhr und ein Kostenbeitrag von 5,00 Euro Sollte die Wetterprognose falsch sein, was wir wohl alle hoffen, und es warm und trocken sein, findet freie Push-Hands-Treffen im August Lütgens Park statt. Info: hier

Donnerstag, 19. April 2012

Über Ausdauer sprechen

Xu Wen

Heft 20, S. 7 der Jianquan Taijiquan Association Shanghai

Übersetzt von Martin Bödicker


Ausdauer hat die Bedeutung von Beharrlichkeit. Das Fünf-Punkte-Motto Ma
Yueliangs wird durch die Beharrlichkeit abgeschlossen. Es sagt, beim Üben
von Taijiquan muss man sich neben den vier Punkten Ruhe, Leichtigkeit,
Langsamkeit und Genauigkeit auch noch an die Ausdauer halten. Nur so kann es
seine gebührliche Wirkung entfalten. Taijiquan ist kein Allheilmittel, dass
einmal angewendet, sofort wirkt. Taijiquan folgt den Gesetzen der Natur und
forscht nach dem Bewussten, sowie der angeborenen Wurzel der Bewegung. Die
grundlegende Fähigkeit der bewussten Bewegung ist dem Menschen angeboren,
aber "..." und in Folge dessen verliert man das Angeborene. So kann man bei
körperlichen Übungen seine ursprünglichen Fähigkeiten nicht dem vollen Maße
entwickeln, wie es eigentlich möglich gewesen wäre, oder schlimmer noch, es
können ungünstige Abweichungen entstehen. Beim Üben des Taijiquan durchläuft man subjektive Anstrengungen, aber es ist ein Prozess, der die objektive Welt verändert und bei dem man nach dem verlorenen Angeborenen sucht. Dieser Prozess ist langfristig und lebenslänglich angelegt. Daher sollte man die Bewegungen des Taijiquan zu einem nicht mehr wegdenkbaren Teil des täglichen Lebens machen, am besten eine Art Hauptgedanken, den man in allen Bewegungen verwirklicht, ob im Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen. Wenn man jedoch "einen Tag fleißig arbeitet, aber sich zehn Tage ausruht" übt man nicht nach der Forderung nach einem ernsthaftem Training wie in Ma Yueliangs Fünf-Punkte-Motto. Dies bedeutet auch, dass man Krankheiten nicht verhüten
und den Körper nicht stärken wird. Vom Ziel des Taijiquan, des langen Lebens und des ewigen Frühlings, kann so keine Rede sein.

Es ist ungewöhnlich, dass junge Leute anfangen, Taijiquan zu erlernen. Sie
können sich nicht unbedingt dieser Art der Bewegung anpassen oder finden sie
sogar langweilig. Daher sollte man zu Beginn ganz individuell für jeden
einzelnen einen Plan festlegen. Dabei ist es wesentlich, den Zeitrahmen und
die Lernmenge festzulegen. Dies muss bewusst geschehen. Aber man muss auch selber von ganzen Herzen dafür sorgen, dass man sich verbessert. Es ist wie bei der Kalligraphie: "Erst nach hundert Tagen Übung von Schriftzeichen zeigt sich Wirkung." Wenn man Taijiquan drei Monate geübt hat, kann man die ersten Effekte erkennen. Man kann sich z.B. vortrefflich fühlen, der Appetit ist gut, die Gliedmaßen sind gesund und nach längerer Zeit können chronische Krankheiten verbessert oder deren Ausbruch verhindert werden. Wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, vergrößert dies die Zuversicht unddie Entschlossenheit Taijiquan zu üben.

Die Voraussetzungen der einzelnen Studenten sind nicht gleich. Damit müssen
sich auch der Charakter und das Maß an Anforderungen im Training
unterscheiden. Die alten Lehrer forderten, dass man in ca. drei Jahren die
Form zehntausendmal ganz üben sollte. Das zeigt, dass wenn man die Form nur
einmal am Tag ganz übt, es gerade reicht, sie aufrechtzuerhalten. Für einen
heutigen Menschen ist es sicherlich sehr schwer, die langsame Form zehnmal
am Tag durchzulaufen. Am besten wäre es, zweimal am Tag die Form
durchzulaufen, denn das erste Mal reicht nur zum aufwärmen. Dies ist auch deshalb wichtig, da die Ruhe nicht wie auf Knopfdruck zu erreichen ist. Erst beim zweiten mal kann "Mit dem Herz/Bewusstsein (xin) das qi leiten. Mit dem qi den Körper bewegen." erreicht werden, da man sich jetzt vom aufgeregten Gemüt gelöst hat. Körper und Geist stimmen sich aufeinander ab, was das Ergebnis noch größer macht. Wie in dem Satz: "Entspannung und Ruhe als Reaktion" fühlt man sich ganz wohl. Auch wenn man aufhören wollte, man kann es nicht mehr und man könnte mit einer dritten Runde fortsetzen. Wenn im Gegenteil dazu aber die Gedanken durch die alltägliche Routine zu sehr abgelenkt und nur schwer zu konzentrieren sind und man sich zum Taijiquan stark zwingen muss, dann sollte man das Training eine Weile ruhen lassen oder nach den ersten Unregelmäßigkeiten eine kleine Pause einlegen.

Das Taijiquan kann man in zwei große Teile unterteilen. Der eine Teil nennt
sich "Übung der Grundlage (ti)", oder auch "Übung des Kulturellen (wen)".
Die Übung des Kulturellen ist das hohe Können (gongfu) des Wissens von sich
selbst und die Übung der bewussten, ursprünglichen Fähigkeiten. Das
Durchlaufen der Form ist die Übung des Kulturellen. Dabei muss auch geübt
werden, das qi fließen zu lassen, auch wenn "Das qi durchdringt den Körper
ohne zu stocken" nicht einfach ist und es dazu bestimmt zwei bis drei Jahre
Arbeit bedarf. Der zweite Teil ist das Pushhands. Pushhands ist die "Übung
der Anwendung (yong)", auch genannt die "Übung des Kämpferischen (wu)". Es
ist das hohe Können, wie man gegen jemand anderen vorgeht. Hierzu muss man
die Stufe des jin-Kraft Verstehens (dongjin) erreichen, was auch nicht
einfach ist und nur nach längerer Zeit möglich gelingt. Nur wenn man längere
Zeit ein wirkliches Training durchlaufen hat, kann man Schritt für Schritt
durch die Praxis Tiefe erreichen. Sind aber diese Bedingungen vorhanden
stellt sich auch Erfolg ein. Aber, ganz gleich ob man die Grundlage oder die
Anwendung übt, wenn man diesen Weg geht, ist die Ausdauer auf jeden Fall der
wichtigste Punkt.

Mittwoch, 18. April 2012

Montag, 16. April 2012

Texte von Chen Xin


Chen Xin (Chen Pinsan) 1849 - 1929 Onkel von Chen Mingbiao verfasste ein bis heute wichtiges Chen Stil Taijiquan Buch vermutlich in Chenjiagou. Hier finden Sie von Ulrich Meinel übersetzte Auszüge aus diesem Buch.

Samstag, 14. April 2012

Quo vadis Wudang?

Interview mit zwei prominenten Daoisten

Anläßlich der 4. Deutschen Qigong-Tage 2000 waren der Abt des Wudang-Tempels(Tempel des Purpurnen Feuerhimmels) und Präsident der daoistischen Gesellschaft Chinas, Wang Guangde (Mitte) und der ehemalige Leiter der Zhanfeng-Wudangschule Tian Liyang erstmals zu Gast in Deutschland. Paul Shoju Schwerdt als Vertreter des Wushan nahm die seltene Gelegenheit wahr mehr über den Wudang und seine Künste zu erfahren und interviewte für die Leser des WUSHAN-Magazins und des Taijiquan- und Qigong-Journals die beiden Wudang-Meister.

Wushan: Hierzulande kennt man - wenn überhaupt - allenfalls den Begriff Daoismus. Vom Buddhismus wissen wir mittlerweile dass es mehrere Schulen/Richtungen gibt. Wie ist es im Daojia?

WGD: Es gibt zwei große Schulen. Die eine besteht seit 800 Jahren und heißt "Die Schule der Vollkommenen Wahrheit". Ihr Ziel ist die gleichzeitige Kultivierung der inneren Wesensnatur und Lebenskraft. Ihre Tradition ist streng. Angehörige gründen keine Familien, heiraten nicht.
Dann gibt es die "Schule des wahren Einen", die dem ursprünglichen Daoismus entspricht. In dieser Schule arbeitet man neben der Kultivierung des Lebens z.B. auch mit Talismanen, welche zum Zwecke der Heilung einer Krankheit aufgemalt werden, verbrannt und in Wasser gelöst als Medizin getrunken werden. Das Schaffen eines solchen Talismanes erfordert eine große Konzentrationstiefe.

Wushan: Zu welcher Linie gehören Sie?

WGD: Wir gehören beide der "Schule des wahren Einen", dem "zheng yi pai" an. Diese Schule ist die älteste daoistische Schule Chinas.

Wushan: "Im Laufe der Zeiten hat die Tradition des Wudang sicherlich viele Entwicklungen durchlaufen. Können Sie uns etwas über diese Entwicklung und den heutigen Stand der daoistischen Tempel auf dem Wudang berichten?"

Mehr lesen: hier

Über die jin-Kraft des Taijiquan

Von Ma Hailong, übersetzt von Dr. Lukas Kasenda

Im alltäglichen Chinesisch steht jin für Kraft und Stärke. Als Ausdruck in der Theorie des Taijiquan enthält dieser Begriff jedoch zwei Aspekte, nämlich den des Verständnisses für innere Arbeit und den der Kraft. Diese beiden Aspekte hängen eng miteinander zusammen und können demnach nicht getrennt betrachtet werden. Unter dem Aspekt des Verständnisses für innere Arbeit ist jin als "Verstehen der jin-Kraft (dongjin)" und "Sammeln der jin-Kraft (xujin)" zu verstehen. Unter dem Aspekt der Kraft ist jin als peng, lü, ji, an, cai, lie, zhou und kao zu verstehen, den vier Geraden und Diagonalen des bagua. Die Art der Beziehung dieser beiden Aspekte ist Grundlage (ti) und Anwendung (yong). Im folgenden sollen nun einige Beispiele zur jin-Kraft erläutert werden.

1) Verstehen der jin-Kraft (dongjin)

Im "Klassiker des Taijiquan (Taijiquan jing)" heißt es: "Durch Erlernen und ständiges Üben der Techniken wird man nach und nach das Verstehen der jin-Kraft erlangen. Dem Verständnis der jin-Kraft folgt allmählich die Erleuchtung. Ohne beharrliche Anstrengung kann man aber nicht zur plötzlichen Einsicht gelangen." (vgl. Taijiquan-Lilun 2)

Die Fähigkeit des Verstehens der jin-Kraft beschränkt sich nicht nur auf die Hände und Arme, sondern auf den ganzen Körper. Um das zu erreichen ist es wichtig, dass das qi im ganzen Körper ungehindert fließen kann: "Leite das qi, wie durch eine neunfach gewundene Perle, wobei auch die kleinste Stelle durchdrungen wird." Der Schlüssel, um diesen Zustand zu erreichen, liegt in der Haltung. Eine aufrechte Wirbelsäule, Schulter und Nacken locker, der Kopf, als wenn er an einen Faden aufgehängt sei, das Kinn leicht zur Brust eingezogen und den Atem ins dantian sinken lassen. Bei den Partnerübungen ist es sehr wichtig, dem Gegner keine Kraft entgegenzusetzen, da es sonst zur doppelten Schwere (shuangzhong) kommt.
Dieser Zustand bedeutet Stillstand, was dem Fließen widerspricht.

2) Sammeln der jin-Kraft (xujin)

Xu bedeutet soviel wie sammeln oder sparen. Die Bedeutung von xujin liegt demnach in der Vorstellung von gesammelter oder verborgener jin-Kraft. In den "Mentalen Erklärungen zum Ausführen der 13 Grundbewegungen (Shisanshi xinggong xonjie)" heißt es. "Jin-Kraft sammeln (xujin), wie man einen Bogen spannt, jin-Kraft abgeben (fajin), wie das Abschießen des Pfeils." (vgl. Taijiquan-Lilun 4) Nach der Biegung (Ableiten, Ausweichen) kommt die Gerade (Angriff). Erst (gegnerische) Kraft aufnehmen und dann zurückschlagen. Demzufolge ist xujin grundlegend für die Anwendung der acht Handtechniken peng, lü, ji, an, cai, lie, zhou und kao.

3) Anwenden der jin-Kraft (yunjin)

Yunjin bedeutet soviel wie Bewegung bzw. Anwendung der jin-Kraft. Ein bekanntes Zitat aus der Taijiquan-Literatur heißt: "Yun jin ru bai lian gang." Es besagt, dass jin-Kraft zwar weicher Natur ist, doch durch unermüdliches Training und richtiger Anwendung in der Lage ist, jegliche Härte zu durchdringen. Dabei ist zu beachten, dass die jin-Kraft sehr exakt benutzt wird.
Bildlich zu vergleichen mit dem Ziehen von Seide aus einem Kokon. Yunjin kann noch in folgende Punkte unterteilt werde:

a) jin-Kraft neutralisieren (huajin)

Hua bedeutet neutralisieren. Huajin ist also als Kraftneutralisation zu verstehen. Huajin beruht auf Weichheit, um die gegnerische Kraft zu neutralisieren. Es handelt sich allerdings hierbei nicht um eine reine Verteidigung, sondern auch um die Absicht, den Schwerpunkt des Gegners in eine für ihn ungünstige Lage zu bringen. Dies ist der Moment, um anzugreifen. Dies bedeutet, dass man aus der scheinbaren Passivität des Nachgebens im Grunde genommen sehr aktiv orientiert ist. Ein Zitat aus dem "Klassiker des Taijiquan" beschreibt es so: "Der andere ist hart, ich bin weich - das nennt man mitgehen. Ich gehe mit, er macht das Gegenteil - das nennt man Kleben. Ist eine Bewegung schnell, dann antwortet man schnell.
Ist eine Bewegung langsam, dann antwortet man langsam. Auch wenn die Wandlungen zahllos sind, das Prinzip bleibt unveränderlich." (vgl. Taijiquan-Lilun 2)

b) jin-Kraft abgeben (fajin)

Die Bedeutung von fa liegt in "aus etwas herauskommen". Fajin ist demnach als angreifende jin-Kraft zu verstehen. Während des Angriffs sind Lockerheit und ein stabiler Schwerpunkt fundamental. Wie oben erwähnt, wird diese angreifende Kraft dann benutzt, wenn der Gegner sich im Ungleichgewicht befindet.
Wichtig dabei ist die genau Dosierung und die Richtung der Kraft. Neben den geraden Angriffen auf den gegnerischen Mittelpunkt gibt es auch Drehkräfte von oben, unten, links und rechts.
Im "Lied der schlagenden Hände (Dashouge)" heißt es: "Kleben, verbinden, anhaften, folgen, ohne den Kontakt zu verlieren oder dagegenzuhalten." (Taijiquan-Lilun 1)

Mittwoch, 4. April 2012

Das Leben verlängern. Die Jahre ausdehnen. Ewiger Frühling.

Von Jiang Changfeng, aufgeschrieben von Ma Zhenfu
Aus dem Vereinsmagazin Nr. 4, S. 11 der Jianquan Taijiquan Association Shanghai vom 15.1.1982

Das im In- und Ausland bekannte Taijiquan ist zusammengefasst eine herausragende Entwicklung aus den chinesischen Kampfkünsten, den Atemübungen, der Lehre des daoyin (die Lehre vom führen und leiten) und anderen Techniken. Schon im „Lied der 13 Grundbewegungen (Shisanshi gejue, siehe Taijiquan Lilun 2)“ wird auf folgendes hingewiesen: „Mache Dir bewusst, worin letztlich die Absicht besteht. Das Leben verlängern. Die Jahre ausdehnen. Ewiger Frühling.“

Das leitet uns von der Kampfkunst zum Ziel der Gesundheitspflege. Warum soll man Taijiquan üben? Doch letztlich wohl um Gesundheit und ein langes Leben zu erreichen. Das ist ein entscheidendes Merkmal des Taijiquan. Es bringt uns dazu, nach folgendem zu streben: Ein ruhiges Herz/Bewusstsein (xin) und den Gebrauch der Vorstellungskraft (yi). Die Bewegungen sind langsam und entspannt. Der ganze Körper ist in Harmonie. Innen und Außen sind vereint. So bildet sich eine umfassende Trainingsmethode. Diese stimmt genau mit den Vorstellungen der chinesischen Medizin überein. Bei der Vorbeugung von Krankheiten, der Stärkung der Körperkonstitution und der Verlängerung des Lebens spielt Taijiquan eine positive Rolle. Wenn die Anderen sie im hohen Alter um Ihre Jugendfrische beneiden sollen, denken Sie daran, dies ist keinesfalls leicht zu erreichen. Man muss sich lange Zeit einem hartem Training mit vielen Windungen und Wendungen unterziehen, um den Gipfel zu erklimmen. Ich übe jetzt seit einigen Jahrzehnten Taijiquan und habe bezüglich dieses Themas ein wenig Erfahrung. Daher möchte ich hier einige unvollkommene Ansichten besprechen, um mit ein paar dahin geworfenen Bemerkungen eine fruchtbare Diskussion anzuregen.


Wenn man Taijiquan zu erlernen beginnt, muss man zuerst nach einem ein guter Lehrer und hilfsbereiten Freunden suchen. Dann muss man die Stellungen der Form üben, bis sie fehlerfrei sind. Man muss aber unter allen Umständen vermeiden, dies nach einer begrenzten Zeit zu beenden, denn sonst macht man den Umweg des „das leichte Lernen verwandelt sich in schweres Lernen“. Gleichzeitig muss man an den Kernpunkten des Taijiquan arbeiten, z.B. die Gedanken sind gesammelt, das qi ins dantian sinken lassen (qichen dantian), aufrechter Kopf und leerer Nacken (xuling dingjin), Schultern senken und Ellenbogen hängen lassen (zhuizhou chenjian) usw. Früher oder später kann man das dann auch in alltäglichen Bewegungen verwirklichen. Man kann im Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen üben. Dabei bewahrt man stets die eigene Zentriertheit, korrekte Haltung und Ruhe und Entspannung. Diese kraftvolle Haltung unserer Kampfkunstvorfahren steckt voller Vitalität. Zusammengefasst ist der Rumpf so gerade, wie wenn man sagt. „Sich respektvoll halten und würdevoll sitzen.“ Dies ist das gute Vorbild für unser Üben.


Auf der Grundlage einer guten Taijiquan-Form ist der nächste Schritt in der Entwicklung das Pushhands. Die Form ist die Grundlage (ti) und das Können (gongfu) der Kenntnis von sich selbst. Das Pushhands ist die Anwendung (yong) und die Kenntnis vom Anderen (bezüglich ti und yong siehe Taijiquan Lilun 3). Dies beides ist miteinander verbunden und mit beiden gemeinsam kann man eine noch größere Gesundheitswirkung erzielen. Es gibt Leute, die verstehen Pushhands nur als eine Kampfkunst, mit der man sich mühelos wehren kann. Dies muss nicht so sein. Wie oben gesagt, kann sich das letzte Ziel des Taijiquan von „den Anderen schlagen“ zu „ein langes Leben erreichen“ verschieben. Dies kann letztlich nur in Erfüllung gehen, wenn beim Pushhands beide Seiten mit „Freundschaft ist das Wichtigste – weiches Neutralisieren herrscht vor“ üben. Dadurch kann nicht nur gegenseitiger Meinungsaustausch zur Kampfkunst erreicht werden, sondern es kann auch faszinierend und fesselnd sein und das Interesse steigern.


Zusammengefasst erfährt man durch Taijiquan Gesundheit und ein langes Leben. Am wichtigsten ist es, an gewissenhafter Praxis festzuhalten. Aber es ist auch wichtig, diese eng mit den Studien zur Theorie (lilun) zu verbinden, denn aus der sinnlichen Erfahrung kann man unaufhörlich eine Vertiefung der rationalen Erkenntnis erreichen. Die alten Klassiker des Taijiquan stammen aus der jahrzehntelangen praktischen Erfahrung großer Meister. Sie sind sehr gehaltvoll und nehmen Bezug auf die klassische Philosophie, die „Erklärung des taiji-Diagramms“ (siehe Taijiquan Lilun 1), die Lehre von yin und yang (siehe Taijiquan Lilun 2), die chinesische Medizin, die „Kunst des Krieges“ von Sunzi u.v.a. Darunter gibt es auch Thesen aus der modernen Wissenschaft, wie der Dialektik, Mechanik, Physiologie und Gesundheitspflege u.v.a. die zu gleichen Ergebnissen kommen. Während wir die Tradition pflegen und das Taijiquan üben, nehmen wir seine Essenz auf. Die Wissenschaft kann die Trainingsmethoden des Taijiquan verbessern, den Gesundheitseffekt erhöhen und neue Wege des Fortschritts hervorbringen.